Die Überlegungen und den Entschluß, ob Cannes zu verlassen und Bozen zu wählen sei, hatte Brater in der Hauptsache seiner Frau überlassen. Er selbst war wenig medizinisch veranlagt und traute ihr in diesen Dingen mehr zu als sich, auch beobachtete und verglich sie sein Befinden genauer, als er selbst es tat. Seine Gewohnheit, nicht viel an die eigene Person zu denken, aber doch gewissenhaft zu befolgen, was ihm die Ärzte verordneten, machten ihn zu einem Patienten, wie man sie selten trifft. Er behandelte seine eigene Krankheit so objektiv wie die eines anderen Menschen. War alles befolgt, was die Kur ihm vorschrieb, so hatte er auch weiter keine Gedanken mehr für sein Leiden übrig, es mochte dann gehen wie es wollte, sein ganzes Interesse wandte sich der Arbeit zu.
Von Bozen aus unternahm Brater mit den Seinigen einmal einen Ausflug nach Meran. Auf dem dortigen Kirchhof war Braters Vater begraben. Als ein neunundvierzigjähriger Mann hatte er, lungenleidend, zu seiner Erholung ein bis zwei Jahre in Meran zugebracht und war dort seinem Leiden erlegen. In ernsten Gedanken stand nun der Sohn am Grabe des Vaters, fast im gleichen Alter, als dieser gewesen, an der gleichen Krankheit leidend, mit derselben Erfahrung, daß keine Kur das Übel aufhalten konnte. Es war ein ergreifender Gang! Aber mit großer Selbstbeherrschung wurde jede schmerzliche Erregung, jeder düstere Ausblick in die Zukunft unterdrückt; ergeben in sein Schicksal wandte er seine Schritte bald wieder weg von dem Orte der Trauer, der Stadt zu, deren großartige Naturschönheit er Frau und Kindern zeigen wollte.
Auf Mitte Mai war die Heimkehr angesetzt. Er schreibt an Ernst Rohmer, der ihn bald zu sehen verlangte: »Morgen soll nun nach München aufgebrochen werden, wo wir am Donnerstag einzutreffen gedenken, die drei Frostheiligen sind vorüber und es kann, wenn der gute Wille vorhanden ist, jetzt auch bei uns eine anständige Witterung eintreten. Der Kontrast gegen Bozen, wo wir seit einiger Zeit abends 10 Uhr 17° R zu haben pflegen, wird immerhin ziemlich stark sein; kämen wir direkt von Cannes, so wäre es noch stärker und schon deshalb war die hiesige Zwischenstation gewiß zweckmäßig. Im ganzen komme ich, wie schon bemerkt, ziemlich unverändert zurück und es wird sich nun fragen, wie mir die Münchner Lebensart zusagt...... In München dürfen wir also erwarten, Dich bald zu sehen. Ich kann Dir unsere Wohnung nicht angeben, weil sich noch keine gefunden hat und wir uns vermutlich vorerst mit einem Interim behelfen werden. Es ist die schwere Not: ich soll nicht zu kalt und nicht zu warm, nicht hoch und nicht abgelegen, nicht im vorstädtischen Staub und nicht im städtischen Spektakel leben – wie läßt sich das machen?..... Pauline muß von München nach Erlangen gehen, um dort Geschäfte abzutun, es wird also darauf zu sehen sein, daß Ihr Euch in M. nicht verfehlt.«
Auf der Heimreise über den Brenner, Mitte Mai, bekamen unsere Reisenden in diesem Jahre den ersten Schnee zu sehen. In München wurden sie von der Schwester Julie empfangen, die einstweilen für ein provisorisches Unterkommen gesorgt hatte. Die Ärzte, die nach langer Abwesenheit ihren Patienten wieder sahen und untersuchten, sprachen von einer wesentlichen Besserung, die sich eingestellt habe. Dem Kranken selber und den Seinigen kam davon allerdings nichts zum Bewußstein, aber dieser ärztliche Ausspruch belebte dennoch die Hoffnung und erweckte neuen Lebensmut, so daß sich auch Brater sofort wieder in den Mittelpunkt der politischen Tätigkeit begab. In der Kammer sprach er nur noch selten, seine Stimme war schwach aber noch immer klar und wir lesen in einem Berichte jener Zeit: »Wenn er sprach, so lauschte die ganze Kammer.« Es war auch kein unnötiges Wort in seiner Rede, mußte er doch mit jedem Atemzug haushalten. Wenn er mühsam Stufe für Stufe die Treppe des Ständehauses hinaufstieg, ging jeder still und achtungsvoll grüßend an dem Manne vorbei, von dem alle erkannten, daß er seine letzte Kraft einsetzte. Seine Haupttätigkeit war die im Gesetzgebungsausschuß und diese Arbeit hielt ihn in den folgenden zwei Jahren meist in München fest, wenn auch nötige Erholungspausen ihn zeitenweise aus der Stadt hinaus ins bayerische Gebirg, einmal auch auf die Retraite, einem stillen Landsitz bei Bayreuth, führten. Während dieses Aufenthalts erhielt Frau Brater die Nachricht von dem Tode ihres Bruders Siegfried. Sie schreibt darüber: »Wie oft hatte ich meinem schwer leidenden Bruder ein sanftes Ende gewünscht. Nun ist mein Wunsch erfüllt, sanft und schmerzlos durfte er aus dieser Welt scheiden, aber so sind wir Menschen – die Freude, daß nun dieser schwer Geprüfte von allen Leiden erlöst ist, empfinde ich kaum, ich fühle nur immer und immer wieder den Schmerz des Nimmerwiedersehens....... Mein Siegfried war mir immer ein liebevoller und freundlicher Bruder, so weit ich zurück denke, und wie liebenswürdig und gemütlich war er im Verkehr, es war ein wohltuendes und behagliches Gefühl, sowie er nur ins Zimmer trat; auch meinem Mann war er immer eine liebe Erscheinung. Dies ist nun alles vorbei ..... Wie lieb man seine Geschwister hat, das weißt Du ja aus Deinem eigenen Herzen, sie sind eben das eigene Fleisch und Blut, eins ist durch das andere und mit dem anderen das geworden, was es ist, sie sind ein Stück des eigenen Wesens, gemeinsam trägt man die Erinnerung an Jugend und Elternhaus, die auch dem späteren Leben noch Licht und Wärme verleiht und bei niemand baut man so sicher und rückhaltlos auf Treue und Verständnis als eben bei Geschwistern ....«
Nach der Rückkehr der Familie Brater vom Land ergab sich ein längerer Aufenthalt in München, den die Eltern der Ausbildung ihrer Töchter zugute kommen ließen. Diese sollten sich auf das Examen in der französischen Sprache vorbereiten, um später Unterricht erteilen zu können. Frau Brater selbst war zwar durchaus keine Freundin von der damals noch ganz neuen Einrichtung, daß Mädchen Examen machen und sich auf einen speziellen Beruf vorbereiten sollten. Aber sie fügte sich dem Rate der beiden Schwägerinnen, denen die Kinder ihre Ausbildung verdankten, und erkannte auch, daß es ihrem Mann eine Beruhigung war, seinen Töchtern eine weitere Existenzmöglichkeit mit ins Leben zu geben. Als Gegengewicht für diese Arbeit und den ohnedies bei dem zunehmenden Leiden des Vaters ernsten Lebenszuschnitt ließ sie die jungen Mädchen auch Tanzstunden nehmen und freute sich, wenn sie dadurch unter fröhliche Jugend kamen. Das französische Examen, das heutzutage fast eine Woche in Anspruch nimmt und zu dem sich in mehreren Städten Bayerns alljährlich weit über hundert Mädchen einfinden, wurde damals nur in München, und zwar am Palmsonntag nachmittag abgehalten und außer unseren zwei Privatschülerinnen nahmen nur einige Mädchen aus dem bekannten Ascherschen Institut teil. Als die kleine Zahl um den Prüfungstisch saß, sahen die prüfenden Herren lächelnd auf die emsig schreibenden Mädchen und der eine sprach zum andern in dem Gefühl eines noch nicht dagewesenen Erlebnisses: »Welch ein Bild des neunzehnten Jahrhunderts!«
Nach einigen Wochen erhielten die Geprüften ihre Zeugnisse, und zwar hatte unseres Wissens jede der Beteiligten die Note I bekommen. Damals galt es noch, die Mädchen zu ermutigen, daß sie von der neuen Einrichtung Gebrauch machten, nicht sie zu sichten und zu sieben, um sich vor der Überzahl zu schützen.
Ein Brief von Frau Brater an Lina Rohmer läßt einen Einblick tun in ihr damaliges Münchner Leben: ».... Ich wollte Dir nur noch sagen, daß ich trotz der Massen von Bekannten und lieben Freunden doch niemand habe, der meine Anliegen so mit mir teilen und tragen könnte wie Du (d. h. ich sehe ab von meiner Schwägerin, die mir wie eine Schwester ist). Die Menschen sind im Durchschnitt sehr egoistisch und ganz von ihren eigenen Angelegenheiten durchdrungen und manche, die eine Ausnahme machen, haben nicht so das Verständnis für andere. So bin ich hier die Vertraute und Ratgeberin für manche Freundinnen, weil ich selbst schon manches Schwere durchgemacht habe und mich in die Lage der andern versetzen kann, aber was mich auf dem Herzen drückt, das kommt da nie zur Sprache, ich dränge mich nicht auf und fühle mich viel wohler dabei, das, was mein Innerstes bewegt, nur wenigen mitzuteilen. So kommt es nun, daß mich das vielbewegte Leben in München ganz kalt läßt, denn Du weißt ja, wie ich ganz von meinem Mann und Kindern abhänge und nur in ihnen meine Freude habe und kannst Dir somit auch denken, daß mir eine Sorge um sie so nahe geht, daß ich nicht leicht davon sprechen kann. So ist mir meines Mannes Befinden ein steter Kummer, denn wir können uns nicht verhehlen, daß es von Jahr zu Jahr etwas schlimmer wird und zwar in einer Weise, die eben recht peinlich ist; die Atmungsbeschwerden sind recht lästig, es ist ihm jetzt schon eine Treppe eine Schwierigkeit, natürlich entbehrt er unter solchen Umständen alle Körperbewegung und das ist auch nicht gut und so ist er eben in allen Dingen ein Leidender und als Leidender zu pflegen und ohne Hoffnung für die Zukunft, an die wir uns aller Gedanken entschlagen müssen. Du darfst indessen nicht denken, daß es gerade in diesem Augenblick nicht gut gehe, im Gegenteil, mein Mann arbeitet sehr viel, ohne Nachteil, und ist heiter, ja seine gleichmäßige Stimmung und freundliche Teilnahme für alles und alles, was die Seinen angeht, ist mir oft auffallend und ich denke mir oft: am Ende nimmt er sich nur unserthalben so zusammen, damit nicht auch wir darunter leiden sollen, und am Ende leitet ihn auch manchmal der Gedanke, daß man sich Liebes und Gutes erzeigen soll, weil man nicht weiß, wie lange Zeit einem noch dazu vergönnt ist. So leben wir in unserem Hause friedlich und glücklich, die beiden Mädchen ahnungslos und voller Lebenslust und Freude; wer uns oft zusammen lachen und schwätzen hörte, der würde nicht glauben, wie oft ich dagegen im stillen weine; oft mache ich mir auch Vorwürfe über meine Traurigkeit, denn jetzt steht ja noch alles gut, aber das hilft nichts, daß mein Mann krank ist, fühle ich zu jeder Stunde.«
Der Herbst 1869 führte die Familie wieder vorübergehend nach Erlangen und die beiden Töchter blieben auch dort zurück, als der Landtag einberufen wurde, über dessen Dauer man erst näheres erfahren mußte, um zu bestimmen, ob es sich lohne, die eigenen Möbel mitzubringen. Während nun die Mädchen in Erlangen auf nähere Weisung wartend einige Wochen dort blieben, spielten sich in München eigentümliche Landtagssitzungen ab; die neue Kammer konnte sich nicht einigen über die Präsidentenwahl, es ergab sich die gleiche Stimmenzahl für den einen Vorgeschlagenen wie für den andern. Brater, unfähig zu Fuß zu gehen, fuhr täglich ins Ständehaus, wo er mühsam Atem holend die Treppe hinaufstieg, um bei der Präsidentenwahl seine Stimme abzugeben und dann sofort wieder heimzukommen mit der Nachricht: Gleiche Stimmenzahl. So wiederholte sich der Vorgang dreimal, worauf die Kammer als beschlußunfähig aufgelöst und die Neuwahl angeordnet wurde. Die Kinder in Erlangen verfolgten diesen Hergang mit persönlichem Interesse. Ein freundliches Briefchen des Vaters vom 9. Oktober sagte ihnen, sie sollten die verlängerte Wartezeit benützen, um ein Kissen auf der Mutter Stuhl anzufertigen, zum Schmuck der eben gemieteten einfachen Wohnung in der Barerstraße. Zehn Tage später kam ihnen ein Telegramm der Mutter zu, das sie sofort nach München berief, da sich des Vaters Zustand verschlimmert habe. Unverzüglich reisten die Kinder ab, kamen in später Abendstunde an, und noch ehe der Morgen des 20. Oktober anbrach, hatten sie den Vater verloren.