Nun noch meine besten Grüße an Dein ganzes Haus ... in treuer Liebe Euere
Pauline.
Es findet sich von Braters Hand noch die Randbemerkung: »Gestern hat sich die Juchheschreierin über dem Schleppkleid einer kreolischen Hausgenossin, die bei ihr zum Besuch war, den Fuß vertreten und muß jetzt das Zimmer hüten!« Ein schönes Zeichen seines Optimismus bietet der Schluß seines eigenen Briefs, geschäftlichen und politischen Inhaltes: »Gott befohlen für das neue Jahr. Es geht in der Welt mit Ach und Krach, doch immer und immer vorwärts!«
Was Frau Brater von dem Aufenthalt in dem französischen, katholischen Luftkurort am wenigsten erwartet hätte, das wurde ihr und noch mehr ihren Kindern ganz ungesucht zuteil: eine religiöse Anregung. Die Hausbesitzerin, eine ältere Dame, und ihre nächsten Freunde gehörten der evangelischen Kirche, der »église libre« an. Sie kamen ihren protestantischen Mietsleuten als Glaubensgenossen freundlich entgegen und auf diesem Grund entstand bald eine wahre Freundschaft. Die kleine Gemeinde in Cannes hatte jenes warme Gefühl der Zusammengehörigkeit, das man immer dort trifft, wo es gilt, durch Einigkeit stark genug zu werden, um den von allen Seiten andrängenden Feindseligkeiten der übermächtigen Majoritätskirche zu widerstehen. Der sonntägliche Gottesdienst, dem jegliches Gepränge fehlte, hatte trotz oder wegen seiner Nüchternheit etwas ergreifend Ernstes und Wahres. Ohne Talar, im gewohnten schwarzen Rock, trat der Geistliche an den Tisch, der den Altar ersetzte und seiner klaren, schlichten Rede folgte jeder Zuhörer gespannt und aufmerksam. Nichts dröhnte salbungsvoll oder pathetisch über die Häupter hinweg, die Redeweise unterschied sich kaum von der des täglichen Verkehrs, es kam auch wohl vor, daß der Geistliche eine Zwischenbemerkung machte, wie etwa: »bitte die Türe zu schließen, es zieht,« daß er am Schluß der Predigt einige Bekannte aufforderte, mit ihm zu Mittag zu essen. So menschlich nahe war Frau Brater und ihren Kindern noch nie die Kirche getreten und so deutlich wie an den Gliedern der kleinen Gemeinde hatten sie nirgends sonst den vertiefenden Einfluß warmer, religiöser Überzeugung empfunden. Brater freute sich der Anregung, welche die Seinigen von diesen trefflichen Menschen empfingen, wenn ihm persönlich auch der Umgang mit ihnen durch seine geringere Kenntnis der französischen Sprache nicht möglich war. So weit ihn nicht die Kur in Anspruch nahm, führte er sein stilles Leben am Schreibtisch, versorgte aus der Ferne die politische Wochenschrift mit Beiträgen, die Redaktion des Staatswörterbuchs mit Korrekturen und lebte im Geist in seinem Vaterland.
So wäre alles recht, ja über Erwarten schön gewesen, wenn nur die Hauptsache, die Besserung des Leidens, der Erfolg der Kur nicht ausgeblieben wäre. Sechs Monate waren für den Aufenthalt in Aussicht genommen, nach Verlauf von vier Monaten schreibt Frau Brater an ihre Schwägerin:
Wir haben einen raschen Entschluß gefaßt und die Umstände bringen ihn zu rascher Ausführung: ich zeige Dir an, daß wir im Begriffe sind, Cannes zu verlassen und darnach trachten, in Gries bei Botzen ein Unterkommen zu finden. Die Besserung in Karls Befinden war nur eine scheinbare und es hat sich gleich darauf (ohne Veranlassung) eine dauernde Verschlimmerung eingestellt, die zwar nicht über die früheren Zustände hinausgeht, aber eben doch unerwünscht ist, so läßt mir die Befürchtung, daß für Karl ein Seeklima ungünstig ist, keine Ruhe mehr, ich habe Dir das ja schon früher einmal gesagt und Du bist am Ende über diese Neuigkeit des Übersiedelns weniger überrascht als wir selbst. Dazu kommt, daß der März hier wegen seiner Winde ein schlechter Monat ist und wenn es uns in Gries nach Wunsch gelingt, denken wir einen guten Tausch zu machen und hoffen, bei der jetzigen vorgerückten Jahreszeit keinesfalls zu verlieren. Ich habe unvermutet schnell die Wohnung angebracht und wir hoffen, die Sache mit unbedeutenden Opfern durchzubringen, doch sind wir Frauensleute alle in Tränen dagestanden, als wir den Kontrakt der Abmietung unterzeichneten. Mir tut das Herz weh den ganzen Tag und Anna hat immer die Augen voll Wasser. Das Leben hier hat uns viel Freude gebracht und wir verlassen treue Freunde, die wir wohl nie wieder sehen werden. Wir haben uns heimisch und wohl geborgen gefühlt und werden nun am Samstag schon aus unserem warmen Nest hinausgetrieben, ohne uns schon in Gedanken am zukünftigen erfreuen zu können... Wir haben eine schöne Reise vor uns, der Riviera entlang bis Genua, leider etwas teuer wegen der mangelnden Eisenbahn. Wie wir die Reise machen werden, wissen wir selbst noch nicht, ich habe die hübsche Mission, morgen nach Nice zu fahren, um wegen der verschiedenen Diligencen u. dergl. Erkundigungen einzuholen, ein gutes Stück Arbeit bei meiner Sprachfertigkeit, es ist mir nicht recht wohl bei dieser Angelegenheit.«
Die Verwandten und Freunde in der Heimat mochten es leicht verstehen, wenn Pauline nicht ohne Wehmut von der herrlichen Gegend, von dem Meere schied, das je wieder zu sehen sie kaum hoffte, aber daß der Abschied von solch neuen Bekannten, überdies französischer Nation, ihr und den Töchtern wirklich schwer wurde und überhaupt in Betracht kam, gegenüber dem Wiedersehen der alten, treuen Bekannten, dies konnten sie sich wohl schwer erklären, wenn sie nicht wußten, daß ein starker Einfluß ausgegangen war von den religiösen Naturen dieser kleinen Menschengruppe in Cannes und nicht selbst schon erfahren hatten, wie sehr der Mensch an diejenigen anhänglich ist, die sein Wesen irgendwie gefördert und bereichert haben. Schmerzlich war es unter allen Umständen, den Ort zu verlassen ohne jegliche günstige Wirkung der Kur. Aber in diesen Jahren bewährte sich das Wort: »Geteiltes Leid ist halbes Leid« gar sehr bei diesem Paar. Wollte einem von beiden der Mut sinken, so half das andere mit dem seinigen aus, und indem der Leidende jede Klage aus Liebe für die Mitleidende unterdrückte, hielt er sich selbst seine Trösterin frisch und anregend.
Die Reise in der kaiserlichen messagerie, d. h. in vier-, streckenweise sechsspänniger Post auf der herrlichen, längs des Meerufers sich hinziehenden Straße über Mentone, Nizza, San Remo bis Genua war ein großer Genuß, wenn auch mit Anstrengung erkauft, denn die Fahrt ging auch bei Nacht ohne Unterbrechung weiter. Frau Brater schreibt von Bozen aus an Ernst Rohmer:
»... Unsere Reise war vom Wetter begünstigt, K. hat sie glücklich zurück gelegt und wir freuen uns alle von Herzen, wieder im deutschen Vaterland zu sein, obwohl es vorderhand nur Österreich ist..... Unser Weg war Nizza, Genua, Mailand, Verona und dann vollends das Etschtal herauf; durch und durch interessant und schön, namentlich der erste Teil Nice–San Remo findet seinesgleichen selten, wir werden diese Herrlichkeit unser Lebtag nicht vergessen, das müßt Ihr sehen. – Nun sind wir in Bozen installiert und führen unsern Haushalt in einer großen, billigen Wohnung, mit aller Bequemlichkeit; daß wir vorderhand von unserm neuen Aufenthalt nicht sehr entzückt sind, ist kein Wunder, hier ist noch alles kahl, kaum einige blühende Bäume, und das Meer – wann werde ich das einmal wiedersehen, mir tut das Herz weh, wenn ich daran denke! Übrigens bin ich überzeugt, daß wir wohlgetan haben, und Karl fühlt sich hier behaglicher; Gott gebe, daß wir auch einmal von einer Besserung zu berichten haben!«