Damit war für Brater die Frage entschieden, denn für die Möglichkeit der Ausführung hatten andere gesorgt. In ergreifender Weise waren dem Kranken, noch ehe der Plan zum Entschluß gereift war, die Mittel zur Kur angetragen worden. Nicht nur von seinem treuen Onkel Meynier, sondern auch von Freunden, deren Beweggrund war, ihre nationale Gesinnung auch dadurch zu betätigen, daß sie dem Manne beistanden, der für die nationale Sache seine Kraft und Gesundheit eingesetzt hatte. Dies war ein erhebendes Gefühl für Brater und seine Frau und ein Beweis, daß nicht nur das Böse immer wieder Böses, sondern auch das Edle wieder Edles erzeugt. Das »Zuviel« wurde abgelehnt, das Nötige dankbaren Herzens angenommen. Nun handelte es sich um die Wahl des Ortes, es wurden damals Cannes, Hyères, Palermo und Montreux genannt und Erkundigungen eingezogen. Der Entscheid fiel für Cannes, die südfranzösische Stadt an der Rivièra. Eltern und Kinder bereiteten sich auf eine neue, lange Trennung vor, freundlich erklärten sich die Tanten Brater bereit, die Nichten für den Winter aufzunehmen, schon lag dieser Abschiedsschmerz schwer auf der Seele, da tat sich eine Möglichkeit auf, der Sparsamkeit und doch zugleich dem Herzenszug gerecht zu werden. Es wurde in Cannes eine möblierte Wohnung mit Küche ermittelt, in der die Familie eigene Wirtschaft führen und dadurch zu viert nicht wesentlich teurer leben würde, als zu zweit in einer Pension. Anna und Agnes, nun beide konfirmiert und der Schule entwachsen, sollten das Kochen besorgen und sich dadurch einigermaßen den interessanten Aufenthalt verdienen, der ohne eine solche Leistung nach den Grundsätzen der Eltern zu verwöhnend gewesen wäre. Die Freude der Kinder bei der Mitteilung, daß man sie auf solche Weise mit gutem Gewissen mitnehmen könne, war so überwältigend, daß dadurch diese ganze, aus trauriger Ursache unternommene Reise einen fröhlichen Charakter bekam.

Zunächst wurde noch ein vierwöchentlicher Kuraufenthalt in Stuttgart genommen, wo damals für Brustkranke eine Anstalt zum Gebrauche komprimierter Luft bestand. Ein Erfolg war wohl nicht zu verzeichnen, aber angenehm wurde der Aufenthalt durch den Verkehr mit dem Bruder, Professor Heinrich Kraz und seiner Familie, auch Kolomann Pfaff lebte in Stuttgart als Professor der Mathematik und das Zusammensein mit diesen Brüdern war eine besondere Freude vor dem Antritt einer Reise, die so weit ab von allen Lieben führen sollte. Im November ging die Fahrt über Genf, Lyon, Marseille, Toulon nach Cannes.

Frau Brater, die bei diesem Unternehmen nur an ihren Mann und dessen Erholung gedacht und über allem, was vor der Reise zu besorgen war, sich selbst vergessen hatte, war von einem unerwarteten Glücksgefühl überrascht bei dem Anblick des Meeres und der herrlichen südlichen Landschaft, in der nun für einen ganzen Winter ihr Aufenthaltsort sein sollte. Es kam ihr zum Bewußtsein, daß ihnen ungesucht aus dem Traurigen eine Freude erwachsen war, und weit entfernt, sich dieser zu verschließen, genoß sie mit Wonne das Schöne, öffnete auch ihren Kindern die Augen dafür und beglückte dadurch ihren Mann, dem es schon oft schwer geworden war, daß durch sein Leiden ein Schatten in die Familie fiel.

Auch die häuslichen Verhältnisse gestalteten sich angenehm. Dicht an dem evangelischen Kirchlein stand das Haus, dessen unteren Stock sie bewohnten und das in allen Stockwerken für Fremde eingerichtet war. Franzosen, Spanier und Engländer waren die Mitbewohner, die nun manchmal neugierig und staunend an der Parterrewohnung vorübergingen und in die offene Küche einen Blick warfen, wo die deutsche Hausfrau und ihre Töchter an der Arbeit waren. Zuerst glaubten sie wohl nicht, daß es Leute ihres Bildungsstandes sein könnten, aber allmählich wurde ihnen bekannt, daß der Herr ein Gelehrter mit dem Doktortitel sei. (Brater war kurz vorher zum Ehrendoktor der Universität Heidelberg ernannt worden.) So lernten sie deutsche Art kennen und auch hochschätzen. Und wie gerne wirtschafteten Mutter und Töchter zusammen, wie viel Neues war zu sehen, wenn sie ausgingen, um Küchenvorräte heimzuholen! Auf dem Markte standen die Metzger, um zahllose Hammelschlegel zu verkaufen, wunderliches Seegetier lag in Körben, die Gemüse waren auf dem Boden ausgebreitet. Stände mit Parfümeriewaren, Vanille und Porzellanknöpfen fehlten an keinem Markttage. Zwischen den Verkäufern trieben sich Kinder umher, bissen mit Lust in die ungeschälten Orangen, in die rohen Zwiebeln und begleiteten mit ausdrucksvollen Gebärden das Patois, das sie mit südlicher Lebhaftigkeit sprachen.

In den Kaufläden konnten die Fremden französische Höflichkeit kennen lernen. So einmal, als eines der jungen Mädchen, die sich noch gar nicht als Fräulein fühlten, in ein Geschäft trat und Sago zu kaufen verlangte. Man gab ihr Bescheid, daß Sago nicht in diesem Laden, jedoch in der Nähe zu haben sei, aber sie selbst durfte sich nicht bemühen, rasch wurde ein Junge danach geschickt, der »Mamichella« (Mademoiselle) einstweilen ein Stuhl – auf die Straße gestellt, da konnte sie Platz nehmen, bis das Gewünschte zu ihr kam!

Der Heimweg von solchem Ausgang führte eine Strecke weit am Meeresufer hin, das bei starkem Winde mächtig an den Steinwall brandete, der die Straße schützte. Am fernen Horizont war an solchen Tagen eine auffallende Erscheinung zu sehen: wie Berge, die aufstiegen und wieder abfielen – es waren die mächtigen Wogen der offenen See. »Bei uns ist’s so schön und herrlich« schreibt Pauline, »daß ich jeden Tag meine Freude habe, ja wären wir Menschenkinder imstande, nur der Gegenwart zu leben, so würde mir kaum etwas zu wünschen übrig bleiben, aber wir können uns eben nicht enthalten, vorwärts zu blicken!«

In den ersten Wochen überwog die Freude an dem Schönen, als sich aber gegen Weihnachten noch keine Spur einer Besserung zeigen wollte, klang Leid und Sorge in jedem Brief und dieser Klang wäre vielleicht noch stärker hervorgetreten, hätte Pauline nicht die drückende Mutlosigkeit vor ihrem Manne verbergen wollen. Wie sehr sie in dieser Stimmung empfänglich war für treue, teilnehmende Worte aus der Heimat, geht aus dem nachstehenden Brief an E. Rohmer hervor.

Lieber Ernst!

Dein langer Brief, in der vielbeschäftigten Weihnachtszeit geschrieben, ist mit voller Anerkennung und großer Freude empfangen worden, und da es bis zum letzten Augenblick den Anschein hatte, als sollte Euer Gruß der einzige Weihnachtsgruß aus der Heimat sein, entstand namentlich in der Phantasie meiner Kinder nach und nach eine förmliche Glorie um die Treue Deines Freundeshauptes, und als dann während der Bescherung noch zwei Briefe von den untreuen Erlangern einliefen, so wurde keine Absolution erteilt, denn es sei ein Leichtsinn, hieß es, so bis zum letzten Augenblick zu warten, und der Onkel Ernst sei eben immer der einzige Mensch, auf den man sich verlassen könne... Daß Dir unsere Briefe einen guten Eindruck betreffs der Gegend und des Klimas machen, ist ganz recht, wir schreiben natürlich ganz wahrheitsgetreu und hoffen nun auch, daß Du unserm Plan zustimmen und mit Deiner Gattin für den Monat April hierher kommen wirst. Dieser Plan ist nämlich bei uns bereits zum Beschluß erhoben, da wir überzeugt sind, daß Du gar nichts Gescheiteres tun kannst, der April ist bei Euch noch so recht der Monat für Zahnweh und Rheumatismen, während man hier Sommer haben wird; dazu ist die Reise an sich schon ein Vergnügen. Die Ausgabe ist nicht so groß, für 80 fl. à Person kommst Du bequem hierher, wir haben mit dritter Klasse u. dergl. à Person 54 fl. gebraucht. Hier finde ich Euch um diese Zeit gewiß ein erwünschtes Quartier und meine Mädchen haben bis dorthin sicher so viel Fortschritte in der Kochkunst gemacht, daß ich Euch mit gutem Gewissen an unsere Tafel laden kann. Also wenn Du in den nächsten Tagen Deinen Etat für das Jahr 67 machst, so hast Du ein paar hundert Gulden für eine Reise nach Cannes anzusetzen. Ein paar hübsche Ausflüge haben wir schon auf Euere Ankunft verschoben, nämlich eine Wasserfahrt nach der eine kleine Stunde entfernten Insel Marguerite, wo es wunderschön sein soll und wo seinerzeit der Mann mit der eisernen Maske residierte, und dann eine Fahrt zu Wagen auf das Kap Roux hinaus. Eine neue Zierde unserer Gegend haben wir inzwischen auf einer nahen Anhöhe entdeckt, nämlich eine ansehnliche Kette der schneebedeckten Seealpen, es sind mächtige Bergspitzen, die zum Teil 13000 Fuß erreichen. Also komm und siehe, denn Du kannst Dir eine solche Natur nicht vorstellen, die beständig im Sonntagsgewand einhergeht, und wenn ich zehn Jahre jünger und alles gesund wäre, ich glaube, ich würde den ganzen Tag nichts tun, als singen und Juhe schreien ...

Unsere Feiertage sind uns recht vergnüglich vergangen, etwas ruhiger als bei Euch, das ist gewiß, es wollte mir fast komisch erscheinen, als ich für meine zwei alten Kinder einen Baum bestellte, aber es rentierte sich doch, und sie freuten sich daran wie echte Kinder und waren sehr stolz über die Bewunderung, die er bei unsern Französinnen erregte... Was die Heilwirkung der hiesigen Luft betrifft, so können wir leider noch immer nicht viel Gutes sagen, es ist mir unfaßlich, daß meines Mannes Husten nicht nachläßt, ich hatte gedacht, daß bei dieser Lebensweise in einem Zeitraum von etwa acht Wochen doch schon eine kleine Besserung eintreten würde, es ist bis jetzt aber noch nichts zu bemerken, indes hoffe ich um so zuversichtlicher, daß sich die Besserung vorbereitet und dann dauerhaft zum Vorschein kommt. Karls gutes Aussehen deutet gewiß eine solche Vorbereitung an.