Prof. Dr. Ad. Wagner schrieb ihr: »... Ihnen muß es Stolz und Freude sein zu sehen, wie allgemein der Verlust Ihres Gemahls als ein schwerer für die Partei, für das Vaterland empfunden wird. Möge auch über seinen Tod hinaus sein Wirken von Einfluß bleiben und Früchte für Deutschland tragen, das wird ihm das schönste Denkmal sein...«
Nagel schrieb: »... Wohl wissen Alle, daß wir an ihm eine staatsmännische Intelligenz ersten Ranges, ein unersetzliches Führertalent an ihm verloren haben. Den meisten ist es nicht minder bekannt, daß in diesem schwächlichen Körper – zum leuchtenden Zeugnis für die Herrschaft des Willens, der moralischen Kraft über die Materie – ein stählener Charakter, ein Mann im vollen und ganzen Sinne des Wortes, in der Tat und Wahrheit eine Römerseele gewohnt hat; aber nur wir, die wir das Glück seines persönlichen Umgangs genossen, haben auch seine allgemein menschliche Seite, das Edle, Zarte, Reine seines Wesens vollkommen schätzen und lieben lernen können. Auch das konnten nur die näheren Bekannten völlig erkennen, wie bei ihm die Sache Alles, das Persönliche Nichts war; wie der Gedanke an das Ganze, die Hingabe an Staat und Vaterland ihn so völlig beherrschte und erfüllte, daß es einfach nicht möglich war, irgend ein persönliches Interesse, sei es auch noch so feiner und versteckter Art, sei es auch nur ganz unbewußt im Hintergrunde des Denkens und Wollens liegend, bei ihm vorauszusetzen. Diese reine und unbedingte Sachlichkeit war unter allen seinen seltenen Eigenschaften vielleicht die seltenste ...«
Prof. H. Baumgarten: »... Ich verfolge nun seit mehr als zwanzig Jahren die schweren Kämpfe unseres Volkes, um ein gesundes Dasein wieder zu gewinnen, ich habe im Süden und Norden einen großen Teil der Männer kennen gelernt, welche an dieser Arbeit einen hervorragenden Anteil genommen haben. Wenn ich aber sagen sollte, wer von allen diesen Männern einer großen Sache am reinsten, uneigennützigsten, unverdrossensten mit schwachem Leib und in bewegten Verhältnissen gedient habe, so würde ich keinen Augenblick anstehen zu erklären: Karl Brater... Ein so edles Leben so lange mit so ganzer Hingebung begleitet und mit voller Liebe gestützt zu haben, wie Sie getan, das ist ein schönes, beneidenswertes Los, und wie groß Ihr Schmerz sein muß, daß Sie nun von einem so guten und lieben Menschen getrennt sind, Sie sind doch unendlich viel glücklicher als Millionen, die heiter ein inhaltsleeres Leben führen. Wer so vom Leben gebildet worden ist wie Sie, der wird nicht klagen...«
»Sie sind unendlich viel glücklicher als Millionen?« ... In den Tagen, da sie diesen Brief erhielt, konnte Frau Brater dies nicht fassen, nicht zugeben, ihr ganzes Herz widersprach dem: Nein, nein, unter Millionen ist keine so unglücklich wie ich! Dies war der Schrei ihres Herzens. Aber Baumgarten hatte doch recht und wußte, was er sagte. Nicht nur die Erinnerung an das schönste Lebensglück meinte er, die ja ein unverlierbarer Schatz ist, nicht nur an die Schar treuer Freunde dachte er, die ihr und ihren Kindern zur Seite standen; ihm schwebte die höchste Errungenschaft vor, die sie aus diesem Bunde mit dem edeln Manne in sich trug, die Verwandlung ihres eigenen Wesens, die Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Hoch war sie durch ihn erhoben worden über alles Kleinliche, Selbstsüchtige, Unwahre, für das Große und Gute hatte er ihr Herz und Sinn erschlossen und dieses inneren Reichtums wegen war sie wohl glücklich zu preisen, auch jetzt, in der Stunde der Trauer. Und sie versank auch nicht in dem unendlichen Leid. Sie suchte nach dem, was sie darüber erheben konnte. In einem Brief an Rohmer preist sie alle diejenigen glücklich, die fest durchdrungen sind von dem Glauben an ein Wiedersehen im Jenseits und wünscht sehnlich, auch zu diesen zu gehören, da sie so viel Trost entbehre durch den Mangel an festem Glauben. »Aber ganz ohne Hoffnung bin ich nicht«, schließt sie diese Betrachtungen.
In dieser Stimmung kam ihr einer der Freunde zu Hilfe, der, selbst eine tiefreligiöse Natur und von lebendigem Glauben erfüllt, für Suchende und Schwankende einen Halt bieten konnte; es war Nagel. Gleich in seinem ersten Brief nach Braters Tod berührte er die Frage, welche, wie er ahnte, die Frau seines Freundes jetzt am tiefsten bewegen mußte.
Er schrieb: »Ich weiß nicht, ob Sie geneigt sind, die einzigen echten und wahren Trostgründe, die einzigen, welche das Menschenherz wirklich versöhnen können mit den Leiden und Schrecken des Daseins, ja selbst mit der furchtbaren Tatsache des Todes – ob Sie diese Gründe gelten lassen, unsere Anschauungen hierüber gehen ja wohl auseinander, doch vielleicht sind auch Sie von dem endlichen Wiedersehen überzeugt – was auch alles die bettelstolze Schulweisheit unserer Tage vorbringen möge, um den Menschen auch um diese Hoffnung ärmer zu machen. Und doch können wir diese Hoffnung zu unzweifelhafter Gewißheit erheben – wenn wir nämlich wollen.«
Diese Ansicht – wir können glauben, wenn wir wollen –, der Einfluß des Willens auf die Überzeugung, auf Glauben oder Unglauben, war Nagels tiefe Überzeugung und stand auch im Mittelpunkte seines später erschienenen Buches: »Der christliche Glaube und die menschliche Freiheit«. Diesem von warmer Überzeugung beseelten Manne sprach Frau Brater alle ihre Zweifel und religiösen Kämpfe aus und seine Briefe, sowie später seine Schriften gewannen für ihr Leben Bedeutung und warfen ein Licht in die dunkle Trauerzeit dieses ersten Winters, den sie als Witwe erlebte. Nach verzweiflungsvollem Ringen mit ihrem tiefen Schmerz raffte sie ihre Kraft zusammen, um den Kampf mit dem Leben, der ihr an der Seite des geliebten Mannes so leicht geworden war, nun allein weiter zu führen. Sie schrieb an ihren Bruder, daß sie seinem Rufe folgen und im März zu ihm kommen wolle.
Bis zu diesem Zeitpunkt konnte sie noch zusammen mit der Schwägerin, die ihre Trauer teilte, und mit den Töchtern dem Andenken des Verstorbenen leben, und ergreifend ist es zu lesen, wie sie noch mit lebhafter Empfindung die politischen Kämpfe der Partei verfolgt, zu deren Führern Brater gehört hatte. Sie schreibt an Rohmer: »Daß die Adreßdebatte nun zum Schluß gekommen, ist gar nicht mir zu wahrer Befriedigung ..... Mir scheint, unsere Leute haben da und dort den Anstand verletzt und sind auf das Niveau der Gegner herabgestiegen, das sie doch so sehr verachteten; natürlich mußte angegriffen, gestritten und das Herz an diesem Ort ausgeschüttet werden, aber kurz und bündig und ohne sich dann weiter in die Balgerei einzulassen, denn daß sie damit etwas erreichen würden, hat doch wohl keiner gedacht. Mir ist immer, als wäre es anders gegangen, wenn Karl noch als ›stiller Wächter‹ dabei gestanden wäre, die beiden Parteien müssen ja doch nebeneinander stehen, Karl hätte gewiß den möglichen Standpunkt erkannt und unwiderleglich bezeichnet für die beiden Parteien und die unwürdige Debatte wäre abgeschnitten worden ..... Ich habe den Eindruck, als ob über die Saat, die er ausgestreut hat, bereits ein böser Tau gefallen sei, und ich kann Dir gar nicht sagen, in welchem Maße mich dies schmerzt, es ist mir, als ob sein einziger geliebter Sohn ihm Unehre mache ..... Es wäre mir ein Trost, wenn Du oder andere die Angelegenheit nicht so schlimm aufgefaßt hätten wie ich .....«
Allmählich findet sie sich darein, ihren Mann diesen Kämpfen entrückt zu sehen:
»Die gegenwärtige Kammertätigkeit steht im grellen Widerspruch mit dem friedlich stillen Bilde, das ich im Herzen trage, und wenn ich diesen Kampfplatz auch noch immer für unser eigenstes Revier halten möchte, so durchdringt mich doch mehr und mehr der Gedanke, daß diese reine Seele nun zu einem höheren und vollkommenern Leben hindurchgedrungen ist.«