XII.
1870–1875

Als Frau Brater im Frühjahr 1870 mit ihren beiden Töchtern nach Erlangen übersiedelte, stand sie im dreiundvierzigsten Lebensjahr. Ihre flinke, bewegliche Art ließ sie eher noch jünger erscheinen, so wie auch ihre frische Gesichtsfarbe auf kräftigere Gesundheit schließen ließ, als sie tatsächlich besaß. Die heitere Umgangsform, die ihr von Natur eigen und in den Jahren tief innerlichen Glückes zur Lebensgewohnheit geworden war, blieb ihr auch in der Trauerzeit treu und so konnte jeder oberflächliche Beobachter glauben, sie sei der Aufgabe, den Haushalt des Bruders zu übernehmen, in jeder Hinsicht gewachsen. Und doch war dem nicht so, vielmehr gingen ihr die mannigfaltigen Anforderungen körperlich und gemütlich oft über die Kraft, und ihre Aufgabe war in der Tat keine kleine. Wieder galt es, sich möglichst sparsam einzurichten. Die Haushälterin wurde entlassen und nur ein Dienstmädchen beibehalten. Anna, die tüchtig gewesen wäre, mit anzugreifen in der Haushaltung, wurde zunächst zur Unterstützung einer befreundeten Familie nach Weimar berufen, Agnes war bald durch französischen Unterricht in Anspruch genommen, den zu erteilen sich günstige Gelegenheit bot. So lag viel auf der Hausfrau. Ihre vier Pflegekinder, zwei Knaben und zwei Mädchen, standen nun im Alter von acht bis zwölf Jahren, und es galt vor allem, sie wieder an die neue Ordnung zu gewöhnen. So leicht sich nun einzelne Kinder einzugewöhnen pflegen, wenn sie aus ihrer Umgebung herausgenommen und in eine fremde versetzt werden, so schwer ist es, wenn so ein Trüppchen beisammen in den gewohnten Verhältnissen bleibt und doch plötzlich ein anderes Regiment über sie kommt. Wer kann es ihnen verargen, daß sie sich in der gewohnten Freiheit beschränkt, in allen Rechten verkürzt, im täglichen Leben beengt fühlen? Mit einem tiefen Seufzer klagte die kleine Julie eines Abends bei Agnes: »Es gibt eben jetzt so viel, ach so arg viel, was wir nimmer tun dürfen und was wir vorher gedurft haben.« Und wer kann es andererseits der gebildeten Frau verargen, wenn sie mit den Forderungen des Gehorsams, der Wahrhaftigkeit und der Ordnung herantritt an ihre Pflegebefohlenen? Mußte sie es nicht tun, wenn ihr das Wohl dieser Kinder am Herzen lag, wie das ihrer eigenen? Aber eine Erziehung, die jahrelang gefehlt hat und dann plötzlich einsetzt, wird von Kindern schwerlich als Liebe empfunden. Traurig äußerte sie in jener Zeit: »Die Kinder, die mir so zugetan waren wie eigene, sind mir ganz entfremdet worden. Mit Furcht und Mißtrauen stehen sie mir gegenüber und verheimlichen all ihr Tun vor mir.«

Das waren große Schwierigkeiten und nur einer im Hause blieb wunderbar unberührt davon, Bruder Hans. Er setzte in seine Schwester das größte Vertrauen und hatte für seine Kinder eine rührende Liebe. Von der Stunde an, wo er Schwester und Kinder beisammen wußte, fühlte er sich glücklich und war voll der besten Zuversicht. Nach seiner Überzeugung mußten die Kinder die Tante lieben, und diese würde an der Erziehung alles gut machen, was versäumt war, die finanziellen Angelegenheiten ruhten bei ihr in besten Händen, also war allem Elend abgeholfen und man ließ ihn künftig in Ruhe mit Heiratsprojekten. Leichteren Herzens als seit Jahren ging er in sein Kolleg, paßte ihn doch die Haushälterin nimmer an der Treppe ab, um ihre Klagen über die Kinder und die Geldnot vor ihn zu bringen; fröhlich wanderte er durch Hof und Garten, die merkwürdig sauber aussahen, seitdem Pauline zwei Wagen voll Schutt hatte hinausschaffen lassen, zerbrochene Ofenteile, verdorbenen Hausrat, zersprungenes Geschirr, was alles in Jahren durch das Fenster in den Hof geflogen oder durch die Kinder in den Garten geraten war. Wenn er abends mit der Schwester im Garten saß, fühlte er sich glücklich und Pauline mochte ihn nicht behelligen mit Klagen über die mannigfaltigen Schwierigkeiten, gönnte sie es ihm doch so von Herzen, daß es ihm auch noch einmal gut ging im Leben. Hingegen schilderte sie in Briefen an Anna die unerfreulichen Zustände, die sie und Agnes im Hause vorgefunden hatten. Aber als sie aus Annas Briefen erkannte, daß diese infolgedessen sich gar nicht auf ihre bevorstehende Heimkehr von Weimar freuen konnte, suchte sie ihr wieder Lust und Mut zu machen und schrieb der Tochter:

..... »Du fragst, ob ich auch jetzt noch des Onkels Haus als unsern Aufenthalt wählen würde, und ich bin darüber keinen Augenblick zweifelhaft, so sehr sich auch oft das Herz abwendet von Verhältnissen, die mit den vergangenen so ganz im Widerspruch stehen.

Es würde uns wenig Erleichterung bringen, könnten wir auch die Form von ehedem noch mehr bewahren, wir würden dennoch jede Stunde inne werden, daß das Licht und die Sonne fehlt, die unser Leben bis hierher so glänzend erleuchtet haben. – Wenn ich manchmal hinuntergehe in des Vaters (früheres) Stübchen, wo sein Tisch und Stuhl steht, da wird es mir immer nur so untröstlich zumute, daß ich glaube, man kämpft sich leichter durch, wenn man sich entschließt, in Gottes Namen alles und alles dahinzugeben, da uns ja doch alles nur an den Verlust mahnt. Wenn wir des Vaters Beispiel befolgen wollen, so können wir auch nicht zweifelhaft sein, daß wir hier am rechten Platze sind. Sei überzeugt: wenn ich den Vater hätte fragen können, so hätte er uns das geraten, was ich nun getan habe, hat denn nicht auch er sich immer an den Posten gestellt, wo die Arbeit notwendig und dringend war, ohne Rücksicht auf die eigene Bequemlichkeit; ja wenn wir in diesem Hause tun, was in unsern Kräften steht, so leben wir nach seinem Geist und Vorbild und werden darin unser Glück finden. Daß man aus einem arbeitsvollen Leben mehr Segen und Befriedigung zieht, als wenn man seiner Neigung und Bequemlichkeit folgen kann, das ist ja eine Wahrheit, die nicht ich erst erfunden, wohl aber in reichem Maße erprobt habe. Für euch beide glaube ich, daß es auch jetzt schon am besten hier ist, habt ihr doch im Umgang mit eurem Onkel immer eine Anregung, die ihr außerdem schwer entbehren würdet, und oft denke ich daran, wie vielen Grund zur Dankbarkeit wir haben, daß er uns seine treue Liebe so zuwendet. Als neulich Frau Professor Thiersch eine von euch engagieren wollte, sprach sich der Onkel mit aller Heftigkeit dagegen aus, zuletzt sagte er noch: ›ich kann’s so nicht erwarten, bis die Anna wieder kommt, ich zähle jeden Tag.‹ Im ganzen sind wir doch auch schon ein wenig heimisch hier geworden und schwer ist nur die Kinderunruhe, die man eben den ganzen Tag hat und bei der man nicht zu Worte kommen kann, doch in Jahresfrist werden sie ein wenig wohlgezogen sein. Immerhin ist es aber gut, wenn Du Dir vergegenwärtigst, daß es hier zunächst einiges Entsagen gilt, Du wirst Dich dennoch da heimisch fühlen, wo ich bin .....«

Ganz allmählich besserte sich das Verhältnis zu den Kindern. Der älteste ihrer Pflegebefohlenen, Robert, ein sehr begabter Knabe, fühlte, daß ihm der Verkehr mit der Tante ganz ungewohnte geistige Anregung bot, und besprach sich gern mit ihr; bei dem jüngsten, dem kleinen Wilhelm, einem herzensguten Kind, hatte das Mißtrauen nie feste Wurzel gefaßt, er wandte sich bald wieder zutraulich an die Tante und diese Wandlung der Brüder blieb nicht ohne Einfluß auf die Schwestern. Doch wird sich bei Mädchen nie so leicht ein kindliches, vertrauensvolles Verhältnis bilden, weil sie viel zugänglicher sind für die Einreden törichter oder gewissenloser Leute, die in solch schwierigen Verhältnissen nie fehlen. Niemand hatte es je Frau Brater übel gedeutet, wenn sie die eigenen Kinder einfach hielt, aber bei Neffen und Nichten war das anders, und jedermann glaubte sich berechtigt, sich einzumischen. Derartige Schwierigkeiten lassen sich nicht in Wochen und Monaten überwinden, man muß da mit Jahren rechnen, ja es ist Lebensarbeit und wir sind alle unvollkommene Arbeiter. Frau Brater wäre die erste gewesen, das zuzugeben, nie war sie der Meinung, jederzeit den richtigen Ton getroffen zu haben. In späteren Jahren, aus der Ferne zurückblickend, glaubte sie manchen Fehler zu erkennen und war um so dankbarer dafür, daß schließlich alles gut geworden und sie in ihren alten Tagen die volle Liebe derer genießen durfte, denen sie Mutterstelle ersetzt hatte. In den Briefen aus der Zeit der größten Schwierigkeiten tut sie deren kaum Erwähnung, nur die Trauer, die unverändert in ihrem Herzen lebte, spricht sie manchmal ergreifend aus. So an Ernst Rohmer nach einem Besuch ihres gemeinsamen Freundes Nagel: »Ich habe Dich während Nagels Anwesenheit oftmals zu uns gewünscht ... Was mich vor allem mit wahrer Sympathie zu ihm hinführt, das ist die Ähnlichkeit, die er trotz aller Verschiedenheit im letzten Grunde mit meinem Mann hat, es ist dieses ernste, unermüdliche Wollen und dieses unbestechliche Anerkennen und Voranstellen der Wahrheit. Mich hat dieser tiefe moralische Ernst sehr bewegt, denn er hat mir das Beispiel meines lieben Mannes wieder lebhaft vor Augen geführt, ich sehe sein unermüdliches Arbeiten, auch wo es ihm schwer wurde, und so fühle ich mich veranlaßt, auch auf meinem traurigen Wege nicht schwach die Hände sinken zu lassen. – Ach, man muß eben ein ganz anderer Mensch werden, wenn man einen solchen Verlust erlitten hat, und wie lange, wie lange wird das dauern! Noch habe ich so gar nichts zustande gebracht, noch hängt mein Herz so ganz und ausschließlich an ihm, daß ich mir noch gar nicht denken kann, daß es anders werden wird; es ist ja nicht, als ob ich mich der Gegenwart verschlösse und gewaltsam die Vergangenheit festhalten wollte, im Gegenteil, ich seufze oft förmlich nach Erleichterung dieses bittern, bittern Schmerzes.«

Dieser Brief ist vom 12. Juni datiert. Allen denen, die in jener Zeit im eigenen Leid versunken sich sehnten, darüber hinaus gehoben zu werden, kam eine mächtige Hilfe von außen: einen Monat später wurde der deutsch-französische Krieg erklärt. Es läßt sich denken, wie dieses Ereignis, das auch die schläfrigsten unter den Deutschen aufzurütteln vermochte, in der patriotischen Familie des Hauses Pfaff-Brater widerhallte! Entrüstet über die leichtfertige Kriegserklärung der Franzosen schreibt Frau Brater: »Könnte man doch den Groll der deutschen Frauen nutzbar machen fürs Vaterland!« Was aber sie, wie alle national gesinnten Deutschen zunächst am meisten bewegte, war die Frage, ob Süddeutschland einig mit Preußen gegen Frankreich ziehen würde. Wir können uns heutzutage kaum mehr vorstellen, welche feindselige Gesinnung gegen Preußen damals noch in breiten Schichten des bayerischen Volkes herrschte. In einem Artikel des Volksboten vom Oktober 1868 finden wir folgende Stelle: »Wir tragen kein unnötiges Verlangen, an der Seite Frankreichs gegen unsere einzigen Feinde, die Preußen, in den Krieg zu ziehen, solange Frankreich allein fertig werden kann mit unsern Quälgeistern; wir wollen nicht Knechte und Vasallen werden, weder der Franzosen noch der Preußen; aber das wird man nicht verwehren können, daß viele in den Franzosen ihre einzigen Schützer gegen preußische Vergewaltigung, ihre einzigen Helfer in der Not, ihre Retter von der Annexion 1866 und – wenn Gott es will – ihre dereinstigen Befreier von dem unerträglichen Joche des brutalen Preußentums sehen. Frankreich bedarf unserer Hilfe nicht, solange es allein imstande ist, den tönernen nordischen Koloß zu demütigen, wenn nicht zu zerschlagen.«

Wir begreifen, daß bei solcher Gesinnung ein Zusammengehen aller deutschen Stämme gegen den äußeren Feind keineswegs gesichert war, ja in Frankreich war bei der Kriegserklärung zuversichtlich auf die deutsche Uneinigkeit gebaut worden. Daß sich unsere Feinde darin verrechnet haben, daß das nationale Bewußtsein doch den Sieg davon trug ist gewiß zum Teil auch das Verdienst solch treuer Vorkämpfer wie Brater, die ihr ganzes Leben dem Erwecken der nationalen Gesinnung geopfert haben. Als die Kunde von dem einmütigen Vorgehen der Deutschen kam und bald darnach die ersten Siegesnachrichten einliefen, drang der Jubel und das Dankgefühl auch der trauernden Witwe ins Herz.

In heller Begeisterung schreibt Frau Brater nach dem ersten Sieg bei Weißenburg an Rohmer:

Erlangen, 5. August 1870.