Lieber Ernst!
Es läßt mir keine Ruhe, ich muß heute noch ein paar Worte an Dich richten, denn der erste Sieg, wenn er auch noch keinen Schluß auf den letzten gestattet, läßt uns dennoch die namenlose, unbegrenzte Freude ahnen, die wir empfinden würden, wenn auch der endliche Sieg auf unserer Seite wäre!
Ich habe heute lebhafter als je zuvor empfunden, daß man im Glück der Teilnahme noch dringender bedarf als im Schmerz; diesen trägt man leichter in der Stille, aber wenn das Herz vor Freude überwallt, dann verlangt es mit stürmischer Sehnsucht dahin, wo es volle Teilnahme und volles Verständnis gefunden hatte, wo das Glück im doppelten Empfinden noch erhöht wurde. Ich weiß, daß auch du in dieser Zeit oft seiner gedenkst, als des Freundes, der mit Dir im vollsten Einverständnis gestanden war und als der treueste Freund, den er auf dieser Welt besessen hat.
Dennoch habe ich meinen lieben Mann noch mit keinem Gedanken zurückgewünscht.... Das Gefühl, daß er hoch über den Leiden und Freuden dieser Welt steht, hat mich ganz durchdrungen und es ist mir eine stete Beruhigung, wenn ich mir sein stilles Bild vergegenwärtige; wem die letzten Atemzüge so ganz den Ausdruck der seligen Ruhe verleihen, der hinterläßt den Seinen ein trostbringendes Andenken, und ich möchte jedem sagen, tut eure Schuldigkeit so treu wie er, so kann’s uns hier und dort nicht fehlen.
Daß mich unser Schicksal auf das mächtigste bewegt, wirst Du nicht bezweifeln, war es doch meines Mannes teuerste Herzenssache und noch habe ich auch nicht gelernt, mich an etwas zu erfreuen, was außer Zusammenhang mit ihm steht. In diesem Augenblick ist man nun in glücklicher Stimmung, aber dennoch bin ich mehr als sonst wohl dazu angetan, des Schmerzes zu gedenken, der nebenbei durch unser Vaterland zieht, wie viele heiße Tränen werden fließen um die, die uns mit ihrem Leben den Sieg erkaufen.
Hier war der Abschied unsres Bataillons, das viele Söhne hiesiger Bürger und Professoren mit sich nahm, ein sehr trauriger, so traurig, daß ich fast kleinmütig über unsre Soldaten wurde, aber ich glaube, es ist doch natürlich, daß in einem solchen Augenblick der Mensch stärker ist als der Soldat.
Wie wird sich unsre Sache entwickeln, das fragt man sich den Tag hundertmal; wenn die Zuversicht zum Sieg verhilft, so wird er auf unsrer Seite sein, daß er nicht auf unsrer Seite sein wird, das kann man sich nicht vorstellen und doch wird er schwer zu erringen sein, davon ist jeder überzeugt.
Es ist eine schreckliche Zeit und man bringt den Tag kaum herum, bis wieder eine Zeitung kommt; was mich indes bis jetzt am meisten in Aufregung setzte, ist die Beobachtung der auswärtigen Mächte und das Benehmen Englands (vielleicht deute ich es nicht ganz richtig), das empört mich in einem solchen Maße, daß ich vor Grimm und Verachtung zittere, wenn ich daran denke. O wenn es uns gelänge, unsre Sache rund und nett allein zum Siege zu bringen, denke nur daran, was das wäre! Was würde man denn da anfangen in seiner Freude, ich wüßte mir nicht zu helfen, kommt nur gleich und ohne Verzug hierher, sowie Ihr von einem großen Sieg hört. – Freust Du Dich nicht auch über die schöne Kriegspoesie, die schon entstanden ist, ein echt nationaler Krieg! Hast Du den Kladderadatsch? Er hatte das schönste Gedicht »An den Tyrannen«; wenn Ihr’s nicht habt, so schick ich’s Euch.
Ein anderer Brief aus dieser Kriegszeit schließt mit den Worten: »Gottloserweise gab ich mich auch einer recht herzlichen Schadenfreude hin, vielleicht muß ich die Sünde einmal büßen, tut nichts, jetzt finde ich es gar zu schön, wenn wir den großmäuligen Franzosen so wackere Schläge geben.«
Sieg auf Sieg folgte in den nächsten Monaten, das Interesse des ganzen Hauses richtete sich auf ein und denselben Punkt, die Kinder wetteiferten, wer zuerst eine neue Siegesdepesche heimbrächte, und durch allgemeine Illumination der Stadt wurde der Tag von Sedan gefeiert, von dem man damals hoffte, daß er den Frieden unmittelbar im Gefolge haben würde.