Mitten in dieser Siegesstimmung jährte sich der Todestag Braters und seine Witwe, die da glaubte, der Name ihres Mannes sei vergessen über den Helden des Tages, durfte erfahren, daß dennoch treulich seiner gedacht wurde. In den Münchner Neuesten Nachrichten erschien ein Artikel, der an den Todestag Braters erinnerte und dem wir folgende Sätze entnehmen: »Wenn wir mit jubelnder Begeisterung die Heldentaten unsrer Söhne und Brüder feiern, wenn wir in stolzer Trauer des Muts und der Opfer der Gefallenen gedenken, so werden wir auch des stillen Denkers, des beredten Kämpfers, des treuen Beraters Deutschlands, unseres Brater, dankerfüllt uns erinnern, der mitgeholfen, die herrlichen Siege unsrer Tage vorzubereiten und der, wenn auch nicht auf blutigem Schlachtfelde, doch auf dem Felde der Ehre, mitten in seinem deutschen Berufe fiel. Wir aber, und mit uns gewiß alle treuen Anhänger des Fortschrittes, erneuern das Versprechen, den Kampf, dem er zu früh entrissen wurde, in seinem Geiste fortzusetzen, damit all das, wozu er, der Edelsten einer, für das Vaterland den Keim gelegt, zur schönsten Entfaltung gelange.«

Wie wohl tat an diesem Jahrestag der Witwe schon das eine Wort: »Unser Brater«, so fühlte sie sich nicht alleinstehend mit ihrem Schmerz, die Freunde teilten ihn. Auch der Dichter Leuthold, der vorübergehend an der Süddeutschen Zeitung mitgearbeitet hatte, schrieb ergreifende Verse, die später unter seinen Gedichten gedruckt erschienen:

Auf Karl Brater.

Dein gedenk ich heute beim Sieg der großen
deutschen Sache, der Dein charakterstrenger
hoher Freimut, Deine gedankenklare
Seele geweiht war.

Wenn ein Held im Taumel der Schlacht nach tapfern
Taten hinsinkt, schmückt ihn der blut’ge Lorbeer,
sein Gedächtnis feiert die Zeit und dankbar
nennt ihn die Nachwelt.

Doch es bleibt die stillere Größe jener,
die zum Wohl des Volks in Gedankenschlachten
tropfenweis verbluten ein reines Leben,
minder beachtet,

Ja, es bleicht anspülend die Flut bewegter
Zeit die besten Namen, und mancher Grabstein
übermoost, manch geistige Tat entfällt dem
Mund der Geschichte.

Denn es hat der Lebende recht, die Menge
liebt, was glänzt, und käufliche Lippen preisen
jene nur, die willig das Lob mit vollen
Händen belohnen.

Doch dem Dichter ziemt es im Angedenken
seines Volks, die Toten erstehn zu lassen
und die denkmallosen Gedankenhelden
würdig zu ehren.

Vier Wochen waren seit diesem traurigen Gedenktage verstrichen, November war es und in der nördlichen Wohnung kalt und dunkel, da fiel plötzlich ein Sonnenstrahl ins Haus, so warm und belebend, daß er auch Frau Brater ins innerste Herz drang und endlich wieder ein glückliches Strahlen auf ihrem Gesicht hervorrief: Ihre Tochter Anna wurde Braut. Der Bräutigam, Universitätsbibliothekar Dr. Dietr. Kerler, war ihr als ein vorzüglicher Charakter und als politischer Gesinnungsgenosse ihres Mannes längst bekannt, ohne Sorge konnte sie zu dieser Verbindung ihren Segen geben.