Auf welche Weise das Band zwischen dem jungen Paar entstanden war, das hat sie selbst, fünfundzwanzig Jahre später, bei Kerlers silberner Hochzeit in launigen Versen mitgeteilt.

Sie schildert die bescheidenen Verhältnisse, in denen die kleine Anna zur Welt kam und fährt fort:

Wie die Mutter dies ihr Kindlein
erstmals auf den Armen trägt,
eine Frage an das Schicksal
unwillkürlich sie bewegt:
Ob wohl dieses kleine Würmlein
unbewußt jetzt auf der Erde
seinem Ziel entgegen wachse,
auch einst eine Mutter werde?
Und ob schon vielleicht ein Bürschlein
irgendwo zur Schule müsse,
daß es seinerzeit zur Jungfrau
sichern Weg zu finden wisse?

Wie die Mutter also dachte,
war’s noch frühe Morgenstunde,
Winter war’s und kalt und finster,
keine Ahnung gab ihr Kunde,
daß fürwahr ein solcher Bursche
war im Deutschen Reich vorhanden
und in dieser frühen Stunde
schon in Ulm war aufgestanden.
Dietrich hieß der stramme Junge,
riß sich los aus Schlafes Armen,
nicht dem eignen Antrieb folgend,
nein, ein Wecker ohn’ Erbarmen
geht durchs ganze Land der Schwaben
wo man nur ein Bürschlein kennt,
daß es zur Tortur sich rüste,
die man Landexamen nennt.
Denn in diesem biedern Lande
ist ein Knäblein kaum geboren,
wird’s schon in der Wochenstube
für ein Kloster auserkoren.
Und so gähnt und lernt der Junge
schon in dieser düstern Stunde,
denn auch ihm gab keine Ahnung
von dem kleinen Sternlein Kunde,
das soeben aufgegangen
und bestimmt war seinem Leben,
was es nur an Liebe wünschte
seinerzeit vollauf zu geben.
Doch zu blicken in die Ferne
Hat er weder Zeit noch Ruh’,
denn Examen und »pro locos«
gehen scheinbar endlos zu,
Griechen, Römer und Hebräer
trägt ausschließlich er im Herzen
und die deutschen Jungfrauen machen
ihm noch lange keine Schmerzen. –
Doch auch hier, wie allenthalben,
fliehn die Jahre pfeilgeschwind,
Klöster, Stift und alle Plagen
glücklich überstanden sind.
Auch das letzte der Examen
bringt er glänzend hinter sich
und ganz würdig auf der Kanzel
sieht man nun den Dieterich!
Doch wie kam’s, daß er so kurz nur
auf dem schönen Posten stand
und auf einmal ostwärts schielte
nach dem fremden Bayernland?
Scheinbar war es die Geschichte,
die ihn fortgetrieben hat,
er erfaßt sie und er wandert
ihrethalb von Stadt zu Stadt.
Schließlich kommt er in Erlangen,
diesem kleinen Städtchen an,
sonderbar dort bleibt er hangen
und wird dort ein Büchermann.
Aber wo ist denn das Mägdlein,
das damals geboren war?
Nun, es ist längst aus der Wiege,
geht zur Schule Jahr für Jahr
ist ein junger Backfisch worden,
fleißig rührig ohne Rast,
doch vor allem die Geschichte
hat mit Eifer sie erfaßt;
einstmals kam man in Erlangen,
diesem kleinen Städtchen an,
und sie wünscht sich ein Geschichtsbuch,
geht deshalb zum Büchermann.
Dieser, freundlich wie er immer,
hat das Buch ihr anvertraut,
doch viel tiefer als es nötig
in die Augen ihr geschaut!
Sie, halb Kind noch, denkt sich gar nichts,
bald auch zog man wieder fort
und lebt nun drei volle Jahre
fern von diesem lieben Ort.
Doch es kommt die Zeit der Rückkehr
und man siedelt fest sich an
und an jene Augen denkend
schleicht ins Haus der Büchermann.
Ja nun ist es etwas andres,
sie die Jungfrau, er der Mann,
haben sich’s nun gegenseitig
mit den Blicken angetan!
Und die Frage an das Schicksal,
die die Mutter einst gestellt,
überglücklich und bejahend
ist gelöst vor aller Welt.

Von der ersten Stunde an, da dieser Bund geschlossen wurde, war Frau Brater der festen Überzeugung, daß die Verbindung eine tief beglückende werden würde. Sie schrieb an ihre Freundin Emilie, geb. Kopp: »Dein Brief kam in ein freudevolles Haus, denn mein Brautpaar ist so glücklich, als ich es nur wünschen kann, so glücklich, daß es mir ist, als sähe ich mein eigenes schönes Leben wieder aufblühen, ich freue mich dieses Glückes aus ganzem Herzen, aber dennoch, dennoch nur unter viel heißen Tränen. Wenn ein Herz so lange in Sorge und Schmerz gestanden ist wie das meine, dann ruft jede Erregung, auch die freudigste, die zurückgedrängten Empfindungen aufs neue wach. – – Anna hat sich einen kostbaren Schatz erworben und ich wüßte kaum einen Mann, dem ich mein Kind mit solcher Freudigkeit und Zuversicht geben würde ..... und ich weiß, daß auch mein lieber Mann sich dieser Verbindung erfreuen würde; sie kannten sich noch und Kerler spricht mit großer Liebe von unserem teuren Geschiedenen.

Doch ich will ein Ende machen mit dieser Angelegenheit, Du siehst, daß sie unser Herz sehr bewegt, die Freude ist uns eben immer noch eine ungewohnte Empfindung; wir hatten hier in Erlangen schwere Tage, und das Eingewöhnen wollte nicht recht gehen; wenn einem das eigene Leben abgeschlossen, sein Zweck erfüllt scheint, dann dünkt es einem zuweilen fast unmöglich vorwärts zu steuern, vorwärts wo das Herz mit aller Macht nach rückwärts strebt, und ich habe in diesem unruhigen Haushalt hier kaum einen Augenblick Zeit, um das zu denken, was meinem Herzen lieb und teuer ist. Dennoch habe ich in diesem schmerzvollen Jahr gelernt allein zu sein, ich bin’s gewöhnt mein Teuerstes für immer entbehren zu müssen ... aber eines ist mir auch klar geworden: ich weiß daß nichts, nichts mich von ihm trennen kann, je mehr die Zeit und die Verhältnisse mir ihn entfernen, je mehr erkenne ich, daß wir uns unlöslich verbunden sind, daß ich ihm einzig und allein angehöre, und oft, oft wenn ich nach der Unruhe des Tages in der Stille der Nacht mit meinen Gedanken allein bin, dann steht das geliebte Bild vor mir – es ist mir, als könnte ich seine Hand fassen ...«

Wenn nun auch die Trauer im Herzen oft die Oberhand gewann über die Freude, so war die Mutter doch weit entfernt, dadurch das bräutliche Glück der Tochter zu trüben. Ihr Brautpaar sollte nichts davon ahnen, daß sie beim Anblick ihres Liebesglücks mit Schmerzen daran dachte, wie auch sie einmal das bittere Leid der Trennung erfahren würden. Sie freute sich mit den Fröhlichen und drängte den Kummer ganz zurück bis sie allein mit ihm war in der Stille der Nacht. Und das ganze Haus stand unter dem Einfluß des glücklichen Brautpaars; der Schimmer des nahen Hochzeitsfestes verband auch die Kleinen mit den Großen in fröhlicher Vorfreude und Geschäftigkeit. Dazu kam im Januar die Freude, die allen Deutschen das Herz bewegte: der große Tag in Versailles, die Gründung des Deutschen Reiches als schönster Erfolg des Krieges. Der 10. Mai brachte den lang ersehnten Frieden, der 28. Mai das schöne Familienfest, die Hochzeitsfeier.

Das junge Paar ließ sich in Erlangen nieder, so trübte kein Trennungsschmerz das fröhliche Fest, Frau Brater sah ihre Tochter als glückstrahlende junge Gattin dem geliebten Manne folgen. Sie blickte bei diesem Lebensabschnitt in die Zukunft ihres Kindes, sich selbst prüfend und erwägend, ob sie getan hatte was in ihrer Macht stand, um sie für das Leben auszubilden. Schon mancher Mutter ist es in solcher Stunde plötzlich klar geworden: Du hast Deine Tochter verwöhnt und sie dadurch im Egoismus heranwachsen lassen. Eine Egoistin kann aber den Mann nicht glücklich machen und kann sie nicht glücklich machen, so wird sie auch nicht glücklich sein. Solche Überlegungen lagen Frau Brater um so näher als sie durchdrungen davon war, daß es viel mehr in der Hand der Frau als in der des Mannes liege, eine Ehe glücklich zu gestalten, ja in ihrer starken Ausdrucksweise sagte sie: Für jede unglückliche Ehe mache ich die Frau verantwortlich. Vielleicht entsprang diese Ansicht aus dem unbewußten Gefühl, daß es ihr mit ihren glücklichen Gaben und der seltenen Mischung von Energie und Hingebung jedem Manne gegenüber gelungen wäre, zu verhüten, daß ein schlechtes Verhältnis entstünde. Sie äußerte manchmal: »Es ist eigentlich noch wichtiger, daß die Frau gescheidt ist, als der Mann«, und man versteht das, wenn sie der Frau zumutet und zutraut, die Ehe in ihrer ganzen Schönheit auszubauen.

Frau Brater konnte bei dem Rückblick auf ihr Erziehungswerk über den Hauptpunkt beruhigt sein: verwöhnt hatte sie die Kinder nicht, auch in der eigenen Ehe niemals das Beispiel des Egoismus gegeben, so konnte sie getrost auf das eheliche Glück des jungen Paares hoffen.

Bei der Hochzeitsfeier ließ sie sich nicht anmerken, wie unsäglich wehmütig und schmerzlich ihr zumute war, daß sie diesen Tag ohne den geliebten Mann begehen mußte. Sie verschloß tief im Herzen die Trauer, wenn sie unter den Gästen saß und widmete sich diesen vollständig. So verlief das Fest freudig für alle, die daran teilnahmen. Bei solchen Anlässen kam Frau Brater das gesellige Talent zuhilfe, das sie in hohem Grade besaß. Sie glaubte nicht den Geladenen genug zu tun, wenn sie für deren leibliche Verpflegung gesorgt hatte, sie hielt es für ebenso wichtig, daß Geist und Gemüt ihrer Gäste nicht leer ausgingen, und wie sie dieser geselligen Pflicht unzählige Male in ihrem Leben nachgekommen war trotz schmerzenden Kopfes und brennender Augen, so tat sie es nun mit wehem Herzen und verborgener Trauer, und gab den fröhlichen Ton an, der allen wohl tat.