Heute war geradewegs der Teufel los, aber bekanntlich wird ein Gewürge gerade dann komisch, wenn man es unmöglich mehr beherrschen kann, sondern alles drunter und drüber gehen läßt.
Ich begann meinen Tageslauf mit der großen Bügelei, die mit allen Zimmerherrnvorhängen ziemlich umfangreich war, zu gleicher Zeit stellte sich der neue Gärtner ein und extra meinen Vorhängen zum Trotz der schon vor Wochen bestellte Zimmermann für den Gartenzaun, dann kam der Schlosser für das Tor, dann Herr Ebrard, dann Sophie Schnizlein, dann Anna mit der Kleinen, dann eine Ladung für den Nachmittag aufs Rentamt, dann Emma Schunck zu einer Schirtingsteilerei; Ricke stöberte und fegte unten und bekanntlich klingelt es dann alle Minute, schließlich klingelte dann auch noch Herr K. (ein Studierender, der bei Frau Brater einen Freitisch hatte) zu Klößen und Sauerbraten und sprach heute noch weniger als gar nichts... Schließlich hängen nun doch alle Vorhänge, die Betten sind gesonnt und überzogen, kein Stäubchen mehr ist im Zimmer und morgen kann der Zimmerherr seinen Einzug halten.... Schreibe Du nur bald wieder, denn wenn ich auch nicht viel Zeit habe, Dich zu vermissen, so vermisse ich Dich in kurzen Augenblicken um so ergiebiger und es ist mir, als sei’st Du schon 14 Tage weg!«
Wenn sich in diesen bewegten Jahren Frau Brater die Freude gönnte, ab und zu ein paar Stunden in dem glücklichen, friedlichen Heim der Familie Kerler zuzubringen, so wurde sie bei der Rückkehr meist schon an der Haustüre von Groß und Klein mit allerlei Anliegen überfallen und im Chor fragender, bittender oder auch streitender Stimmen die Treppe hinaufgeleitet. Das war im einzelnen Falle wohl ungemütlich, aber liegt nicht für jede Frau doch auch etwas Beglückendes in dieser Unentbehrlichkeit? Im Ganzen betrachtet war es doch ein Segen, daß sie noch ein so reiches Feld der Tätigkeit hatte, eines das sich noch erweiterte, als sie im Sommer 1872 Großmutter wurde.
Als sie ihr erstes Enkeltöchterchen in Empfang nahm, war sie erst Mitte der Vierzig, man sah ihr die Würde nicht an, wohl aber die Freude. »Ich mag es kaum eingestehen, welches Entzücken das liebe Geschöpf bereitet,« schreibt sie in Erinnerung daran, daß sie sich als junge Frau gehütet hatte, das Lob ihrer eignen Kinder zu singen. Bei dem Enkelkinde konnte sie diese Zurückhaltung nicht mehr über sich bringen, der Großmutterfreude ließ sie freien Lauf. Die Wonne über dies prächtig gedeihende Kind spricht aus allen Briefen der folgenden Jahre. Freilich, wenn die Eltern des Kindes dieses verwöhnt oder zu sehr in den Vordergrund gestellt hätten, so wäre ihre Freude an der Enkelin gleich getrübt worden, denn ihre Erziehungsgrundsätze waren ein Teil ihres Wesens; sie verleugnete dieselben auch nicht bei den Enkelkindern. Kam die Kleine zu Besuch in das großmütterliche Haus, so sorgte die Großmutter, daß ihr nicht von allen Seiten Beachtung, überschwängliche Begrüßung zuteil wurde oder die originellen Äußerungen des Kindes belacht und in seiner Gegenwart weitererzählt wurden. Sie hatte am liebsten, wenn das Kind für sich allein spielte, begünstigte das soviel sie konnte und sorgte, daß der Tätigkeitstrieb der Kleinen nicht zu sehr durch Rücksicht auf die Kleider beschränkt werden mußte. Sie sah sie deshalb am liebsten in den von ihr selbst gestrickten Kittelchen mit bunten Röckchen, an denen nicht viel zu verderben war. Mit Vergnügen ließ sie dann das Kind »Salat waschen« d. h. mit Gras und Kraut im Wasser patschen, Seifenblasen machen und dergl. Wurde dann auch alles tropfnaß, so war doch die Kleine seelenvergnügt dabei.
Vier Jahre später gesellte sich noch ein Brüderchen zu der kleinen Berta, und wenn allmählich wieder Glück und Lebenslust aus Frau Braters Worten und Briefen sprach, so waren es die Enkelkinder, die junge Familie Kerler, die solchen Ton anklingen ließen.
Übrigens fehlte es ihr auch sonst nicht an verwandtschaftlichen Beziehungen in dem alten Erlangen, wo außer den drei Familien Pfaff nun auch die Familie Sartorius lebte und manchen Sonntag zog eine große Schar von Abkömmlingen der guten Frau Pfaff hinaus nach den beliebten Örtchen der Umgegend, nach Bubenreuth, Rathsberg und Sieglitzhof, und die heranwachsende Jugend dieser kinderreichen Familien verkehrte fröhlich zusammen. Schwager Sartorius, Rektor am Gymnasium, und seine Frau Lina, geb. Rohmer waren wohl diejenigen, die zu jener Zeit am fleißigsten Frau Brater aufsuchten. Die Freundschaft mit ihr war ja die Brücke gewesen, die diese Beiden zusammengeführt hatte und immer standen sie im besten Einvernehmen mit ihr. In einem scherzhaften Gelegenheitsgedichte sagt Frau Brater von ihrem Schwager Sartorius: »Doch der Mann von Stahl und Eisen, läßt sich absolut nichts weisen.« Mit solch eisenfesten Ehemännern ist nicht immer leicht auszukommen, mögen ihre Grundsätze noch so vortrefflich sein. So kam denn nicht selten Frau Lina Sartorius zu der Schwägerin hinaus, um häusliche Nöte mit ihr zu besprechen, so z. B. wenn sie Fenstervorhänge anschaffen wollte und der gestrenge Eheherr erklärte, solange der Staat seine Beamten so schlecht besolde, daß es kaum zum Nötigen reiche, dürfe man sich keinen Luxus gestatten und es sei ganz recht, wenn jedermann auf den ersten Blick sehe, daß zu solchen Ausgaben der Gehalt nicht reiche. Die Ehefrau hingegen fand, daß bei solch schönen Grundsätzen ihre Zimmer nicht schön aussähen und wollte die Vorhänge durchsetzen.
Hatte sie dann bei einer Tasse Kaffee mit der Freundin diese und ähnliche Schwierigkeiten besprochen, so kam gegen Abend der Schwager, um seine Gattin abzuholen. Mit schlauem Lächeln trat er vor die Frauen, denn er dachte sich wohl, was sie verhandelt hatten. »Habt Ihr recht über mich losgezogen?« fragte er und sie antworteten lachend: »Jawohl, die ganze Zeit.«
Wie es mit den Vorhängen ausfiel, weiß niemand, wohl aber, daß das Ehepaar immer in schönster Harmonie von der Schwägerin nachhause kehrte.
XIII.
1875–1883
Im Sommer 1875 hatte Frau Brater zum zweitenmal eine Braut im Hause. Ein Jugendfreund Kerlers, wie dieser in Ulm aufgewachsen, suchte den ehemaligen Schulkameraden auf, traf ihn ganz unvermutet schon in einer netten Häuslichkeit mit einer lieben Frau und dachte bei sich: So gefiele mir’s auch. Als nun der Zufall die Schwester der jungen Frau an den Kaffeetisch führte, gestaltete sich dieser allgemeine Wunsch zu einem bestimmten Plan. Der junge Mann wiederholte seinen Besuch und eines Tages erhielt Frau Brater aus dem württembergischen Städtchen Blaubeuren einen Brief in dem der damalige »Stadtschultheiß« (Bürgermeister) Sapper um die Hand ihrer zweiten Tochter anhielt. Im Juni wurde die Verlobung gefeiert.