Frau Brater beantwortete die Glückwünsche der treuen Nördlinger Freunde:

... »Ich weiß ja, daß Ihr mir und meinen Kindern gerne etwas Gutes gönnt, daß nun diese Verlobung etwas Gutes ist, kann ich nicht bezweifeln, wenn ich in Agnesens glückliche Augen sehe; ich selbst kenne den Bräutigam sehr wenig und wenn ich auch bei der kurzen Bekanntschaft rasch ein volles Zutrauen gefaßt habe, so fühle ich doch jetzt bei der Trennung von ihm, daß wir uns noch ziemlich fremd sind, und der Gedanke, daß, wenn er nun wiederkommt, er mir mein einziges so sehr geliebtes Kind entführen wird, dieser Gedanke bewegt mich tief und rührt an manchen durchgekämpften Abschiedsschmerz.«

Schon nach drei Monaten kam der Bräutigam um die Braut heimzuholen. Wohl gab es wieder ein fröhliches Hochzeitsfest, diesmal aber mußte eine Trennung folgen. Frau Brater fiel es schwer, das letzte Glied der eigensten Familie herzugeben. Auch die Braut trennte sich unter bitteren Tränen von der Mutter, mit der sie in den letzten Jahren besonders innig zusammen gewachsen war.

Man möchte sich oft wundern, wenn man sieht, wie ein junges Mädchen, das zuhause in warmer Liebe und schönster Harmonie mit den Ihrigen gelebt hat, überdies noch neben dem Berufe der Haustochter einen Lehrberuf hatte, dem sie mit Eifer nachging und der sie pekuniär selbständig machte, wenn ein Mädchen ein solch befriedigendes, sorgenloses Dasein unbedenklich hingibt gegen ein ungewisses Los, in ganz fremden Verhältnissen, an der Seite eines Mannes, der ihr, wenn auch noch so lieb, doch vor Jahresfrist noch unbekannt war. Dabei hat sie nicht einmal das Gefühl einer mutigen Tat, eines großen Wagnisses, sie folgt unbedenklich einem inneren Triebe. Sie bringt es über sich, alles zu verlassen, um denselben Weg zu gehen, den einst die Mutter gegangen war. Und je glücklicher die Ehe war, aus der ein Kind entsprossen ist, um so zuversichtlicher wird es wieder von der Ehe alles Glück erwarten.

Der dritte Oktober war der Hochzeitstag und schon vom vierten ist der erste Brief datiert, den die Mutter der jungen Frau nach Koblenz sandte, wohin die Hochzeitsreise sie führen sollte.

»Liebes teures Kind!

Den ganzen Tag schon ist es mir Bedürfnis, ein Viertelstündchen zu finden, das ich ruhig mit Dir verbringen könnte, nicht gerade weil ich Dir etwas Besonderes zu sagen hätte, sondern nur weil ich eben noch immer der Meinung bin, daß ich Dir jeden Gedanken mitteilen könne, der mich bewegt, und wie sehr mein Herz nach Dir verlangt, würde ich Dir gar nicht sagen, wenn ich nicht zugleich die sichere Hoffnung in mir trüge, daß das Glück, das Ihr Euch gründen werdet, mir noch reichen Ersatz bringen wird für das Herzweh, das ich jetzt empfinde. Wenn erst einmal der briefliche Verkehr im Gange ist, wird es mir auch leichter werden und wenn das Stürmen und Regnen nachläßt, bei dem man seine Lieben so ungern auf der Reise weiß, dennoch sage ich mir, daß ja Euer Glück nicht vom schönen Wetter abhängig ist, Gottlob!

Ich will Dir erzählen, wie es seit gestern gegangen ist, Du kannst es Dir zwar an den Fingern abzählen, aber so lange man noch so bekannt ist im Hause wie Du jetzt, muß man’s genau wissen: Nachdem Ihr fort wart, war große Stille im Hause, Mine ging mit halben und Vierteltorten bei Bekannten umher, so war ich herrlich allein und fing ganz still an aufzuräumen, das Geschäft ging aber langsam vonstatten, ich pausierte dazwischen ein wenig und weinte, auch trug ich in Gedanken manches Stück lang umher, bis ich es an den rechten Fleck legte, und schließlich waren der Objekte zum Aufräumen so viele, daß ich, wie gesagt, sehr lange keine Wirkung meiner Tätigkeit erblickte; gegen acht Uhr kamen die Hochzeitsgäste zurück, nachdem sogar Onkel Co noch getanzt und sich mit Tante Lina bei der Polonaise »das wildeste Tempo« erbeten hatte. Sie waren alle außerordentlich vergnügt gewesen; daheim schenkten sie dann dem »Ochsenfuß« noch einige Aufmerksamkeit und um neun Uhr gingen sie miteinander ins Wirtshaus; wir zu Hause gebliebenen überfielen mit rücksichtsloser Eile unsere Betten und endlich wurde auch bei mir der Schlaf Herr über das Kopfweh, das sich so allmählich zu schöner Höhe hinaufgearbeitet hatte. Somit kennst Du nun genau alle Stunden des Tages, der der wichtigste in Deinem Leben ist... Ich will Dir nun erzählen wie der heutige Tag verging; also heute morgen erwachte ich ohne Kopfweh, aber Dein Bett stand leer neben mir, ich wußte es schon genau ehe ich die Augen aufschlug, von da ab ging alles seinen gewohnten Gang, nur sah man nichts von Dir; um acht Uhr schon erschien Anna in gleicher Stimmung wie ich... Nachmittags ging man in den Prater, der Regen strömte ohne Aufhören, ich trank dort nur schnell Kaffee und verschwand dann in der Stille, um Deine Sachen zu ordnen; Johanne ging gar nicht mit, sie kämpft den ganzen Tag mit den Tränen, dazwischen geht sie ins Schlafzimmer und weint rückhaltslos. Im Prater war alles vergnügt, sie spielten... Jetzt ist es halb zehn Uhr und ich trachte nach dem Bett, um ein Restchen Kopfweh vollends zu verschlafen.

Und somit gute Nacht, mein liebes Kind, diesen Tageslauf kennst Du nun noch genau, nach und nach wird’s anders werden, auch habe ich mich diesmal ausschließlich an Dich gewendet in der Vermutung, daß diese Details höchst uninteressant für Eduard sind. Wann Du diesen Brief erhältst weiß ich ja nicht, aber immerhin werden ja Deine Gedanken noch zu diesen Tagen zurückkehren. Einstweilen behüt Euch Gott!«

5. Oktober.