Liebes Kind!

»Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich mich Eures Glückes und Eurer Liebe freue, das Bild, das ich mir jetzt von Euch mache, drängt mehr und mehr die schmerzliche Empfindung des Abschiedes zurück und wenn ich Deine Briefe lese, so wird es mir getroster und freudiger zumute. Laß Dich nur nie abhalten etwas zu schreiben ... sei stets überzeugt, daß in Deinem Leben mir nichts fremd sein kann, ja daß im Gegenteil eine verheiratete Tochter noch in viel innigerem Verkehr mit ihrer Mutter steht als vordem, denn jetzt erst können sie sich gemeinsam freuen an den tiefsten und beseligendsten Empfindungen, die das Leben einem Menschen bringen kann, und daß das Glück, das uns der Liebesfrühling bringt, sich im Herzen nicht verwischt, auch in seinen kleinsten Regungen nicht, das wird Dir leicht glaublich sein und so halte fest an dem Bewußtsein, daß ich stets bei Dir bin.

Die Freude des Zusammenlebens entbehre ich freilich trotz allem noch immer schwer, unsere Plauderstündchen lassen sich brieflich nicht abmachen, da gibt ein Wort das andere; wie oft des Tages habe ich irgend eine Bemerkung auf der Zunge, die ich zurückhalte weil mir erst einfällt, daß ja niemand mehr da ist, der sie recht versteht, und welch ein unaussprechliches Glück es ist, recht verstanden zu werden, in den kleinsten Bewegungen sogar, das wirst Du ja jetzt beständig empfinden. Ich habe mir oft meine Gedanken gemacht, warum auch in den kleinsten Beziehungen das Glück des Einverständnisses ein so beseligendes ist.«

November.

Liebe Agnes!

»Gestern, als wir eben die Treppe hinunter ins Konzert gingen, erhielt ich Deinen Brief und legte ihn mit einiger Seelenüberwindung ganz unbesehen auf den Schreibtisch, dann segelten wir die bekannten Gassen entlang dem bekannten Ziele zu; als ich mich zum erstenmal wieder unter den vielen bekannten Gesichtern sah und nur Du nicht dabei warst, da wurde mir’s recht traurig ums Herz und Du mußtest wohl eine Ahnung gehabt haben, daß Du mir diesmal sobald schriebst, denn der Gedanke, daß daheim auf dem Schreibtisch ein Brief von Dir lag, diente mir zur steten Aufheiterung. Als wir um 10 Uhr nach Hause kamen und nachdem die andern im Bette waren, ging ich endlich mit aller Muße an deinen Brief, der mich mit seinen vergnügten Nachrichten auch wieder ganz vergnügt machte, aber auf einen Punkt Deines Schreibens muß ich noch eingehen, denn er erregt meine Mißbilligung. Du solltest nicht immer an meinen Besuch denken, man täuscht sich gar so leicht mit einer solchen Freude, die Trennung folgt ja so bald wieder darauf und wir müssen es nun eben lernen, uns als geschiedene Leute aufzufassen; es hat mich fast schon gereut, daß ich meinem Verlangen, Euch Lieben wiederzusehen, ein so nahes Ziel steckte (Februar); ich fühle es wenigstens meinerseits, daß ich mich eben nicht recht trennen mag und doch trennen muß; ach die liebe Gewohnheit des Zusammenlebens, des Einverständnisses in den hundert kleinen Dingen des täglichen Lebens, ich muß sie aufgeben, Du überträgst sie nach und nach. Dem Heimweh läßt sich mit keinem Mittel beikommen, aber ein sicheres Heilmittel ist die Zeit, man löst sich eben nicht so leicht aus Verhältnissen, mit und in denen man geworden ist, die ein Teil von einem selbst sind, aber von Tag zu Tag verwächst man mit den neuen Verhältnissen und wenn einige Zeit herum ist, so sind einem diese zur Lebensgewohnheit und lieb und teuer geworden.

Wenn ich so zurückblicke auf mein Leben mit dem Vater, so erscheinen mir die ersten Jahre immer als ein oberflächliches Glück im Vergleich zu den späteren, übrigens kam das nicht ganz von selbst, man muß sein Glück pflegen und behüten und das werdet Ihr ja auch tun.

Noch kann ich mir nicht recht denken, welcher Art der Unfrieden sein wird, der über kurz oder lang doch auch bei Euch einmal ausbrechen muß; wenn Ihr einmal recht Händel miteinander gehabt habt, so bitte ich mir aus, daß eins das andere bei mir verklagt, so lange ich nicht weiß, worüber Ihr streiten könnt, so lange habe ich noch kein erschöpfendes Bild, auch dürft Ihr nicht denken, daß ich Eure Zwietracht sehr hoch anschlage.

Das Staatswörterbuch ist hoffentlich angekommen. Es freut mich, diesen guten Freund und Lebensgenossen nun bei Euch zu wissen, Du weißt ja wie sehr die Erinnerung an des lieben Vaters Leben mit diesem Werk verknüpft ist, wie überall, wo wir auch waren, immer das erste Geschäft war, die Verbindung mit dem Verleger und den Autoren herzustellen, und wie uns die Korrekturbogen in alle Meeresflächen und auf Bergeshöhen verfolgten. Manches werdet ihr gerne gemeinsam lesen, lest auch einmal den Artikel »Gemeinde«, die Ideen oder die Auffassung, die darin niedergelegt sind, sind wohl heutzutage in aller Leute Bewußtsein, aber damals war es eben nicht so, vieles wird jetzt als selbstverständlich betrachtet und hingenommen, was noch vor zehn und zwanzig Jahren verfolgt und fast geächtet wurde...

Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich es einrichten soll, um mein Haus zu verlassen, ich weiß wahrlich nicht wie ich an eine Reise denken soll. Der neue Zimmerherr ist mir ärgerlich weil er so viel braucht, er hat ein ewiges Geklingel bald um Feuer, bald um Wasser, auch der andere ist mir wieder ärgerlich wegen seiner Unpünktlichkeit, und ich sinne den ganzen Tag, wie ich die Zimmerherrnwirtschaft los kriegen könnte.«