Trotz allen Sinnens wurde kein Ausweg gefunden, denn das Haus mußte zu möglichst großer Rente ausgenützt werden. Es waren mühsame und arbeitsvolle Jahre für Frau Brater und dennoch, da sie so viel leisten konnte, war es gut, daß sie noch ein Feld der Tätigkeit hatte. Denn in den beiden jungen Familien war ihre Hilfe wohl zu Zeiten von unschätzbarem Wert, aber sie wußte doch, daß sie nicht immer nötig war, und vertrat jederzeit die Ansicht wenn es irgend tunlich sei, sollte eine Mutter nicht mit verheirateten Kindern gemeinsame Wirtschaft führen. Um so mehr freute sie sich, vorübergehend zu ihnen zu kommen, und genoß das Glück, mit Jubel und Wonne von Kindern und Enkeln empfangen zu werden. Treulich unternahm sie jedes Jahr die Reise nach Württemberg und brachte einige Wochen in Blaubeuren zu.

In dem früher erwähnten Album finden wir eine Photographie dieses reizend gelegenen Städtchens und daneben einen Vers, der von Frau Brater sagt, daß sie dreimal dorthin berufen wird

»Und sie kriegt zum Lohn
jedesmal, so bald sie kommt,
Einen Enkelsohn.«

So wußte sie es doch, wenn es not tat, immer möglich zu machen, von zu Hause abzukommen, obwohl ihre empfindlichen Augen ihr das Reisen oft zur Qual machten. Einmal schreibt sie nach der Heimreise von Blaubeuren, wo sie unterwegs bei Verwandten Halt gemacht hatte: »Sechs rauchende junge Vettern, die zu meiner Begrüßung geladen waren, haben meinen Augen vollends den Treff gegeben« und ein andermal:

Liebe Agnes!

»Gottlob wieder in Erlangen; Hätte ich ein Tagebuch, mit der allerschwärzesten Tinte würde ich diesen letzten Teil meiner Vergnügungsreise darin verzeichnen! Meine Augen brachten mich an den Rand der Verzweiflung.... In Tübingen wurde es mit jeder Minute schlimmer. Mein Mittel hatte ich wohl dabei, konnte es aber nur noch abends anwenden, denn es schmerzte unsinnig. Ich überlegte immer, ob ich nicht mit dem ersten besten Zug nach Hause fahren sollte, aber ich mochte doch nicht so rasch abbrechen, wurde ja so herzlich empfangen!...«

Von den drei kleinen Enkelsöhnchen, die sie bei ihrem Erscheinen auf dieser Welt freundlich bewillkommt und in treue Pflege genommen hatte, blieb ihr nur das erstgeborene erhalten. Das zweite, von Anfang an ein zartes Pflänzchen, half sie liebevoll pflegen und als es trotz aller Fürsorge im zweiten Lebensjahre starb, stand sie unter dem Eindruck, daß hier ein Leben zu Ende ging, das vielleicht doch nur Leiden gewesen wäre, und ihr gesundes natürliches Gefühl ließ sie den Tod schwächlicher und leidender Menschen nie so schmerzlich beklagen. Als aber ein Jahr später das dritte Kind, ein prächtig gediehener fast zweijähriger Knabe ganz rasch von der Diphtheritis dahingerafft wurde, empfand sie dies als einen furchtbaren Schmerz. Sie erhielt die Todesnachricht während sie mit der Familie Kerler zum Landaufenthalt im Spessart war. Keine Naturschönheit vermag die Gedanken von solcher Trauer abzubringen, aber es kam das Mittel, das einzige was solchen Kummer in den Hintergrund drängen kann, die Sorge vor noch herberem Verlust; auch Karl, der älteste der drei kleinen Brüder erkrankte an der Diphtheritis und schwebte in Lebensgefahr. Der Gedanke, daß ihre Tochter auch das letzte Kind verlieren sollte, war ihr entsetzlich und lag ihr damals besonders nahe, denn es waren die Jahre, in denen diese Krankheit furchtbar um sich griff, viele Eltern in einer Woche kinderlos wurden, und alle für ihre Kinder bangten. Als die Nachricht von der Besserung und allmählichen Genesung des kleinen Karl eintraf, konnte sie doch wieder Glück und Dankbarkeit empfinden und sie schloß dieses Kind mit besonderer Liebe in ihr Herz und hatte später eine große Freude daran, daß zwei kleine Schwestern sich zu dem Vereinsamten gesellten.

Wenn sie von den Reisen zu ihrer Tochter nach Erlangen zurückkam, so hatte sie dort zwar kein Kleinkindergeschrei mehr um sich, aber doch auch Unruhe genug. Liest man ihre Briefe, in denen sie ihr Erlanger Leben schildert, so sieht man in eine belebte Stube, in der die vier Schulkinder sich umhertreiben mit viel Lärm und Zank, der aber mit Humor aufgefaßt wird. So schreibt Frau Brater einmal der Tochter: »... Den ganzen Tag kam ich nicht ans Schreiben und als ich abends meinen Brief begann, erbat sich Wilhelm als besonderes Vergnügen, den geriebenen Kartoffelsalat machen zu dürfen, wobei er so viel interessante Erfahrungen machte, daß er immer meiner Teilnahme und meines Rates bedurfte, und nebenbei ging beständig der Zank mit den Schwestern, die die Behauptung aufstellten, Kartoffelsalat machen schicke sich nicht für Buben, während Wilhelm entgegnete, wenn er wolle könne er seine Hände so sauber waschen wie andere Leute etc.«

»Gestern war ich mit auf dem Eis, denn alle Viere drängen schon seit lange, daß ich einmal ihre Kunst bewundere, die Mädchen fahren hübsch, es sieht sehr anmutig aus, die Buben natürlich ohnedies, die tun sich ja in allen körperlichen Künsten hervor. Wilhelm klettert auf die höchsten Bäume und zerreißt alle Tage ein paar Hosen.«

Allmählich geben die Berichte ein anderes Bild: »Meine Vier sind ungewöhnlich lebhaft und laut, doch sind sie alle heiter und glücklich angelegt und ein fröhlicher Spektakel ist wenigstens leichter zu haben als ein widerwärtiger, überdies geht mir Julie schon tüchtig zur Hand und ist mir überhaupt eine liebe Tochter, wenn nun Johanne auch noch aus dem Institut ist, dann sehe ich den Zeitpunkt nahen, wo ich unverrückt auf dem Sopha sitzen bleiben kann, denn beide Mädchen sind sehr fleißig, übrigens tritt diesen Winter die Verpflichtung an mich heran, mich halbe Nächte lang auf Bällen herumzutreiben und tagelang mit Bügeln, Garnieren usw. beschäftigt zu sein, da meine Mädchen jedoch ziemlich anspruchslos und bescheiden sind, so tue ich es gerne.« Bald waren die Jahre vorbei, in denen sie einer Stellvertreterin bedurfte wenn sie verreiste, Julie und Johanne waren nun fleißige Haustöchter. Sie rühmt von ihnen: »Im Haus habe ich alles in schönster Ordnung getroffen, die Rechnung stimmt auf den Pfennig.«