So war der Familienstand durchaus erfreulich, aber unvermutet drohte eine große Veränderung. Frau Brater schreibt an Agnes: »Was wirst Du sagen, wenn Du hörst, daß es sich gegenwärtig um eine Versetzung Dietrichs nach Würzburg handelt? Dort winkt eine höhere Rangstelle, es ist dort ein sogenanntes Oberbibliothekariat, auch eine größere Bibliothek usw., hier ist andererseits weniger Arbeit und sind sehr angenehme Verhältnisse. Es geschieht jedenfalls das möglichste, um Dietrich hierzuhalten, aber über gewisse Grenzen können sie eben nicht hinaus. Die Sache steht auf der Schwebe, doch glaube ich eher an Erlangen als an Würzburg. Was für ein harter Schlag mir diese Trennung wäre, das kannst Du ermessen!«
Der Entscheid fiel für Würzburg und im Frühjahr 1878 übersiedelte die Familie Kerler dorthin, zum großen Schmerze für Frau Brater, die täglich im beglückenden Verkehr mit Tochter und Schwiegersohn und den beiden Enkelkindern gestanden hatte. »Ich empfinde die Trennung immerwährend sehr schmerzlich« schreibt sie an Anna »und es ist mir fast unbegreiflich, daß ich nun die lieben Kinderstimmen so lange nimmer hören und keinen Blick aus ihren hellen Augen empfangen soll. Dennoch sage ich mir beständig, daß ja doch niemand gestorben ist und daß wir uns in kurzer Zeit daran gewöhnen werden, über die kleine Wegstrecke hinweg uns des glücklichen Bewußtseins der Liebe und Zusammengehörigkeit zu erfreuen.« An Agnes: »Ich bin so froh, wenn ich die Handwerksleute, die in Haus und Hof zugleich sind, endlich los habe, es ist dies eine unleidliche Sache. Überdies haben alle Verbesserungen sowohl im Haus wie im Garten für mich den Reiz verloren, die Kinder sind nun erwachsen, die Buben gehen beide fort, die Mädchen werden auch nicht immer daheim bleiben, was soll mir nun das öde Haus? Wilhelm hatte recht, indem er bei Kerlers Berufung sagte: »unsere ganze Existenz ist untergraben!«
Die Zurückbleibenden existierten aber dennoch weiter und zwischen den herangewachsenen Kindern und ihrer Tante ergaben sich im Laufe der Jahre immer mehr gemeinsame Interessen, die das tägliche Leben besonders in den Ferienzeiten, wenn sich alle zusammenfanden, bereicherten. Auf den jüngsten Sohn hatte sich das naturwissenschaftliche Interesse der Pfaffs vererbt, zur großen Freude seiner Tante. Nach den Osterferien schreibt sie an Agnes: »Wilhelm ist diesen Abend auch wieder abgereist, es wird mir immer schwer, ihn wieder ziehen zu lassen, sein Wesen entwickelt sich so auffallend in der mir verwandten Pfaffschen Art und führt mir das Andenken an meine teuren Brüder in lebensfrischer Weise vor die Seele, ich unterhalte mich mit ihm gerade so, wie ich es in jungen Jahren mit diesen getan habe, oder wenigstens über dieselben Gegenstände. Seine Neigung zur Mathematik nimmt immer zu und erfüllt ihn ganz.« »Jetzt, nachdem ich wieder längere Zeit von den Kindern getrennt war, fällt mir wieder deren unendlich lebhaftes Wesen auf, es schwirrt mir den ganzen Tag der Kopf und ein Fremder, der unten am Haus vorbeiginge, würde nimmermehr glauben, daß all der Lärm von vier in Frieden lebenden Familiengliedern herrühre, und Du weißt wie sie sind, ich muß in erster Linie alles anhören, stehle ich mich ein wenig in den Garten hinunter oder ins Besuchszimmer hinein, es dauert keine fünf Minuten, so ist die Gesellschaft auch da. Namentlich aber in den ersten Tagen der Ankunft bis das übervolle Herz ausgeschüttet ist, so nun Wilhelm, er begleitet mich auf Schritt und Tritt und während ich in der Küche Julie den Kochunterricht gebe, setzt er nicht aus, mir irgend ein physikalisches Gesetz oder ein geometrisches Problem zu erklären. Abgesehen von der Strapaze ist übrigens die Unterhaltung mit den Kindern jetzt anregend und macht mir oft Spaß, z. B. gestern abend kamen wir auf die Definition von Begriffen zu sprechen, da wechselte dann immer stilles tiefes Denken mit plötzlichem lauten Gebrüll ab, wenn jeder das beste sagen zu können glaubte, schließlich fragte ich: was ist ein Ofen? Das war uns nun unvermutet schwer und es war komisch zu sehen, wie die beiden Buben ihre Stühle drehten und den unschuldigen Ofen immer von oben bis unten so bedenklich betrachteten ... Wilhelm sieht gar zu schlecht aus, ich mag ihm die Ferien sehr gönnen, mit seinem Erscheinen ist auch sogleich Säge, Schaufel, Hammer usw. wieder in Bewegung gekommen, die abgefaulte Gartenbank ist gemacht, ein Baum umgehauen, Löcher für zwei andere sind gegraben und das geht alles mit einer Kraft und Geschicklichkeit, daß mich’s freut. Bezeichnend ist, daß er mir ein Päckchen Nägel mitgebracht hat, weil sie ihm »so schön erschienen sind«.
Neben diesen heiteren Gesprächen kam in diesen und noch mehr in den folgenden Jahren ein ernstes Thema immer öfter zur Sprache: es war die Religion. Die jungen Leute brachten von draußen die materialistische Weltanschauung mit herein, die von der Tante mit Feuereifer bekämpft wurde. Da sie aber durchaus nie den Wunsch hatte, die Leute zum Schweigen zu bringen, sondern zu offener, rückhaltsloser Aussprache, so wurde von beiden Seiten mit derselben Lebhaftigkeit disputiert, in der auch schon die vorige Generation von Pfaffschen Brüdern ihre Streitigkeiten ausgefochten hatten, und wie damals geschah es auch jetzt zuweilen, daß Vorübergehende unter den offenen Fenstern stehen blieben, horchten ob es Mord und Totschlag gäbe, aber dann beruhigt von dannen gingen, weil sie statt harter Reden nur Stichwörter vernahmen wie Strauß und Darwin, Seele und Gott.
Die religiösen Einflüsse, die das Leben ihr gebracht hatte, der des Freundes Nagel vor allem, hatten bei Frau Brater den Glauben an den lebendigen Gott zu tiefer Überzeugung gereift und wenn sie auch über einzelne dogmatische Schwierigkeiten nicht hinweg kam, so ließ sie diese als unwesentlich beiseite. Verhängnisvoll für jeden einzelnen und für ihr geliebtes deutsches Volk erschien ihr die materialistische Weltanschauung, die nach ihrer Überzeugung das Edelste und Beste im Menschen leugnet und dadurch verkommen läßt, die auch nie ideale Charaktere wie den ihres Mannes hervorbringen würde, und der Drang, sich und anderen die Unhaltbarkeit derselben immer klarer zu machen, trieb sie, manches ernste Werk zu lesen, und ließ sie jede Gelegenheit aufsuchen, durch schriftlichen oder mündlichen Verkehr einzudringen in diese Fragen, die ihr immer mehr Herzenssache wurden. Sie gewann dadurch nicht nur auf ihre Pflegekinder, sondern auch auf andere, die im Hause verkehrten, starken Einfluß und wurde im Laufe der Jahre für manchen jungen Menschen der Anlaß, über religiöse Dinge nachzudenken, bot vielen die seltene Gelegenheit, Zweifel vorbringen, auch atheistische Anschauungen aussprechen zu dürfen, ohne deshalb verurteilt zu werden, und fand die warmen, klaren Worte, die Herz und Verstand zugleich für eine neue Anschauung erschließen können.
Neben all diesen Interessen wurden Frau Brater die sich mehrenden geselligen Beziehungen in Erlangen und die Arbeit, die das Haus mit sich brachte, oft zu viel; sie stand unter dem Eindruck einer Zersplitterung und eines Gehetzes, das ihr unsympathisch war. »Ich mache täglich an mir die Erfahrung«, schreibt sie an Frau Hecker, »daß es gar nichts übleres gibt, als in einem Gehetze zu leben, mit dem Bewußtsein, seine Sache unmöglich ganz gut machen zu können, auch kann man ohne eine gewisse Behaglichkeit keinen guten Humor haben und mit einem schlechten Humor verpfuscht man alles.« ... »In diesem unruhigen Frühjahr bewegte ich recht oft den Gedanken in meinem Herzen, von Erlangen wegzuziehen und das Haus zu vermieten, denn gerade das relativ weitläufige Haus mit Zimmerherrn und Garten macht doch recht viel Plage, ich sehe es immer wenn ich ein paar Wochen verreist war, es gibt dann endlose Rückstände. Übrigens spreche ich noch nicht von diesem stillen Plan, denn erstens merke ich, daß ich mich selbst sehr schwer vom Garten trennen würde, der nun so hübsch ist und mir viele Freude macht, und dann käme ich ja heuer keinesfalls mehr zur Ausführung des Planes, darum schweige ich noch. Aber in diesem Augenblick habe ich die hiesige Wirtschaft ein wenig satt und sehne mich unter den vielen Menschen nach meinen Kindern.«
Als sich späterhin Frau Brater entschloß ihren Neffen und Nichten den Vorschlag der Übersiedelung nach Würzburg zu machen, fand sie allgemeine Zustimmung, und da sie von Kindern und Enkeln in Würzburg herzlich willkommen geheißen wurde, so galt es nur noch, für Haus und Garten einen Mieter zu finden. Dies gelang über Erwarten bald und der Umzug wurde im Sommer 1880 bewerkstelligt. Das Loslösen aus dieser alten Heimat mit ihren vielen teueren Erinnerungen wurde ihr wohl schwer und die Trennung von den Verwandten ging ihr nahe, aber noch in letzter Stunde half ein freudiges Ereignis über den Abschied hinweg, es war die Verlobung ihrer Nichte Johanne, die nun zunächst noch als Braut mit übersiedelte nach Würzburg, das nach bewegtem Wanderleben Frau Braters letzte Heimstätte werden sollte. Ganz nahe bei der Familie Kerler wurde eine freundliche Wohnung gemietet und der tägliche Verkehr in diesem Hause war von nun an ihre Herzensfreude. Die Stadt selbst, am Main gelegen, von den umliegenden Höhen aus betrachtet ein schönes Bild bietend, war ihr indes lange Zeit nicht sympathisch. »Weinberge sind etwas Schreckliches,« schreibt sie, »hier ist’s schattenlos und staubig, man kommt heim, wie wenn man im Mehl herumgestiegen wäre; wenn die Höhen ringsum nicht alle abgeholzt wären, hätten wir auch mehr Regen, aber der Wald ist weit weg und die Trockenheit groß.« Jedoch – ob Weinberg oder Wald – diese äußeren Verhältnisse sollten ihr bald recht nebensächlich erscheinen, denn die nächsten Jahre brachten ihr ungewöhnliche Aufregungen durch die Schicksale, die sie mit ihren Pflegekindern teilte. Diese standen ja ihrem Herzen nahe wie eigene Kinder und eine Mutter kann nicht aufhören, für ihre Kinder zu sorgen, auch nicht wenn diese herangewachsen sind, ja es kann ihr auch kein Gericht durch die Mündigkeitserklärung das Gefühl der Verantwortlichkeit abnehmen, denn der Einfluß, den sie bisher gehabt hat, hört nicht plötzlich auf, sie ist sich bewußt, ihn noch immer zu besitzen, und es sind die Schicksale erwachsener Kinder oft dadurch besonders aufregend für die Mutter, daß es in jedem einzelnen Fall eine Frage des Gewissens und des Taktes ist, wie weit sie ihren Einfluß noch geltend machen soll.
Der älteste Neffe, ein hochbegabter und liebenswürdiger junger Mann, der mit großer Liebe an seiner Tante und an den Geschwistern hing, hatte doch nicht die nötige Charakterstärke, sein kleines Vermögen zusammenzuhalten, als er es ausgehändigt bekam und es wurde ihm zum Unsegen. Er entzog sich dem Einfluß der Familie, verließ Würzburg und verlor dadurch den letzten Halt. Schmerzlich klingt aus allen Briefen Frau Braters in jener Zeit die Klage; »Wir wissen nicht, wo Robert ist« und oft genug stellt sie sich die Gewissensfrage: »Hätte ich ihn nicht halten können?« Jahr und Tag verflossen, bis der Vermißte zurückkam zu den Seinigen. Das Wiedersehen war unendlich traurig, denn was sollte nun aus ihm werden? In seinem juristischen Berufe konnte er nicht wieder ankommen, die Türen, die früher für ihn offen gestanden, waren nun geschlossen, umsonst wurde überall angeklopft, er fand keine Anstellung. In mancher schlaflosen Nacht quälte sich Frau Brater, um einen Ausweg zu finden, und diese Wochen gehörten zu den peinlichsten ihres Lebens. In dieser schwierigen Lage tat sich endlich eine Möglichkeit der Existenz auf. In Südamerika wurden deutsche Lehrkräfte gewünscht und von Barmen aus dorthin empfohlen. Dankbar wurde die Hand ergriffen, die sich zur Hilfe bot, um so mehr als der Aufenthalt im warmen Klima günstig für die angegriffene Gesundheit des jungen Mannes erschien. Er schiffte sich ein, erreichte glücklich das Ziel und die verheißene Anstellung. Mancher Brief, voll Liebe und Dankbarkeit gelangte aus weiter Ferne in Frau Braters Hände und gab ihr die beruhigende Überzeugung, daß unter diesen traurigen Umständen das Beste geschehen war. Nur die erschütterte Gesundheit wollte sich nicht wieder befestigen, immer bedenklicher lauteten in dieser Hinsicht die Nachrichten. Traurig schreibt sie über ihn: »Roberts Befinden scheint rasch abwärts zu gehen, es ist mir so unsäglich schmerzlich, den schwer Leidenden so einsam in der Fremde zu wissen! Wir haben ihm in letzter Zeit öfter geschrieben und es ist mir ein Trost, daß er sich wenigstens an diesen Briefen und Liebeszeichen erfreut.« Ein Jahr etwa, nachdem Frau Brater den ersten Brief aus Amerika erhalten hatte, traf der letzte ein und bald darnach die Todesanzeige.
»Es tut einem das Herz weh,« schreibt sie an ihre Tochter, »wenn man dieses so traurig zu Ende gegangene Leben überblickt, und die Wehmut wird nur vermehrt dadurch, daß man zuletzt noch seine Erkenntnis teilen durfte. Ich zweifle nicht, daß er den Weg zur ewigen Heimat gesucht und gefunden hat.«