In derselben Zeit, da Frau Brater voll Schmerzen an den Neffen in der Ferne dachte, nahmen auch die Lebenspläne ihrer Nichte Julie sie vollauf in Anspruch. Das junge Mädchen wurde zur Frau begehrt von einem Deutschen in Südamerika, der früher in Erlangen gelebt hatte und ihr lieb war. Tief im Innern Argentiniens war er als Professor an einer höheren Lehranstalt angestellt und dort wollte sie dem Vereinsamten heimisches Glück bereiten. Die Frage, ob sie in diese weite Ferne ziehen, in unbekannten Verhältnissen einen Hausstand gründen sollte, war wiederum ein schwerer Entschluß. Freilich hatte diesen nicht eigentlich Frau Brater zu fassen, aber sie wußte doch, daß ihr Einfluß, ihr Rat schwer in die Wagschale fiel, und war bedrückt von dem Gefühl der Verantwortlichkeit.

Im Oktober 83 war Frau Brater zu neuen Großmutterpflichten nach Württemberg gereist, denn trotz aller Schwierigkeiten daheim brachte sie es nicht über sich, der Tochter in solcher Zeit ihre Hilfe zu versagen. Von dort zurückgekehrt schrieb sie an ihre Tochter Agnes: ... »Was mich betrifft, so bin ich hier in einen Strudel gekommen, in dem ich mich fast nimmer aufrecht halten konnte. Juliens Angelegenheiten haben sich soweit vorgeschoben, daß man nimmer gut zögern konnte, und doch zeigen sich Schwierigkeiten und unmäßige Ausgaben. Ich habe mich zermartert, um einen Ausweg zu finden, oder die Sache zu verzögern, bis S. Aussicht hätte, in einen Ort zu kommen, der nicht fast unerreichbar ist; aber wir können ihm ja nimmer zuverlässig schreiben, bis er den Brief erhält, ist er ja vielleicht schon auf der Reise, ihr entgegen, und wenn er schon auf der Reise ist, so müssen Juliens Sachen längstens bis Samstag unterwegs sein!

Wir sind also in stürmischer Eile, um eine Sache zu bewerkstelligen, die ich in meiner gegenwärtigen Stimmung für ein Unglück halte; ich war kaum zwei Stunden hier, so schrieb ich schon an Krazers nach Stuttgart um eiserne Bettstellen. Ich bestellte Kisten, Matratzen, Betten usw. und noch weiß ich nicht sicher, ob unsere Sachen noch angenommen werden. Ich war in den ersten Tagen hier nahezu verzweiflungsvoll, denn ich fühle mich verantwortlich und hätte zu rechter Zeit Julie gut bestimmen können, noch ein Jahr zu warten, aber indem man immer »für alle Fälle« Zurüstungen traf, übersah man den Punkt, von wo aus der Rückweg abgeschnitten war. Soeben habe ich einen Sattel gekauft für 140 Mark, Julie hat von der Endstation bis zu ihrem Ziel drei Tage zu reiten! Wenn diese Woche mit ihren aufregenden Zurüstungen vollends überstanden ist, dann beruhige ich mich auch wieder und unwillkürlich werden dann mehr die Lichtseiten in den Vordergrund kommen, die Julie als hell leuchtend erkennt.«

Die großen Kisten mit dem nötigen Hausrat gelangten glücklich auf das Segelschiff und während sie auf dem Ozean schwammen, beging die Familie noch mit wehmütiger Freude das Weihnachtsfest. Fehlte doch der älteste Bruder und mußte man nicht annehmen, daß auch die drei Geschwister das Fest zum letztenmal gemeinsam feiern würden? Gleich nach Weihnachten wurde der Platz auf dem Schiffe, das in Marseille abgehen sollte, bestellt und der Koffer gepackt, der das Nötigste für die sechs Wochen lange Seereise enthielt und das Hochzeitskleid der Braut. Am 8. Januar früh morgens, noch ehe es Tag war, geleiteten die Tante und die Schwester das tapfere Mädchen an die Bahn.

Noch am selben Tag und auch am folgenden sandte Frau Brater der Reisenden die ersten Grüße nach, die sie in Basel und in Marseille erhielt. Es drängte sie, noch einmal ihre ganze Liebe der entschwindenden Pflegetochter auszusprechen. In einem langen Briefe blickt sie zurück auf die Zeit, in der sie die kleinen Mutterlosen übernahm, und erzählt: »In der letzten Nacht, die Deine liebe Mutter erlebte, sagte sie mehrmals zu Eurem Vater: ›sorgt für eine treue Person für meine Kinder‹ und welches Mutterherz könnte diese Bitte nicht nachempfinden und würde sie nicht erfüllen, wenn es ihm möglich wäre? Als ich in jener traurigen Zeit zu Euch kam, da ward Ihr ja noch klein und kummerlos, aber jede Nacht, wenn ich vor dem Schlafengehen noch nach den vier kleinen Schläfern schaute, hatte ich das Gefühl, daß auch Euer Mütterlein sanft ruhen könne, wenn eine liebende Hand ihre Kinder zudeckt; als dann auch Euer Vater uns verließ, da stand ich oft, oft vor den Bildern Eurer lieben Eltern und fragte mich prüfend: ›Bist Du auch gewiß diese treue Person? und kannst Du einst bestehen vor ihnen mit all Deinem Tun?‹ – So glaubt mir nun eben, Ihr lieben Kinder, und vor allem Du, mein liebes Kind, das nun aus dem Nest geflogen ist, meine Absicht war gut und wo ich gefehlt habe, da werdet Ihr mir’s nicht nachtragen, der Verzeihung und Nachsicht bedürfen wir alle, wir schwachen Menschen.«

Am 11. Januar schreibt Frau Brater nach Nördlingen: »Wieder habe ich ein teures Kind in die Ferne ziehen lassen ohne das beglückende Wort: ›auf Wiedersehen!‹ Dennoch fühlen wir uns alle erleichtert, denn die letzte Zeit war unendlich aufregend und unruhig. Der Abschied war natürlich unsäglich schmerzvoll, aber trotz aller bitteren Tränen stand Julie doch bis zum letzten Augenblick getrost und freudig da, so daß ich mich selbst an ihrer Freudigkeit aufrichten konnte und mir dieselbe immer wieder vergegenwärtige, wenn ich mit Tränen nach der Himmelsrichtung blicke, in der sie uns in raschem Flug enteilt. Heute reist sie aus Basel und Montag aus Marseille ab. Wie und warum ich mich in den letzten Monaten so entsetzlich gesorgt und gequält habe, könnte man nur verstehen, wenn ich die ganze Entwicklungsgeschichte erzählte, ich glaube ich wäre noch melancholisch geworden, hätte ich nicht endlich all mein Sorgen als nutzlos erkannt und aus vollem Herzen mein gutes Kind unter Gottes Schutz allein gestellt mit dem innigen Gebet, daß er auch alle unsere Irrtümer und Fehler zum Guten wenden möge. – Ich freue mich sehr, nun bald, so Gott will, einige Muße und Zeit für mich zu haben, seit Monaten waren Kopf und Hände ausschließlich mit Julie beschäftigt, nun bin ich geradewegs überall mit Briefen und Besuchen im Rückstand, die Kommode mit der Flickwäsche will platzen, Kleider haben wir auch keine zum Anziehen und das ganze Haus ist in unordentlichem Zustand.«

Es sollte noch nicht so schnell Ruhe eintreten, denn von der jungen Reisenden traf die Nachricht ein, daß ihr großer Koffer vermißt werde, der Koffer, der alles enthielt, was sie für die Seereise bedurfte und noch mehr: die Papiere, die für die Trauung erforderlich waren, das Hochzeitskleid und alles, was sie an Silber oder Schmuck besaß. Das waren aufregende Nachrichten für die Zurückgebliebenen. Frau Brater schreibt an Agnes: »Es wäre wahrlich ein Unglück zu nennen, wenn wirklich der Koffer nicht auf dem Schiff wäre, und die Sache ängstigt mich sehr. In ihrem Handkoffer hat Julie nur das Nachtzeug, auf dem Leib hat sie natürlich ein Winterkleid und Filzhut und sie wird schon jetzt in der Hitze sein! Aber auch wenn man den verzweiflungsvollen Zustand auf dem Schiff in Kauf nehmen wollte, was soll sie denn in Buenos Aires beginnen ohne ihren Koffer? Wir sind ganz wütend über diese Angelegenheit; ich habe sogleich an den Agenten geschrieben.«

2. Februar. »Der Koffer kam also wirklich erst nach Abgang des Schiffes in Marseille an! Ich kann dies Mißgeschick nicht eher verschmerzen, als bis ich weiß, daß auch Julie sich über diese Sache getröstet hat, d. h. bis ich annehmen kann, sie hat es nun hinter sich, ihren Willkomm und Eintritt in die fremde Welt arm, fast wie ein Bettelmädchen zu halten.«

Am 25. März konnte Frau Brater nach Nördlingen berichten: »Ich muß Euch doch mitteilen, daß wir von unserer Auswandererin gute Berichte haben. Die Seekrankheit hat sie zwar nie verloren, hingegen ist sie in der Familie Krauß wie in einem Elternhaus aufgenommen. Die Liebe und Treue, die sich in fernen Landen die deutschen Landsleute erweisen, hat für mich etwas ganz Ergreifendes. In welchem Maße durfte sie auch Robert erfahren! Aber ich muß dabei auch all der Sehnsucht, all des Heimwehs gedenken, die solche Treue wohl in sich schließt! Mein gutes Kind befindet sich nun im Stadium mächtigen Heimwehs, so daß ich immer mit Tränen an sie denken muß ...«

Das Heimweh war leicht begreiflich, denn es kam vieles zusammen, das bräutliche Glück zu trüben. Wohl war die Braut in Buenos Aires einstweilen aufs beste geborgen, wohl machte der Bräutigam die weite Reise aus dem Innern des Landes, um sie heimzuholen, aber Hindernisse der verschiedensten Art stellten sich der Verbindung entgegen, so daß diese zunächst auf spätere Zeit verschoben, dann aber, nach harten inneren Kämpfen ganz aufgegeben wurde.