Du tust mir herzlich leid, mein liebes Kind, daß Du so getäuscht wurdest und die Besserung noch keinen Bestand hatte! nicht wahr, wenn man einmal so 14 Tage im Bett gelegen ist, dann kommt es einem schon wie eine recht lange Geduldsprüfung vor und es ist auch eine solche, nun erwartet aber, wie es scheint, der liebe Gott von Dir, daß Du ihm noch ein wenig mehr Geduld darbringst, und ich glaube von Dir, mein liebes Kind, daß Du auch dieses noch zustande bringst. Denke nur daran, wie wir auch hier alles in Gedanken mit Dir teilen, es ist mir doch fast gerade so zu Mute, als ob ich bei meinem Strobelkopf am Bett säße und zu ihm sagte: sei nur ganz vergnügt, der liebe Gott schickt Dir ja den Tag der Genesung gerade zur rechten Zeit. Und wenn Dir jetzt das Heimweh ein wenig wiederkommen will, so geniere Dich nur ja nicht, sondern sprich es aus und weine auch nach Herzenslust, denn da wird es einem dann bald wieder leichter zu Mute und man denkt: warum bin ich denn eigentlich traurig, meine Lieben haben mich ja aus der Ferne gerade so lieb und die Zeit der Heimkehr kommt sicher auch wieder. – Ich denke mir, Du wirst jetzt noch ein paar weniger gute Tage haben (was ist denn schlimmer: Zahnweh oder Herzstechen?) und dann wird alles miteinander vergehen, und dann aber wollen wir uns zusammen freuen und dankbar sein!! – Kannst Du Dir gar nicht denken, daß Du Dich erkältet oder mit irgend etwas Dir geschadet hast? es wäre gut, wenn man es wüßte. – Dein Heimweh vergeht sicher, wenn es Dir wieder besser ist und außerdem sage es uns nur. Wenn Du mir heute schreibst: liebe Großmutter komm und hole mich, dann kann ich ja nach zwei Tagen schon bei Dir sein und ich kann zu Deiner Pflege kommen, wenn es nötig ist.... Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, daß Du Dich durch ein paar böse Tage vollends gut durchschlägst. – Es grüßt Dich in stetem treuen Andenken

Deine Großmutter.

Nachschrift: Heute gehe ich mit einer Weihnachtsliste in die Stadt, Du dürftest diese Liste nicht lesen, auch Otto nicht.

Die »bösen Tage« machten bald guten Platz, und der Aufenthalt in Boll, der Einfluß Blumhardts, entsprach den Erwartungen. Frau Brater schreibt über Blumhardt: »Ich begreife die Begeisterung, die diese ursprüngliche, liebevolle Persönlichkeit hervorrufen kann, hingegen verstehe ich auch, daß Geistliche, die in ihrer Schablone befestigt sind, sich von Blumhardt geradezu antipathisch berührt fühlen können. Eine Predigt z. B., in der auch einmal der Humor durchschimmert, so daß man sich des Lächelns nicht erwehren kann, das ist uns sehr fremdartig; diese heitere, stets in unmittelbarem Verkehr mit Gott stehende Natur, dabei der derbe Schwabe, das ist eine Eigenart, die nicht jedem zusagt.«

Sie selbst ließ sich durch diese Art nicht beirren. Ihr Herz und Ohr war immer offen, um von irgend einer Seite religiöse Anregung zu empfangen. Einen tiefen Eindruck hatte ihr das zuerst anonym erschienene Buch ihres Freundes Nagel gemacht »Der christliche Glaube und die menschliche Freiheit«. Noch war es ihr ungewohnt, ja erschien ihr fast anmaßend, mit Männern über solche Fragen zu korrespondieren, aber endlich sagte sie sich: »In religiösen Dingen ist niemand ein Laie, der ein Herz und ein Gewissen hat, und jeder solche darf sich über solch ein Buch ein Urteil anmaßen« und so schreibt sie an Rohmer: »Dieses Buch hat mich vielfach in die unmittelbare Nähe Gottes geführt. Ich denke mir, daß es den Kindern des 19. Jahrhunderts eine Wohltat sein muß, ein erlösendes Wort für ihre Zweifel zu finden; mein oftmals geängstetes und mitunter von allen Zweifeln erfülltes Herz findet darin volles Genügen .... allein daß von der Erkenntnis der Wahrheit bis zu der Aneignung derselben eine weite Kluft ist, das weiß ich nur gar zu gut.... Läßt sich äußerlich etwas tun zu der Verbreitung des Buches? Versäume doch ja nichts. – Du siehst: ›wes das Herz voll ist etc.‹ Ich bin zu begierig jemandes Urteil zu hören, habe natürlich mit niemandem sprechen können, da ja die Anonymität so sehr gewahrt werden soll.« Und in einem späteren Briefe: »Deinen Brief habe ich Lina mitgeteilt, aber über das Buch habe ich geschwiegen, wenn ich hier über dasselbe spreche, so ist der Autor sofort erkannt, ich bin aber vollständig zum Schweigen verpflichtet. Wollen wir nur fleißig in dem Buche lesen, es verfehlt seine beseligende Wirkung nicht und wird uns, wenn dieses Leben die Geburtsstätte für ein künftiges ist, auf die Dauer zusammenführen.«

Immer weitergehend auf dieser Spur fand sie noch manches Werk, das ihr vorwärts half, teilte in gegenseitiger Anregung mit ihrer Tochter Anna dieses warme Interesse und war besorgt, auch der fernen Tochter von ihren Bücherschätzen mitzuteilen. »Sehr erfreut war ich,« schreibt sie ihr, »daß Du Dixon (»Das heilige Land«) so gern gelesen hast und auch die Erfahrung machtest, daß man vieles im neuen Testament nach ihm erst richtig erfassen lernt. Mir war das Christentum, so wie ich es überkommen hatte, ein kaltes, totes Lehrgebäude und erst in meinen spätern Jahren habe ich es in dem Sinn, wie auch Dixon es andeutet warm ins Herz fassen lernen, und darum möchte ich andern, vor allem Dir, auch zu dieser Erkenntnis verhelfen. Für Deinen Braterischen Widerspruchsgeist scheint es mir vor allem nötig, Dich in das Bewußtsein Deiner vollkommenen Freiheit zu versetzen, man widerstrebt nur solange man denkt, daß einem etwas aufgenötigt wird, was von Menschen gemacht ist.«

In Beziehung auf geistigen Besitz gilt das Wort: »Wer da hat, dem wird gegeben.« Wo ein Mensch lebhaftes Interesse für irgend einen Gegenstand zeigt, da wird ihm von allen Seiten zugeführt was dieses noch mehr beleben kann. Hatte Nagel vor allen andern Frau Brater sein Buch zugesandt, so brachte Schwiegersohn Kerler ihr und seiner Frau zu gemeinsamem Lesen, was ihm hervorragend erschien, und so sandte ihr Rohmer eine Reihe von Briefen religiösen Inhaltes, die von Schultheß geschrieben waren, einem tiefen Denker, mit dem schon Brater in Beziehung gestanden war. Eine lange Zeit bildeten diese den Inhalt des Briefwechsels zwischen ihr und Rohmer.

Sie schreibt: »Daß Du inmitten aller Sorgen, Arbeiten und Freuden dennoch mit Schultheß in der Weise korrespondierst, das zeigt eben, daß es Dir geht wie mir, was Augustin so ausdrückt: ›Du hast uns, Gott, gemacht zu Dir und unsere Seele ist unruhig, bis sie Ruhe findet in Dir.‹ Ich habe diesen Brief mit größtem Interesse und ebensoviel Freude gelesen, es wäre wahrlich ein Unrecht gewesen, hättet Ihr ihn nicht drucken lassen. Wenn ein Mann wie Schultheß, den man im kirchlichen Sinn nicht einen Christen nennen kann, ein solches Glaubensbekenntnis ablegt, so hat dies etwas wahrhaft Erhebendes und Stärkendes auch für diejenigen, die einen Schritt weiter trachten als er. Ja, es scheint mir, daß, wenn alle Menschen voll und ganz sein Bekenntnis teilen würden, man nicht mehr zu beten brauchte: »Dein Reich komme ...« Ich meine unsere Geistlichen müßten die Glaubensartikel im Lauf ihres Lebens und Wirkens mit ihrer Gemeinde zu ergreifen trachten, Geistliche und Gemeinde müßten als werdende, nicht immer schon als seiende Christen angesehen werden ...

Wenn ich die so interessanten und sympathischen Briefe von Schultheß lese, so geniere ich mich fast, irgend zu widersprechen, darum will ich auch nicht versäumen demütig das Bekenntnis meiner großen Unwissenheit auszusprechen; nur in einem Punkt nehme ich auch für uns Frauen etwas in Anspruch: ein Gefühl für das, was wahr sein kann.«

Mitten aus seiner regen geistigen Tätigkeit heraus wurde Schultheß durch den Tod abgerufen, zum tiefen Schmerz all seiner Freunde.