»Ich muß oft an ihn denken,« schreibt Frau Brater an Rohmer, »an ihn, der nun vom Glauben zum Schauen hindurch gedrungen ist und von dem ich annehme, daß er nicht in ein »dunkles Land« sondern in eine heimische Umgebung eingetreten ist....

... Laß Dir noch besonders danken für Deine Mitteilungen über Schultheß’ Heimgang. Welch ein schöner Tod, wenn sich einfach der ermüdete Körper niederlegt und der Geist frei wird! Die Äußerung von Schultheß: »ich habe in siebzig Jahren niemals Schmerzen gehabt« war mir höchst merkwürdig und ist mir ein Schlüssel zu seinem Wesen. Es ist doch sicher, daß derjenige, der selbst nie wesentliche Schmerzen überwunden hat, sich solche auch unmöglich vorstellen kann, also eine der härtesten Lasten, ja vielleicht die härteste Last, die das arme Menschengeschlecht drückt, war Schultheß unbekannt und damit auch zugleich der stärkste Antrieb zum Zweifel an einer persönlichen Wirksamkeit Gottes und daher wiederum sein leichtes Überzeugtsein von einer solchen. Es ist ja möglich, daß Schultheß dennoch schwere Tage durchmachte, aber Sorgen oder Seelenschmerzen haben immer schon eine Verwandtschaft mit dem Göttlichen, leiten uns dahin, nur die Körperschmerzen haben so etwas elend Herunterziehendes.«

XV.
1886–1896

Die traurige Beigabe des höheren Alters, einen Jugendgenossen nach dem andern scheiden zu sehen, mußte Frau Brater reichlich erfahren. Von den vier Brüdern Pfaff starb auch der letzte, Professor Fritz Pfaff, schon im Jahr 1886, ihr ältester Bruder Heinrich Kraz war der einzige, der ein hohes Alter erreichte. Sie schreibt an Agnes:

»Ich bringe mir erst jetzt zum Bewußtsein, wie unendlich oft ich meines Bruders Fritz gedachte, und in wie vielen Dingen ich mich an ihn wenden konnte. Als ich das letztemal bei ihm war, sagte ich ihm: ›Das ganze Jahr hindurch drängen sich mir immer Fragen an Dich auf und wenn ich bei Dir bin, fallen sie mir nimmer ein.‹ Da schlug seine Else vor, ich solle doch einen Fragebogen anlegen. Das tat ich und ein solches Blatt mit Fragen liegt nun in meiner Briefmappe und bleibt für immer unbeantwortet.«

Gingen die Brüder frühe dahin, so blieben ihr doch zwei von den Schwestern ihres Mannes erhalten und standen ihr nahe wie eigene. Ihre Altersgenossin Luise war fast jedes Jahr einige Wochen mit ihr vereinigt, so daß es zusammen einen beträchtlichen Teil des Lebens ausmachte. Treulich hielt sie auch an den alten Freundschaften fest und aus dem unbefangenen Ton ihrer Briefe geht hervor, wie vertrauensvoll sie zusammenstanden. Gelegentlich eines Familienfestes schreibt sie an Lina Sartorius:

».... Ja, es ist ein langes Stück Leben, das wir in inniger Teilnahme miteinander zurücklegten und vieles schließt es in sich bis zwei übermütige, leichtsinnige, lebensfrische junge Mädchen zu zwei so wackeligen Gestalten heranreifen wie wir es nun beide sind; ich bin in Gedanken bei Dir und an Deinem Feiertage im Geiste mitten unter Deinen Gästen und da sehe ich, wie Du in gleicher Frische wie vor einem halben Jahrhundert nun das Jugendglück Deiner Kinder mitempfindest; was Dich selbst etwa beschwert, drängst Du in den Hintergrund, ich sehe nur Dein fröhliches Gesicht, denn Heiterkeit und Genügsamkeit sind Dir als zwei Edelsteine in die Wiege gelegt.«

Wie in den Briefen Frau Braters, so war auch im mündlichen Verkehr die Mischung von gemütvollem Ernst und fröhlichem Humor ein eigenartiger Reiz ihrer Unterhaltung. Wer auch nur eine Stunde bei ihr war, hatte gewiß beides kennen gelernt, sowohl ihren heiteren Ton als auch ihre ernste Lebensauffassung, denn diese beiden Seiten ihres Wesens kamen immer zum Ausdruck. Sie hatte nicht, wie manche, ihre Stunden oder Tage, an denen sie zu Spaß und Scherz aufgelegt war und andere, an denen nur Ernstes sie beschäftigte. Nein, die Heiterkeit leuchtete stetig aus ihrem Wesen und umfloß wie ein freundliches Licht die Ewigkeitsfragen, die bei all ihren Gesprächen anklangen. Eine Gesellschaft, in der fortgesetzt ernster gemessener Ton waltete, sagte ihrem Wesen nicht zu und wurde bald durch einen Schimmer ihres freundlichen Humors belebt, aber ebensowenig war sie innerlich befriedigt, wenn Spaß an Spaß, Witz an Witz sich drängte, obwohl sie mittun konnte, ja dem lustigen Ton unwillkürlich Vorschub leistete durch die köstliche Eigenschaft, die sie besaß, nie etwas übel auszulegen und sich jede Neckerei gefallen zu lassen. Als einmal in größerem Familienkreis unter andern Fragen diese aufgegeben wurde: wer von uns steht himmelweit über der Empfindlichkeit? wurde sofort auf sie geraten.

So fand jeder, der zu ihr kam, was er brauchte, mit Ernst ging sie ein auf das, was einen jeden beschäftigte, und mit Heiterkeit erfrischte sie alle Müden oder pessimistisch Gestimmten.

Und noch etwas zog die Menschen zu ihr hin: ihre Entschiedenheit. Wer unsicher und schwankend vor irgend einem Entscheide stand oder sich in verwirrten Lebensverhältnissen nicht zurecht fand, der konnte sich bei ihr Rat holen. Mit seltener Klarheit fühlte sie heraus, was das Richtige sei, und gab ihre Meinung ab, ohne sie durch ein vorsichtiges »einerseits, andererseits« wieder einzuschränken. Sie fürchtete nicht die Verantwortung eines entscheidenden Einflusses, sondern nahm diese auf sich und hätte ihr je einmal jemand gesagt: »Ihr Ratschlag war kein guter« so hätte sie das bedauert, aber nicht bereut. Sie schätzte die Menschen nicht hoch, von denen sie scherzend das Wort zitierte: »Ich sage nicht so und nicht so, dann kann man nicht sagen, ich hätte so oder so gesagt.«