Es ist uns aber nichts davon bekannt, daß sich ihre Ratschläge nicht bewährt hätten, denn praktisch und vorurteilslos, immer das Sittliche als Norm empfindend, war sie wohl geeignet, das Richtige zu treffen. Für alle schwankenden Naturen ist der Umgang mit einer solchen Persönlichkeit von größtem Werte. Manches Schicksal hat sie gelenkt, manchen Entschluß herbeigeführt, aber wie sie über solche Vertrauenssachen immer Schweigen bewahrt hat, so soll dies auch ferner verschwiegen bleiben. Nur die Worte einer Freundin sollen angeführt werden, die selbst den Wunsch geäußert hat, hier niederzulegen, was Frau Brater ihr war:

»Sie ahnte meine Schwierigkeiten, meine inneren Kämpfe, sie wurde meine Beraterin, meine treue Helferin in stets sich steigernder Not. Wer weiß, wie ich diese ertragen hätte ohne die sichere Hilfe der Menschenfreundin. Ihr und ihrem energischen Eingreifen hab ich’s zu verdanken, aus meiner lähmenden Unentschiedenheit herausgerissen worden zu sein. Ich kann mich in dem mehr als zwanzigjährigen Verkehr mit der geklärten innerlich erhabenen Freundin keiner Zeit erinnern, in der ich mich in großen wie in kleinen Dingen nicht durch ihre starke Stütze gehoben und getragen gefühlt hätte. Wie viele Menschen mag sie, die Starke, in ihrer Hilfssicherheit so über Wasser gehalten haben! Daß sie mich wegen meiner Schwäche nicht aufgab, hat mir oft zu neuem Mut und Selbstvertrauen verholfen. Dies danke ich ihr über ihr Grab bis zu meinem Grab.«

Von allen, die zu Frau Brater kamen, gingen wohl nur die unbefriedigt von dannen, die in trivialer Klatschsucht ihre Unterhaltung suchten. Solchen konnte sie nichts bieten, denn von Stadtneuigkeiten wußte sie nicht viel, sie hatte kein Auge und Ohr dafür. Stand sie am Fenster, so sah sie nicht nach den Vorübergehenden, sie sah nach Wolken und Wind. Nahm sie die Zeitung zur Hand, so geschah es wohl in der Absicht sie ganz zu lesen, aber zunächst interessierte sie sich für das Politische und war das gelesen, so reichte meist die Kraft ihrer Augen nimmer zu den Lokalnachrichten. Wurden in ihrer Gegenwart nichtige Dinge des Langen und Breiten verhandelt, so verlor sie die Geduld, die ohnedies nicht ihre starke Seite war. Fing da jemand umständlich an: »Wie wir im August vorigen Jahres in N. waren – oder war’s schon im Juli?« dann konnte sie gleich die Bemerkung einwerfen: »Ganz einerlei, nur weiter!« Gab irgend ein Familienereignis Anlaß zu allerlei Gerede, so witterte sie schon Klatschsucht, die ihr in der Seele zuwider war, und sie lenkte ab, zwar nie in schroffer Weise, mehr mit Humor, aber immerhin deutlich. Übrigens wandte Frau Brater auch kleinen häuslichen Angelegenheiten ihr volles Interesse zu, sowie diese nicht nur als Unterhaltungsstoff dienten, sondern es sich darum handelte, die richtige Stellung dazu einzunehmen. So hielt sie es wohl der Mühe wert, trotz der schmerzenden Augen, ihrer Tochter Agnes gelegentlich eines Magdwechsels eingehend zu schreiben:

»... In Beziehung auf Dein junges, neues Mägdlein habe ich die Sorge, daß Du sie verwöhnst, d. h. nicht gehörig abrichtest; bei Euch in Württemberg ist das Verhältnis zwischen Frau und Dienstmädchen im Durchschnitt ein wenig anders als bei uns, bei Euch betrachtet es das Mädchen als selbstverständlich, daß die Frau die Hausarbeit eben so gut kann wie sie und daß sie natürlich mit angreift, wenn das Mädchen nicht fertig wird, sie findet nichts Auffallendes daran, daß auch die Frau Magdarbeit tut. Du hast Dich nun dieser Auffassung ein wenig angeschlossen, Beispiel: als einmal Deine Pauline fort war, sagtest Du mir, daß Du in solchen Fällen immer besonders schön abspülest und die Küche aufräumest; bei uns würde man in solchem Falle nur das Notwendigste tun und das Übrige für die Magd zurückstellen; Dein Verfahren ist nun ganz schön, vorausgesetzt, daß es das Mädchen richtig annimmt. Pauline war ja eine pflichttreue fleißige Person, da war nichts Wesentliches zu fürchten, aber wenn Du nun ein so junges Mädchen bekommst, das sich bei Dir ihre Auffassung des Verhältnisses teilweise erst bildet, so mußt Du vorsichtig sein. Sie muß von der Überzeugung durchdrungen sein, daß diese Geschäfte für Dich nicht passen, daß eine tüchtige Magd diese Arbeiten der Frau abnehmen muß, weil diese für andere Leistungen und Verhältnisse da ist. Die Gefahr, daß sie Dich für hochmütig oder geringschätzend hält, wirst Du nicht fürchten, denn diese Eigenschaften sind etwas ganz anderes und wenn sie ihr Dienstbotenverhältnis richtig erfaßt, so wie es eben sein muß, Deine Dienerin, so wird sie auch Deine Freundlichkeiten, Rücksichten und Anerkennung in rechter Weise aufnehmen und sich dabei wohl fühlen. Das Anleiten einer Magd habe ich immer als etwas Schwieriges empfunden, denn wir sind dazu nicht aristokratisch genug, und wenn wir sie dann glücklich verwöhnt haben, ärgern wir uns doch darüber und es tut kein gut; rücksichtslose und bequeme Frauen machen es in dem Stück wirklich besser...«

Freundlich gestaltete sich Frau Braters Leben während der nächsten Jahre in ihrer stillen Würzburger Behausung. So oft sie das Bedürfnis fühlte, konnte sie im Hause Kerler Anregung finden und die beiden heranwachsenden Enkelkinder brachten ganz neue Interessen in ihr Leben. In ihrem Album ist dieser Periode mit den Worten gedacht: »Sie lauschet der Enkelin lieblichem Sang, sieht stolz auf des Enkels heroischen Gang.« So stand sie mitten im Leben und fand doch in ihrer kleinen Wohnung die Feierabendruhe, die sie täglich mit Wonne empfand. Eine »Zugehfrau« nahm ihr einen Teil der Hausarbeit ab. Solche Frauen stehen meist im harten Kampf ums Dasein, Frau Brater nahm daran warmen Anteil und half mancher aus schwieriger Lebenslage, denn bei ihrer rührenden Anspruchslosigkeit und zweckmäßigen Einteilung behielt sie immer Geld übrig und spendete nach allen Seiten. Es war komisch, zu beobachten, wie verschieden ihre pekuniären Verhältnisse beurteilt wurden: wer auf ihre Einfachheit und Sparsamkeit sah, der urteilte: »Eine ganz arme Frau!« Wer es erfuhr, daß sie einer bedrängten Familie aufhalf und es ihr dabei auf einen Hundertmarkschein nicht ankam, der sagte: »So gibt nur eine sehr reiche Frau.« Beides war nicht richtig. Reich war sie, wenn man reich jeden heißt, der mehr hat als er braucht, aber sie brauchte für sich weniger als wohl die meisten ihres Standes. Sie blieb bei der alten Gewohnheit höchster Einfachheit, auch noch nachdem sie durch den Tod des treuen Familienonkels Meynier in bessere Verhältnisse gekommen war, denn es freute sie beides gleich sehr, das Sparen und das Geben und das letztere wurde durch das erstere möglich. Es mögen wohl die meisten deutschen Hausfrauen sparen, aber vielleicht wenige so durchgehend, wie sie es tat. Wer Frau Braters System in ihrem kleinen Miniaturhaushalt beobachtete, der konnte im Punkte praktischer Einteilung gewiß immer noch etwas dazu lernen. So z. B. die Ausnützung der Wärme. Wärmeverlust konnte sie nicht mit ansehen. Hatte sie einen Topf voll Milch abgekocht, so war ihr der Gedanke ärgerlich, daß nun die Wärme dieser achtziggradigen Milch nutzlos verloren gehen sollte. Also wurde dieser Topf mit Milch schnell in eine Schüssel mit kaltem Wasser gestellt und der Moment abgepaßt, da die Temperatur der Milch sich mit der des Wassers ausgeglichen hatte und in diesem, ohne jeglichen Verbrauch von Brennmaterial erwärmten Wasser wurde das Frühstücksgeschirr aufgewaschen. Die Befriedigung lag dann nicht sowohl in dem ersparten Pfennig als in dem schön durchgeführten Prinzip der rationellen Wärmeverwertung.

Es hat wohl keine Wohnung gegeben, in der, wenn Frau Brater darin gelebt hatte, die Öfen nachher noch ebenso aussahen wie vorher. Irgend etwas Unzweckmäßiges konnte sie da nicht dulden. Rauch und Ruß durften nicht vorkommen, ihre Öfen mußten, ohne geputzt zu werden, den Winter durch aushalten, ebensowenig durfte aber die Wärme zu rasch abgehen, sie wollte nicht »den Weltenraum heizen«. Auch eine gute Backröhre ließ sie sich in jeder Wohnung einrichten. So war denn auch ein begabter Häfner das Ideal, nach dem sie immer strebte und oft genug sagte sie, es sollte niemand Häfner werden dürfen, der nicht Physik studiert hat! Hatte sie nun so einen Handwerksmann, der eben nicht Physiker war, berufen, so wich sie ihm nicht von der Seite und wollte er zuerst mit einem kühlen »ich weiß schon« oder »so macht man’s immer« nach gewohnter Schablone arbeiten, so wußte sie ihn in so eifriger und netter Weise für ihr Ideal zu interessieren und entschuldigte dabei ihre verständigen Wünsche auf so bescheidene Weise als eine bloße Liebhaberei von ihr, die er eben berücksichtigen möchte, daß jeder schließlich darauf einging und ihren Angaben folgte. Alle Handwerksleute hatten gerne mit ihr zu tun und es zeigte sich oft, wie anziehend eine originelle Persönlichkeit auf Leute jeder Gesellschaftsklasse wirkt.

Wie die Wärme, so sparte Frau Brater auch andere Kräfte. Besah man sich genau ihre nette, in musterhafter Ordnung gehaltene Wohnung, so bemerkte man, daß ihre Schränke an den vorderen Füßchen kleine Holzklötzchen unterlegt hatten. Warum? Weil dadurch die Schranktüren von selbst die Neigung hatten zuzufallen und es somit nicht nötig war, sie immer mit dem Schlüssel zuzuschließen, was ihr als eine unzweckmäßige Zeit- und Kraftverschwendung erschien.

Zeit, Kraft und Geld zu sparen, um solche dann reichlich zur Verfügung zu haben, war ihr Ideal; und wie sie im Kleinen darnach lebte, so wünschte sie sehnlich es auch im Großen, im Staat, durchgeführt zu sehen. Schlechte Finanzverhältnisse waren ihr ein Greuel, sie empfand solche als etwas Unmoralisches und sprach sich oft in ihrer lebhaften Art dagegen aus. Sie erlebte in späteren Jahren, daß der älteste Sohn ihres Bruders Siegfried Finanzminister in Bayern wurde. Da nun Siegfried schon im Elternhause derjenige gewesen war, der ihren Ordnungssinn geteilt, und da er später an seiner Gattin eine musterhafte Hausfrau gehabt hatte, so frohlockte sie, als sie hörte, daß dessen Sohn künftig im Staat den Haushalt führen sollte.

In ihrem kleinen, rationell eingerichteten Heim fühlte sich Frau Brater sehr wohl, aber sie spann sich doch nicht zu sehr darin ein. Jedes Jahr reiste sie nach Calw, in den Schwarzwald, wo jetzt ihr Schwiegersohn Sapper als Gerichtsnotar angestellt war und im Sommer begleitete sie die Familie Kerler auf das Land. Von solch einem Aufenthalt, im Fichtelgebirg, schreibt sie an ihren Neffen Hermann Braun: »So etwas von Waldespracht sieht man nicht leicht und nach unsern Laubwäldern tritt einem der Charakter des Nadelwaldes wahrhaft imposant entgegen, die dunkle Farbe, die gemessene Bewegung; während so ein belaubter Baum im Winde mit seinen tausend Blättern zappelt und plaudert, wiegt so eine Tanne still sinnend ihr Haupt. Wir haben eine Fahrt an den Fuß des Schneeberges gemacht, den die Jungen und Gesunden erstiegen. Ich blieb mit Anna in dem unermeßlich scheinenden Walde zurück umgeben von einem Felsenchaos, das an einen Weltuntergang mahnte. Diese Felsen erhöhen allenthalben das Anziehende des Fichtelgebirges und das Herz schlägt ganz anders, wenn man auf einem so kantigen, glitzernden Granitbrocken steht als auf einem jämmerlichen Sand- oder Kalkstein, der für gewöhnlich die Unterlage unseres Daseins bildet.«

Mit der Familie Rohmer machte Frau Brater zweimal Reisen in die Schweizer und Tiroler Alpen, die zu ihren schönsten Freuden gehörten. Nach der Heimreise von der Schweiz schrieb sie an die Familie Rohmer, die sich noch dort aufhielt: ».... Morgens um ½7 schon war ich in Luzern auf dem Wege zu den drei Linden, wo es so schön war, daß ich selbst fast angewurzelt wäre, denn ich konnte mich gar nicht zum Fortgehen entschließen. Dann sah ich den Gletschergarten! Wenn Ihr bedenkt, daß ich schon in meiner Jugend immer dachte, wenn ich König wäre, würde ich einen Sommer lang alle meine Soldaten verwenden, um einen Gletscher abzuräumen, damit ich sehen könnte, wie es unter dem Eis aussieht – dann könnt Ihr Euch auch denken, wie ich nun im allerhöchsten Grade befriedigt bin, diese meine Neugierde gestillt zu sehen! Es ist in der Tat eine rechte Erweiterung der Kenntnis über die Gletschertätigkeit, die einem dieser Anblick verschafft, und staunend steht man hier vor einem Resultat, welches das Werk von wenigstens Jahrtausenden zu sein scheint! Wahrlich, dieser Gletschergarten ist ein wahrer Glücksfund!... Mit dem Abendzug fuhr ich nach Schaffhausen, in Dachsen nahm ich schmerzerfüllt Abschied von den sonnenglänzenden, ewigen Schneebergen, die schon in weiter, weiter Ferne lagen, aber noch goldig herübergrüßten. Ich dachte Eurer und sende Euch jetzt noch meinen Dank für den unvergeßlichen Genuß, den Ihr mir bereitet habt, und für alle Eure Liebe und Freundschaft!«