Noch tieferen Eindruck machte ihr die großartige Natur des Ortlergebietes, wohin sie auch mit Rohmer, dessen Frau und Tochter reiste. Sie war noch ganz erfüllt davon ein Jahr später, als ein Bild von Trafoi, das ihr Rohmer zuschickte, ihr die Herrlichkeit wieder vor Augen führte.

Sie schreibt am 3. Februar.

»Daß Du mir das reizende Bildchen ausgewählt hast, ist ein Zeichen, daß auch Du mit der gleichen unnennbaren Freude wie ich an die Herrlichkeit denkst, die Gott in diesem Revier ausgebreitet hat. Blumhard sagt einmal irgendwo: es sei ein großer, ein Hauptmangel, daß wir die Herrlichkeit Gottes so ferne liegen ließen, ich glaube, er folgerte daraus auch zum Teil unsere Scheu vor Tod und Jenseits, ich muß dieser Worte oft gedenken und das unsägliche Entzücken, das wir oft bei Eindrücken dieser Welt empfinden, kann ich mir nicht anders erklären, als daß durch sie unsere Seele eine Ahnung der Herrlichkeit ihres Schöpfers empfängt, wenn auch oft ganz unbewußt. Mir ist eine großartige Natur das Erhebendste von irdischen Dingen, Du ersiehst es daraus, daß ich schon bei dem kleinen Bilde wieder denken mußte: ›Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit.‹ Versenke Dich doch einmal wieder recht in die unergründliche Tiefe dieser drei Worte.... Übrigens zeigt das Bild den schönsten Punkt unserer gemeinsamen idealen Reise; ja wären meine Augen nicht gar so elend, ich glaube ich würde Euch noch einmal dahin überreden!«

Ja diese Augen! Sie ließen sich nicht ungestraft dazu benützen, Tag für Tag die strahlenden Bilder der Schneeberge aufzunehmen. Sie verschlimmerten sich sehr am Schluß der Reise und wurden zur täglichen Qual.

Über dieses Augenleiden berichtet in jener Zeit ihre Tochter Anna an Ernst Rohmer: »Der Zustand der Augen verschlimmert sich oft plötzlich und die Schmerzen nehmen sich dann aus wie ein heftiger Nervenschmerz hinter den Augen, nach einigen Stunden wird es oft wieder besser und verhältnismäßig erträglich. Ihr kleiner eigener Haushalt ist jetzt für die Mutter von größtem Wert, da er ihr die einzige für sie mögliche Beschäftigung liefert. Sehr wohltätig empfinden wir auch die Nähe unserer Wohnungen, 150 Schritte. Die Mutter ist regelmäßig von 5–10 Uhr abends bei uns und trotz allem spielen wir da ein Schach, das ihre Augen verhältnismäßig wenig anstrengt. Ich kann es nicht sagen, wie sehnlich ich auf Besserung hoffe, die Geduldsprüfung, die wahrlich nicht klein ist, wenn man auf alle Beschäftigung mit den Augen verzichten muß, ließe sich noch ertragen, aber die Schmerzen und die Pein sind so groß, daß ich ihre Fortdauer als eine schwere Prüfung ansehen würde. Die Mutter ist geistig so frisch und teilnehmend wie je, klagt auch nicht, aber man sieht ja doch wie sie leidet!« Die gehoffte Besserung stellte sich zeitenweise ein, aber immer wieder kamen Monate, in denen die Schmerzen nur in der Ruhe und Dunkelheit der Nacht vergingen und morgens wieder auftraten. Keiner der vielen Augenärzte, die man im Laufe der Jahre zuzog, konnte sie von dieser Qual befreien.

»Ich sehe ganz gut,« äußerte sie oft, »aber ich kann nicht schauen, es ist immer, wie wenn die Augen voll Sandkörner wären.« Manchmal sagte sie auch: »Meine Augen sind wie in Feuer gebettet.« In späteren Jahren kam noch eine andere, mit dieser Empfindlichkeit nicht in Zusammenhang stehende Erkrankung dazu, die die Sehkraft beeinträchtigte. Wegen dieser neuen Erscheinung konsultierte sie nach langer Zeit wieder einen Augenarzt. Dieser nahm auch Notiz von der allgemeinen Empfindlichkeit der Augen, die ihr so viel Pein bereitete. »Seit wann sind Ihre Augen so empfindlich gegen das Licht?« fragte er, und als ihm das Großmütterlein antwortete: »Ich glaube seit meinem fünften Jahr,« da meinte er, das sei freilich kein frischer Fall, und gab den Gedanken an eine Behandlung auf. Sie erinnerte sich, daß es ihr schon im ersten Schuljahr eine Pein war, die Lehrerin anzusehen, weil deren Gestalt sich von einer weißgetünchten Wand abhob. Aber sie klagte darüber so wenig wie andere Menschen sich beschweren, daß es sie blendet, wenn sie direkt in die Sonne sehen. Sie wuchs auf in der Meinung, daß Schauen eine Anstrengung sei. So von jeher abgehärtet gegen diese peinliche Empfindung, brachte sie auch in diesen schlimmen Jahren noch manchen eigenhändigen Brief zustande, denn sie entschloß sich immer ungern zum Diktieren, sie hatte das tiefe Bedürfnis, mit ihren Lieben in der Ferne in Beziehung zu bleiben und auch mit der heranwachsenden Generation in Verbindung zu treten. So schrieb sie an ihren Enkel, Karl Sapper, der ihr als Lateinschüler zu Weihnachten einen geschichtlichen Aufsatz gemacht hatte:

Mein lieber Karl!

»Welche Überraschung und Freude hast Du mir gemacht! Das war ja eine große Arbeit, da sehe ich nun schon, daß Du mich lieb hast, weil Du Dir so viele Mühe gemacht hast! Der Aufsatz ist mir sehr nützlich, denn wenn man älter wird, vergißt man gar vieles, nun habe ich wenigstens den dreißigjährigen Krieg schön übersichtlich beisammen; wenn ich nun etwas nimmer recht weiß, darf ich nur Dein Heft aufschlagen.

Vielleicht kommst Du einmal nach Erlangen und Nürnberg, zwischen diesen beiden Städten hatte Wallenstein auch einmal ein großes Lager, da steht noch ein Turm, man nennt ihn ›die alte Feste‹, von da aus hat Wallenstein sein Lager überblickt, da darfst Du dann hinaufsteigen und zu denselben Luken hinaussehen, wo Wallenstein auch hinausgeschaut hat, aber wahrscheinlich nicht so leichten Herzens als Du; wenn Du dann das weite, weite Feld, wo seine Soldaten lagerten, genugsam überblickt hast, dann steigt man wieder herunter und unten beim Turm steht ein gemütliches Wirtshäuslein, da gibt’s gutes Bier und Kaffee u. s. w., was man sich dann ohne Angst vor dem Totschießen gut schmecken lassen kann. Also wollen wir sehen, ob wir einmal miteinander da hinaufkommen?...«

Im Sommer des Jahres 1895 tritt eine weitere Korrespondentin zu den seitherigen, ein neues Familienglied ist zu begrüßen. Der Neffe Wilhelm Pfaff, wohlangestellter Ingenieur, teilte der Tante seine Verlobung mit, und noch am selben Tage schreibt sie der Braut, um sie willkommen zu heißen, tut es mit den großen Buchstaben, die dem Eingeweihten zeigen, daß die Augen kaum parieren wollen. »Sie wissen ja wohl,« schreibt sie, »daß Wilhelm mir näher steht, als dies gewöhnlich zwischen Tante und Neffe der Fall ist; sein Leben hat sich ja von seinem ersten Jahre an unter meiner Sorge und Teilnahme entwickelt und nun ist mein langgehegter Wunsch in Erfüllung gegangen: er hat sich eine liebe Braut gewählt!«