Da die neue Nichte und ihre Tante beide offene Naturen waren, so kam zwischen ihnen schon im zweiten Briefe zur Sprache, was allein bei dieser Verbindung zu bedauern war, die Verschiedenheit der Konfession, die Braut gehörte der katholischen Kirche an. Frau Brater schrieb ihr: »Dein lieber Brief hat mich sehr gefreut, ich sehe daraus, daß Du Deinem Wilhelm mit großer Liebe zugetan bist, sein Wesen verstehst und zu schätzen weißt, und da er Dir ja die gleiche Liebe und das gleiche Vertrauen entgegenbringt, freue ich mich von Herzen dieser Gemeinsamkeit, die ein so schönes Glück verbürgt. Daß diese Gemeinsamkeit sich nicht auch auf die Kirche erstreckt, der Ihr beide angehört, erregt in unserer Familie natürlich das gleiche Bedauern wie wohl auch in der Deinigen, ich wollte das in meinem ersten Brief an Dich nicht gleich erwähnen, damit Du nicht zweifeln solltest, daß wir das Bedürfnis haben, Dich als liebes Familienglied ins Herz zu schließen, denn neben der äußern Verschiedenheit der Religion bleibt ja doch in der Hauptsache und im tiefsten Grunde die Gleichheit, wir beten gemeinsam zu unserm Vater im Himmel, als dessen Kinder wir uns fühlen, und unser gemeinsames Ziel des Lebens ist die ewige Heimat bei Ihm! So müßt Ihr nur recht festhalten an dem, was Euch auch hierin verbindet, denkt nur an den Spruch, der uns ja allen gesagt ist: ›Selig sind die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen‹ ... dann wird es Euch gelingen, die Religion nicht als eine Scheidewand zu empfinden, sondern als den Weg, den jedes in seiner Weise geht, um sich dieses reine Herze zu erringen.«
Durch dieses offene Aussprechen wurde auch zwischen Tante und Nichte die Verschiedenheit der Konfession nicht eine Scheidewand, sondern fast im Gegenteil eine Verbindung, insofern sie Anlaß gab, sehr bald von der Oberfläche in die Tiefe zu gehen und da gemeinsame Interessen aufzusuchen. Im Februar 1896 war die Hochzeit, unmittelbar vorher schreibt Frau Brater:
»Liebes Brautpaar!
Noch vor Torschluß möchte ich Euch als solches begrüßen und Euch meines Andenkens versichern ... ich bin mit tief empfundenen Glückwünschen bei Euch und es ist mir, als ob ich sie auch im Namen Deines mir so unsäglich teueren Vaters ausspräche, lieber Wilhelm.
Als ich mich verlobte, sagte mein lieber Mann zu mir: ›wir wollen nie die Sonne untergehen lassen, ohne daß alles klar und rein zwischen uns ist‹, dieses möchte ich nun Euch anraten und Ihr werdet gut dabei fahren, ich glaube auch, daß das Euren beiderseitigen Naturen nicht besonders schwer wird, aber dennoch hat man manchmal etwas auf dem Herzen, was man nicht gerne sagt, aber sagt Euch nur immer alles und alles und seid Euch zwei gute Kameraden auf dem Lebenswege.
Ich schließe, habe gar zu schlechte Augen! Also Glück auf!!«
Bald wurde das Band zwischen Tante und Nichte ein inniges und von nun an wurden Briefe mannigfaltigsten Inhaltes getauscht, aus denen der neuen Verwandten bald das charakteristische Bild Frau Braters entgegentrat, denn die Briefe zeigten freundlichen Humor und tiefen Ernst, gaben praktische Hausfrauenwinke und religiös-philosophische Gedanken, und das alles hervorgehend aus dem warmen Bedürfnisse, dem andern Liebe zu erweisen, indem man ihm vorwärts hilft; dabei ist ihr kein Mittel zu unscheinbar, ein gutes heimatliches Klößrezept muß der jungen Hausfrau ebensowohl geschrieben werden wie der Titel einer religiösen Broschüre, mit der dringenden Aufforderung, sie zu lesen.
Während von dieser Seite Frau Braters Leben bereichert wurde, drohte von anderer Seite eine Verarmung. Sie schreibt an die Familie Kraz in Stuttgart am 12. April 96:
... Ich wollte erst einen Anflug von Besserung abwarten, ehe ich Euch mitteilte, daß Berta am Typhus schwer erkrankt ist... Das Fieber trat gleich in voller Heftigkeit auf (40–41°), infolgedessen schon am fünften Tag solche Herzschwäche, daß wir glaubten, schon im Angesicht des Todes zu stehen. Dann ließ sich das Fieber einige Zeit herabdrücken, und das Herz durch Digitalis- und Kampfereinspritzungen zu seiner Tätigkeit antreiben. Seit gestern ist nun eine leichte Rippenfellentzündung hinzugetreten und wir hatten die sorgenvollsten Stunden mit Atemnot und Herzschwäche ....