Ihr könnt Euch denken, wie uns zumute ist, es ist mir, als ob wir ohne dies teure Leben ganz ohne Sonnenschein leben müßten. Anna hält sich tapfer in diesem Kummer, stellt ihr Anliegen in Gottes treue Vaterhand. Die Pflege ist mühsam und schwer, da sie selbst sich gar nicht bewegen soll, wegen des Herzens, aber sie ist eine geduldige Kranke und hat in leichten Stunden stets ein freundliches Wort für uns. Sie ist ganz klar.«

Zehn Tage später an Agnes: »Wir haben seit den Tagen, wo eine scheinbare Besserung eingetreten war, wieder viel Sorge gehabt..... Mut und Geduld unserer teuren Kranken ist auf harter Probe, denn der Zustand wird peinlicher mit der zunehmenden Körperschwäche, sie hat bei der Berührung und Bewegung große Schmerzen. Sie hält trotzdem an ihrer heitern Art fest. Heute sagte Dietrich zu ihr: ›wenn du wieder gesund bist, dann darfst du dir einen Landaufenthalt wählen, wo du willst, und ich bringe dich hin‹, da erwiderte sie mit heiterem Lächeln: ›Vater, ich will dich nicht ausbeuten, jetzt wo dein Herz weich ist‹, und später sagte sie: ›Mutter, ich war elend nobel gegen den Vater‹... Was für peinliche Nächte auch ich drüben in meiner Abgeschiedenheit habe, kannst Du Dir denken.«

Die Herzschwäche wurde so groß, daß die Kranke mehr als einmal in unmittelbarer Todesgefahr schwebte, und manchen Abend verließ die Großmutter das Haus mit der bangen Sorge, daß sie am nächsten Morgen die geliebte Enkelin nimmer am Leben treffen würde. Und dennoch siegte das Leben. Frau Brater sprach es oftmals aus, daß sie den Eindruck bekommen habe, ein Mensch mit weniger energischem Lebenswillen wäre dieser Krankheit erlegen. Auf der Höhe des Fiebers hatte die Kranke gesagt: Phantasiert wird nicht und gestorben wird nicht! und sie behielt in der Tat immer das Bewußtsein. Für Frau Brater, die den Willen des Menschen so hoch anschlug, die bei aller Erziehung, ja auch bei der Selbsterziehung zur Religion, sich immer bemühte, den Willen in Bewegung zu setzen, für sie war dies eine Lebenserfahrung, die sie viel beschäftigte. Vor allem aber empfand sie eine unbeschreibliche Freude, als die Macht des Fiebers endlich gebrochen war und die Kranke allmählich der Genesung entgegenging. Freilich wollte es nun für die Geduld der Großmutter etwas zu langsam vorwärts gehen und ihrem Naturell erschien die große Vorsicht übertrieben, die Ärzte und Pflegerinnen anwandten, um ganz sicher vor einem Rückfall zu sein. Frau Brater war jederzeit die beste und teilnehmendste Pflegerin für Schwerkranke, sowie für solche, die Schmerzen litten. Sobald aber Gefahr und Schmerzen vorbei waren und es sich nur darum handelte, Empfindliche zu schonen, Schwache zu berücksichtigen, so ging das gegen ihre Natur und zugleich gegen ihr pädagogisches Gefühl, das sofort eine Verwöhnung des Rekonvaleszenten fürchtete. Mit einem ungeduldigen »ach was macht ihr für Umstände« lehnte sie die Teilnahme an weitgehender Schonung ab oder willfahrte nur mit Verleugnung ihrer eigenen Grundsätze. Daß ein kaltes Lüftchen der kränklichen Lunge, daß eine nicht durch das Haarsieb getriebene Speise dem Magen schaden könne, dies zu glauben war sie nicht geneigt. So wäre sie auch nie die geeignete Pflegerin für Gemütskranke oder Hysterische gewesen, denn sie neigte zu der Ansicht, daß man solche Menschen wohl dazu bringen könne, sich mit eigener Willenskraft wieder aufzurütteln, und so erschien ihr in solchen Fällen eingehende Teilnahme und Pflege nur schädlich. Sie war sich dessen bewußt und sagte manchmal: »Ich bin nur froh, daß kein Gemütsleidender in unserer Familie ist, der hätte es bei mir nicht gut.« Ihre selbstlose Güte kam da in Konflikt mit dem, was tief in ihrem Wesen lag, das Bedürfnis, die Menschen nicht durch Guttaten zu verwöhnen, sondern das Gute in ihnen zu fördern und zu stärken.

An Ostern war ihre geliebte Enkelin wie eine Sterbende im stillen Krankenzimmer gelegen, am 28. Mai saß sie, wenn auch noch zart und spitz, doch wieder in aufblühender Gesundheit an der festlichen Tafel, an der die silberne Hochzeit ihrer Eltern gefeiert wurde.

XVI.
1896–1907

Auf die fröhliche Feier der silbernen Hochzeit folgte im nächsten Jahre die von Frau Braters siebzigstem Geburtstag. Es fand sich nur die jüngere Generation dazu ein, denn von den Altersgenossen waren nur noch wenige am Leben. In den neunziger Jahren hatte sie viele zu betrauern, sie verlor den letzten Bruder, Heinrich Kraz, ihre Schwägerin Julie Brater, den Schwager Sartorius und den alten, treuen Familienfreund Ernst Rohmer. Dieser schrieb ihr noch aus seiner letzten schweren Leidenszeit die ergreifenden Worte:

»Liebe Pauline!

Da ich gerade eine erträgliche Stunde habe, drängt es mich, Dir zu sagen, wie tief mich Deine so innig teilnehmenden Zeilen gerührt haben und wie dankbar ich für Deine treue Anteilnahme bin. Ich bin jetzt bald vier Monate in der Trübsalshitze, zum Skelett abgemagert, ein erprobter Hungerkünstler und eine medizinische Rarität.... Ich bezweifle, daß eine Änderung eintritt, und werde wohl so nach und nach aushungern. Nun wie Gott will!..... Wieviel Gutes hat Er mir zuteil werden lassen, auch jetzt eine allseitige rührende Teilnahme! Herzlichst und dankbarst grüßt Dich Dein alter Freund und Vetter

E. R.«

In diesen Jahren, da sie eine Trauerbotschaft nach der andern erhielt, gedachte Frau Brater oft eines Verses aus ihrer Mutter Stammbuch: