Mein Baum war schattendicht.
O Herbstwind, komm und zeige,
indem du ihn entlaubst,
den Himmel durch die Zweige.
Einmal glaubte sie selbst schon am Ziel ihrer Wanderung zu sein. Sie wurde, während sie in Calw bei der Tochter zu Besuch war, von einer heftigen Lungenentzündung befallen. An dieser Krankheit war ihre Mutter gestorben und sie zweifelte nicht, daß es bei ihr den gleichen Ausgang nehmen würde. Aber schon nach wenigen Tagen trat eine Krisis ein und die Siebzigerin erholte sich von der Krankheit so, daß auch nicht eine Spur zurückblieb. Aber sie konnte sich gar nicht gleich darein finden. Als sie zum erstenmal wieder das Bett verlassen durfte und Kinder und Enkel sich darüber freuten, sagte sie: »Ich habe gemeint, ich dürfte jetzt abschließen, und war so dankbar, daß es mir leicht werden sollte und nun soll ich noch einmal frisch anfangen?« Nach sechs Wochen konnte sie wieder heim reisen und ihre Lieben in Würzburg sorgten dafür, daß sie empfand, wie teuer ihr Leben ihnen noch war. Aber in den folgenden Jahren traten allerlei Altersbeschwerden auf, die es allmählich untunlich erscheinen ließen, daß sie ferner für sich ganz allein wohnte. Und doch konnte sie sich nicht entschließen, jemand zu sich zu nehmen oder zu ihren Kindern zu ziehen, weil ihr damit die Besorgung ihres Haushaltes, die einzige Beschäftigung, die ihre Augen gestatteten, abgeschnitten war. Sie schreibt an Lina Sartorius: »Ich wäre so dankbar, wenn ich mein einfaches Stilleben noch eine Zeitlang weiterführen könnte und keine Hilfe brauchte. In letzter Zeit war ich in dieser Hinsicht oft zaghaft und fürchtete, meine alte baufällige Hütte wolle sich nimmer recht stützen lassen. Die Leberbeschwerden ließen mich zu keiner Kräftigung kommen .... so vergingen mir die Tage öde und miserabel und dabei traurig im Gefühl, wie sehr es mir noch an freudiger Ergebung in Gottes Willen fehlt.«
Die Frage über ihre künftige Lebenseinrichtung fand eine unverhoffte Lösung durch einen neuen Trauerfall. Schon seit zwei Jahren wankte die Gesundheit ihres Schwiegersohnes Sapper und im September 1898 erhielt sie die Nachricht von dessen Tod. Zunächst waren ihre Gedanken ganz und ausschließlich von der Teilnahme für ihre verwitwete Tochter und deren drei Kinder erfüllt und mit dankbaren Worten gedenkt sie des treuen Schwiegersohnes, der sie jedes Jahr mit der herzlichsten Gastfreundschaft aufgenommen hatte und immer darauf bedacht war, durch Ausflüge in die schöne Umgebung ihrem Aufenthalte noch besonderen Reiz zu verleihen. »Eine durch und durch noble Natur« nennt sie ihn.
Aber wenn sie auch die Trauer der Tochter verstand und teilte, so mahnte sie doch die Verwitwete: »Denke nicht, daß die Erweisung von Treue und Liebe darin besteht, daß man sich ganz und ausschließlich der einen Empfindung der Trauer hingibt, o nein, Liebe und Treue erweisen sich in der Dauer, in der Unwandelbarkeit, gönne Dir und Deinen Kindern auch eine fröhliche und heitere Stunde, wenn sie sich ergibt, das Gemüt kann dafür empfänglich sein, auch zwischen den betrübten Stunden.« Durch ihre schlimmen Augen am Schreiben gehemmt, schrieb sie schmerzlich bedauernd der Tochter: »Bei allen Menschen wollte ich mich noch gerne zum Diktieren herbeilassen, obwohl es mir überall schwer fällt – wenn ich nur Dir selbst schreiben könnte. Das Beste, was man sich zu sagen hat, geht eben doch nur direkt von Herz zu Herzen, nicht nur durch ein Medium hindurch, aber ich gebe mich wenigstens der Hoffnung hin, daß Du die Unvollkommenheit des Diktierens zu ergänzen weißt.«
Bald nach dem Tode des Schwiegersohnes tauchte der Plan auf, daß die Tochter mit ihren Kindern nach Würzburg ziehen und die Mutter zu sich nehmen solle. »Diese Lösung«, schreibt Frau Brater, »erscheint mir als ein großes Glück für mich, aber natürlich nur dann, wenn ich von der Überzeugung durchdrungen sein kann, Du würdest diese Wahl des Ortes auch in Rücksicht für Dich und Deine Kinder treffen, denn auf mich, deren Jahre doch gezählt sind, darf man nichts bauen, da würde ich mich ja gar nicht zu sterben trauen.«
Die Tochter und ihre drei erwachsenen Kinder, die sich nicht so leicht entschließen konnten, die alte Heimat zu verlassen, machten den Vorschlag, erst im Herbste zu übersiedeln. Traurig darüber schreibt Frau Brater: »Das ist fast noch ein Jahr! Ein Jahr ist lang für mich, ich möchte Euch doch selbst noch helfen eingewöhnen, Euch mit meinen hiesigen Freunden bekannt machen, wer weiß, wie lang ich es noch vermag.« Daraufhin wurde ein früherer Termin festgesetzt und im April übersiedelte die Tochter mit den zwei eben erwachsenen Enkeltöchtern, wieder eine Anna und Agnes, nach Würzburg, während der Sohn als Vikar in Württemberg Stellung nahm und nur als Gast in der gemeinsamen Würzburger Haushaltung erschien.
So zog denn Frau Brater – zum letztenmal – aus. Im »Zwinger« war eine freundliche Wohnung mit dem Blick in Gärten und Anlagen gefunden worden und es war die höchste Zeit, daß die Alleinstehende Anschluß fand, denn schon den Umzug konnte sie kaum mehr bewerkstelligen wegen der schmerzhaften Leberbeschwerden, die einige Wochen lang anhielten, und noch im gleichen Jahre wurde sie von einem, wenn auch ganz leichten Schlaganfall heimgesucht, der ihr zwar nicht einmal für einen Moment das Bewußtsein raubte, aber ihr doch dauernd das Gehen erschwerte. So erkannte sie voll Dankbarkeit an, daß sie nun geborgen und versorgt war, umgeben von denen, die sie von ganzem Herzen liebten, und doch nicht getrennt von der Familie Kerler, an deren täglichem Verkehr sie ihre Herzensfreude hatte. Wer da kam, pries es als glücklichen Umstand, daß eben jetzt, wo sie nicht mehr selbst für sich sorgen konnte, andere Hände für sie frei geworden waren und sie stimmte dankbar ein in diesen Preis. Aber dennoch, und wenn sie es gar niemandem sagen und sich selbst nicht eingestehen mochte, dennoch wollte es ihr nicht gelingen, sich so glücklich zu fühlen, wie sie es vorher in ihrer Selbständigkeit gewesen war. Mit dem Augenblick, wo sie nichts mehr zu tun hatte, wo andere für sie sorgten und der Tag keine Arbeit mehr für sie brachte, schien ihr das Leben keinen Zweck mehr zu haben. Sie konnte sich ja in guten Stunden wohl noch ein wenig beschäftigen, aber wenn ihr die Enkelin auch mit freundlicher Bitte um Hilfe ein kleines Küchengeschäft hereinbrachte, die Großmutter durchschaute doch, warum es geschah. Merkwürdig, aber gewiß wahr ist es, daß keine Liebe und Fürsorge, keine Unterhaltung, kein Spiel, kein Vorlesen ihr ersetzen konnte, was man doch als ein so bescheidenes Glück betrachten möchte: die eigene Tätigkeit im selbständigen Haushalt.
Aber was wir hier feststellen, wollte sie nicht Wort’s haben, es wäre ihr als größter Undank erschienen und sie kämpfte an gegen dieses innere Unbefriedigtsein täglich und durch Jahre hindurch. Auch brachte jeder Tag solche Stunden, in denen sie sich behaglich fühlte, vor allem dann, wenn auch die Hausgenossen nichts arbeiteten, wenn man bei Tisch oder abends beim Lampenlicht saß und etwa ein Spiel machte und vor allem die Stunden oder besser Viertelstunden, wenn die Augen ihr gestatteten, ein wenig selbst in die Bücher zu blicken, die sie gerade am meisten beschäftigten. Zu diesen gehörten vor allem die Schriften von Dr. Johannes Müller.
Sie hatte dessen Vorträge gehört, die sie mächtig ergriffen und hielt seitdem die von ihm herausgegebenen »Blätter zur Pflege persönlichen Lebens«. Diese sind nicht leicht zu verstehen und vielen erschien es rätselhaft, daß eine Siebzigerin eine solch neue Richtung wirklich erfassen könne. Das Rätsel war aber sehr einfach zu lösen; in diesen Gedanken trat nichts Fremdes an sie heran, sie fand hier nur klar ausgesprochen, was sie dunkel gefühlt hatte. Wer Müllers Schriften aufschlägt, trifft auf die Worte »Persönliches Leben«, »Ursprünglichkeit«. – »Persönliches Leben« war ihr eigenes Leben gewesen, »Ursprünglichkeit« ihre hervorragende Eigenart. Die tiefe Überzeugung, daß der Glaube an Gott entweder eines Menschen ganzes Sein und Leben durchdringen müsse, oder aber wertlos sei, war ihr eigen und stand auch in Müllers Heften zu lesen. Manches andere darin war ihr allerdings fremd, wohl auch unsympathisch, aber sie ließ solches ruhig beiseite oder ging auch leicht über einzelne Aussprüche, die ihr wunderlich erschienen, hinweg mit der Bemerkung: »Er meint das ganz anders, als es dasteht.« Aber jene Artikel, die ihr aus der Seele gesprochen waren, ließ sie sich von Kindern, Enkeln und Gästen, die sie besuchten, immer wieder vorlesen. Zwar solchen gegenüber, die befriedigt in der alten Auffassung des Glaubens waren, sprach sie nicht von diesen Gedanken, hielt ihnen solche Bücher ferne und pries sie glücklich, wenn sie nur einen lebendigen Glauben zeigten. Hingegen drängte es sie, allen, die von Zweifeln umgetrieben oder der Kirche feindselig gegenüberstanden, das mitzuteilen, was ihrem eigenen religiösen Bedürfnisse so sehr entsprach. Solche mußten wohl oder übel Müllers Schriften lesen, sonst konnten sie nicht vor ihr bestehen. So schreibt sie an eine Freundin: »Sage mir doch, ob Du die Müllerschen Hefte fortgesetzt nicht liesest? ob Ihr alle so barbarisch seid, sie nicht zu lesen? Vieles ist ja geradezu für Eueresgleichen wie gemacht, denn Müller ist ja förmlich ein Apostel der Freiheit und Selbständigkeit und auch mit Deinem besten Willen kannst Du ihm nichts anhaben, mir ist er zum Evangelisten geworden mehr als irgend einer und ich lebe förmlich in seinen Gedanken, je mehr ich sie erfassen lerne, und wie ich Dir schon einmal sagte, er führt in die unmittelbare Gottesnähe; das dritte Heft bot mir weniger, aber das soeben erschienene vierte hat wieder Großartiges und Ergreifendes.«
Alle, die mit ihr im Briefwechsel standen, mußten mindestens erfahren, wie viel für sie die in den »Grünen Heften« niedergelegte Auffassung war. An Frau Geheimrat Wehrnpfennig schrieb Frau Brater: »Müller ist absolut liberal und dabei bis an die tiefste Wurzel des Seelenlebens gehend.« An ihre Nichten Kraz: »Ich gedachte Eurer Marie beim Lesen des vierten grünen Heftes mit dem Artikel: ›Warum ist das Leiden in der Welt‹; ich finde in diesem Hefte wieder so viel Ergreifendes, dieser Mann spricht mir so ganz und gar nach meinem Gewissen und meiner Empfindung und zeigt so klar, wo es fehlt in der Welt und bei jedem einzelnen. Dieser Artikel über das Leiden ist zum Eckstein meiner Lebensanschauung geworden.«