Auch die treue Freundin Luise Hecker, deren Jugendkraft in dem obigen Briefe noch gepriesen ist, schied aus dem Leben noch vor der älteren, immer mehr vereinsamten Freundin.

Aber Frau Brater hatte trotz der vielen Trauerfälle auch in ihren alten Tagen nicht nur Vereinsamung zu empfinden, das Leben brachte ihr von anderer Seite Bereicherung. Ihre Enkelin Berta sowie ihr Enkel Karl hatten sich in den letzten Jahren verheiratet, mit Liebe wandte sie sich den neuen Familiengliedern zu und als dem Enkel Karl ein Sohn geboren wurde, schrieb die achtundsiebzigjährige Urgroßmutter noch eigenhändig zur Taufe des Kleinen den selbsterdachten Vers:

Will Dir einen Glückwunsch bringen,
trag auch viele Dir entgegen,
doch der Reim will nicht gelingen.
Nun, daran ist nichts gelegen.
Denn mit Dir, Du kleiner Engel,
ist das Glück ja selbst gekommen,
hat sich eingelebt im Herzen,
feste Wohnung hier genommen.

Sie sah den Urenkel, der als ein kleiner Steiermärker auf die Welt kam, nimmer im Leben, aber als sie sein Bild erhielt, nahm sie es gar oft unter die Lupe und betrachtete in ihm mit liebevollem Interesse die neue Generation. Als sie sich einmal ungehalten über ihre blöden Augen aussprach, die gar nichts mehr taugten, sagte eine der Enkelinnen tröstend zu ihr: »Aber Großmutter, Deinen Urenkel siehst Du doch noch ganz deutlich«, und sie antwortete in einer freundlichen und ihr sonst ganz fremden unlogischen Weise: »Nun ja, den schon, weil er eben gar so ein netter Kerl ist.« Kamen die Kinder und Enkelkinder zusammen und saßen zum Familienabend um den großen Tisch, so saß sie liebevoll und an jeder Fröhlichkeit von Herzen teilnehmend dabei, obgleich die Schwerhörigkeit des Alters sie behinderte, so daß sie manchmal erklärte: »Die Menschen teilen sich mir nimmer in gute oder böse, sondern in solche, die deutlich und undeutlich reden.«

Jeden Sonntag vormittag kam treulich als ihr »Hausgeistlicher«, wie sie scherzend sagte, ihr Schwiegersohn zu ihr und las ihr mit seiner kräftigen Stimme eine Predigt vor; die letzten, an denen sie sich erfreute, waren die von Rittelmeyer und Geyer. Manchmal nahm an dieser Vorlesung auch die Tochter oder eine der Enkelinnen teil, nach beendigter Predigt ließen sie aber Schwiegermutter und -Sohn allein beisammen, denn diese beiden, die nun auch schon ein gutes Stück Lebensweg und immer in bestem Einverständnisse gegangen waren, hatten sich viel zu sagen, und wenn etwas von ihrem Gespräch in das Nebenzimmer drang, so waren es immer Worte, aus denen man erkannte, daß sie sich an der schönen gemeinsamen Erinnerung freuten, »als die Kinder noch klein waren«. So war auch noch am Sonntag den 24. Februar der treue Schwiegersohn bei ihr gewesen, sie sprachen diesmal über den nahen Geburtstag von Anna, und die eigenen Geburtstage dieses Jahres mochten ihnen dabei in den Sinn kommen, es sollte für Kerler der siebzigste, für Frau Brater der achtzigste sein. Freundlich, wie immer, rief er ihr beim Fortgehen noch mit seiner frischen Stimme zu: »Adieu Mutter, laß Dir’s gut gehen«, und keines von beiden ahnte, daß es ein letztes Abschiedswort war, keines hätte gedacht, daß der nächste Sonntag der Todestag dieses noch so frischen, kräftigen Mannes wäre. Eine Lungenentzündung überfiel ihn und bereitete ihm ein so leichtes, sanftes Ende, daß er fast ohne Leiden scheiden durfte.

Frau Brater hatte kein klares Bild von seiner Krankheit gehabt, denn ihr, die nicht helfen, nicht nach ihm sehen konnte, die nachts so manche schlaflose Stunde hatte, ihr wollte man gerne die Sorge und Angst ersparen, solange man noch hoffen konnte, daß sie gnädig vorübergehen würde. Und nun kam so rasch das Ende und die Botschaft traf sie innerlich unvorbereitet. Das war ein erschütternder Schmerz, denn in dieser Todesnachricht lag für sie das Bewußtsein, daß das Lebensglück ihrer Tochter dahin sei, ein Ehebund getrennt, dem ihrigen gleich an beglückender Innigkeit. Niemand wußte so wie sie, was das heißt, und sie trauerte tief und still. Manchen Morgen, wenn die Enkelin, die bei ihr im Zimmer schlief, an ihr Bett trat, fand sie die Großmutter in Tränen, manchen Abend lag sie wach in wehmutsvollem Gedenken, wenn sie gleich in rührender Rücksichtnahme sich still verhielt, um die anderen nicht zu bekümmern.

So waren fünf Wochen vergangen. Montag den 8. April abends kam Frau Brater langsam und vorsichtig wie immer aus ihrem Zimmer in das Wohnzimmer zum Abendessen und setzte sich mühsam in ihren Lehnstuhl an den Tisch. »Sieh, Großmutter,« sagte die Enkelin, »da ist das neue weiche Rückenkissen, wollen wir’s einmal probieren?« »Ja«, sagte sie, »aber jetzt nicht gerade, ich habe auf einmal so einen furchtbaren Kopfschmerz«, und sie lehnte sich zurück in den Stuhl, griff nach der Stirne und schloß die Augen, die armen, schwachen Augen, die ihr im Leben so unendlich viel Qual bereitet haben. Sie schloß sie und hat sie nicht wieder geöffnet.

Es war ein Schlaganfall. Das Bewußtsein verlor sich langsam. Sie versuchte noch hie und da ein Wort zu sprechen. Das letzte, was wir hören konnten, war ein leises, freundlich bittendes Wort an die Enkelin: »Anni, hilf mir ein bißle!« Von da an währte das Leben noch einige Tage, aber es war nur noch ein Atemholen und am Nachmittag des 12. April kam der letzte Atemzug.

Wir sagten uns alle: Wie gnädig ist es ihr ergangen, wie hat sie so schmerzlos hinüberschlummern dürfen, wir gönnten ihr auch, daß sie von aller Pein befreit war, verstanden es, wenn man uns sagte: Fast achtzig Jahre, da darf man nicht klagen, und dennoch – o Du herzliebe Mutter, wie sollten wir Dich nicht vermissen??

Unser Buch schließt traurig, aber vielleicht doch nur traurig, weil wir zu kurzsichtig sind, um über den Tod hinaus zu sehen, in die Herrlichkeit, nach der dieser Geist schon auf Erden sich gesehnt hat. Seine besten Kräfte stammten aus dem Göttlichen und wenn sie nun nimmer in die irdische Hülle gebannt sind, werden sie dann nicht vereinigt sein mit ihrem göttlichen Ursprung? Ja wenn wir uns da hinein versenken, dann verwandelt sich unsere Trauer in ein Sehnen und Streben nach denselben Kräften und dann ist das Beste, dann ist der Geist unserer Mutter bei uns geblieben.