Gretchen war nun still, aber sie mußte immer an Lene denken, bis dieser Kummer durch den Gedanken an die französische Stunde verdrängt wurde, die sie heute zum erstenmal erteilen sollte. Sie hätte sich nur gefreut auf diese Stunde, wenn sie über einen Punkt beruhigt gewesen wäre: ob Fräulein von Zimmern den Stunden beiwohnen würde. Sie war überzeugt, daß sie allein ihre Sache viel besser machen würde und bald gut Freund wäre mit der fremden Kleinen, für die sie schon eingenommen war, ehe sie dieselbe kannte, aber in Gegenwart von Fräulein von Zimmern traute sie sich nichts zu. Als sie nun um vier Uhr ins Schulhaus kam, stürmten die Kinder alle die Treppe herunter, und es war ihr ganz eigen zumute, daß sie, als Lehrerin, dem Strom entgegen hinaufging.
Die dritte Klasse hatte sich eben entleert, ein Kind saß allein noch auf der letzten Bank, und Gretchen konnte leicht erraten, daß das ihre künftige Schülerin war. So einsam im Schulzimmer zurückbleiben müssen, wenn alle Kamerädinnen hinausspringen, so auf der letzten Bank sitzen und warten, bis eine ganz fremde Lehrerin kommt, das ist keine glückliche Lage, und Gretchen mit ihrem warmen Herzen fühlte das sofort. Sie hatte eigentlich warten wollen, bis Fräulein von Zimmern sie in aller Form der Schülerin vorstellen würde, aber als sie das Kind so verlassen sah, kam es ihr anders. Schnell ging sie auf sie zu, setzte sich neben sie auf die Bank, legte den Arm um sie und sagte: „Gelt, du möchtest jetzt gewiß lieber mit den andern fort, als bei mir französisch lernen? Aber ich mach’s gar nicht lang; sieh, da legen wir meine Uhr her und sowie der Zeiger da auf halb ist, hören wir auf.“
Die Kleine antwortete nicht auf diese freundliche Anrede. Gretchen erinnerte sich an Fräulein von Zimmerns Wort: „verschüchtert“. Ja, so erschien sie und so zeigte sie sich auch, als jetzt Fräulein von Zimmern eintrat. Sie blieb sitzen, während Gretchen vortrat und grüßte. Fräulein von Zimmern, die sonst jede kleine Unhöflichkeit zu tadeln pflegte, übersah es bei diesem Kind und sprach milder, als sonst ihre Art war. Gretchen merkte wohl, daß es ihr am Herzen lag, die Kleine zu ermutigen.
„Das ist Ruth Holland, deine Schülerin; Ruth, sieh, das ist Fräulein Reinwald.“
Gretchen war ganz betroffen, sich so vorgestellt zu hören; aus dem Munde der Vorsteherin lautete das „Fräulein Reinwald“ gar zu ungewohnt.
Fräulein von Zimmern zeigte nun Gretchen, wo Ruth, die erst seit kurzem angefangen hatte, Französisch zu lernen, in ihrem Lehrbuch stand. Gretchen sollte zuerst die kleine schriftliche Arbeit korrigieren und die gelernten Wörter überhören, dann die neue Lektion durchgehen. Ein heller Platz in der vordersten Bank wurde für die kleine Schülerin bestimmt und dann wies Fräulein von Zimmern auf einen Sessel, den sich Gretchen vor den Platz der Kleinen stellen sollte. Gretchen wagte eine Einsprache.
„Ich säße viel lieber neben ihr auf der Bank, es ist viel traulicher; darf ich?“
„Die niedrige Bank ist für dich unbequem, doch magst du das einrichten, wie du willst.“
Im Nu saß Gretchen neben Ruth, schlang den Arm wieder um sie, während sie mit der andern Hand das Heft nahm, in dem eine Übersetzung zu korrigieren war. „La mère“ hießen die ersten Worte und auf „mère“ fehlte der Akzent; eifrig bemühte sich nun die junge Lehrerin, ihrer Schülerin zu erklären, warum dies kleine Zeichen nicht fehlen dürfe. Sie beachtete nicht mehr die Gegenwart von Fräulein von Zimmern, sie war viel zu sehr bei der Sache, und so bemerkte sie auch den wohlwollenden Blick nicht, den die Vorsteherin auf die kleine Gruppe warf, ehe sie nach einer Weile das Zimmer verließ.
Die halbe Stunde erschien Gretchen fast zu kurz, sie hätte in ihrem Eifer gerne noch weiter gemacht, aber sie dachte an ihr Versprechen und machte pünktlich Schluß. Sie half der Kleinen, ihr Jäckchen anzuziehen, freute sich an dem zierlichen Gestältchen und fing an, mit Ruth zu plaudern. Aber die Unterhaltung blieb ganz einseitig, und sobald das Kind fertig war, huschte es mit kaum hörbarem Gruß zur Türe hinaus. „Jetzt ist sie natürlich noch schüchtern, aber in der nächsten Stunde wird sie schon zutraulich werden,“ sagte sich Gretchen, während sie das Schulzimmer hinter sich abschloß, das ihr, still und unbelebt, wie es um diese Zeit war, fast fremd erschien.