Sie schlug nicht den Heimweg ein, es zog sie unwiderstehlich zu Lene, sie mußte einmal nach ihr sehen. In einem kleinen Gäßchen der Altstadt wohnte der Kutscher Bauer, ein sehr zuverlässiger Mann, den Lene in früheren Jahren oft für Herrn Reinwald zu Ausfahrten bestellt hatte. Gretchen war kurz nach Lenes Heirat schon einmal dagewesen, um ein Hochzeitsgeschenk zu überbringen. So war ihr die Wohnung nicht unbekannt. Man mußte an dem Vorderhaus vorbei durch einen Hof in das Hintergebäude gehen. Dort war der Pferdestall und die Wagenremise und daneben die kleine Parterrewohnung, die der Kutscher bewohnte. Gretchen klopfte an der Zimmertüre, und als niemand „herein“ rief und sie doch von innen Gepolter hörte, klopfte sie noch lauter. Da wurde die Türe aufgerissen und sie stand einem etwa zwölfjährigen Knaben gegenüber, der sie anredete: „Wollen Sie zum Kutscher?“ Gretchen wußte sofort, daß das einer der drei wilden Buben war; sie sah auch, daß ein zweiter mitten auf dem Tisch stand, sah, daß dieser Tisch tadellos weiß gefegt war und daß der Bub, der darauf stand, schmutzige Stiefel hatte. In einem Augenblick hatte sie das alles bemerkt; jetzt antwortete sie auf die Frage des Großen: „Ich möchte zu Lene, zu Frau Bauer.“
„Die ist nicht da.“
„Ist sie ausgegangen? Kommt sie wohl gleich wieder?“
„Sie ist ausgegangen, aber ob sie wohl gleich wieder kommt oder noch eine Stunde lang schwätzt, weiß ich nicht.“
„Schwätzen tut sie nicht, das weiß ich,“ rief Gretchen, deren Zorn gegen die Buben gleich hell aufloderte. „Ich kenne die Lene besser als ihr, sie war vierzehn Jahre bei uns!“
„Meinetwegen hätte sie auch vierundzwanzig Jahre bei euch bleiben können!“
„Ich wollte auch, sie wäre bei uns geblieben,“ rief Gretchen mit zunehmender Erbitterung, „bei uns hat sie es gut gehabt, ich habe sie so lieb und sie mich, und ihr seid so häßlich gegen sie!“
„So? Woher wißt Ihr denn das? Hat sie uns schon verklagt?“
„Wenn sie euch auch nicht verklagt hätte,“ entgegnete Gretchen, „so hätte ich das schon selbst gemerkt, wenn du gleich sagst: ‚sie schwätzt!‘ und wenn der andere dort auf dem frisch geputzten Tisch herumsteigt, daß Lene gerade wieder von vorn anfangen muß zu putzen!“
„Was kümmert’s Euch?“ rief trotzig der Große, „das ist unser Tisch und unsere Stub, da habt Ihr nichts drein zu reden! Wir können tun, was wir mögen, und Euch geht’s nichts an!“