Hoch befriedigt kamen all die jungen Gäste vom Fest heim und in vornehmen und geringen Häusern wurde an diesem Abend von denselben Erlebnissen gesprochen. Gretchen hatte aber noch etwas mehr erlebt als alle andern. Die kleine Weile, die sie mit der königlichen Mutter allein an der Wiege der Prinzessin gestanden war, schien ihr die köstlichste Erinnerung von allem, und noch im Einschlafen schwebte ihr das holde Lächeln des Kindes vor. Als Frau Reinwald ein paar Minuten, nachdem Gretchen zu Bett gegangen war, noch einmal in ihr Zimmer kam, um das weiße Kleid herauszunehmen (es hatte ein Loch, aber die Königin konnte es nicht gesehen haben), da war Gretchen schon eingeschlafen, und noch im Schlaf lag ein glücklicher, friedlicher Ausdruck auf ihren Zügen. „Du mein sonniges Glückskind,“ sagte die Mutter bewegt, „Gott erhalte dich so wie du bist!“
Dreizehntes Kapitel.
Fräulein Trölopp.
Rudi und Betty hatten sich so eingelebt in der Familie Reinwald, daß sie ganz erstaunte Gesichter machten, als eines Tages die Nachricht kam, Fräulein Trölopp würde am nächsten Montag kommen, um sie heimzuholen. Ihnen war es, als seien sie schon daheim, und sie sehnten sich nicht fort. Auch Gretchen hatte sich sehr an sie gewöhnt wie an kleine Geschwister und mochte gar nicht daran denken, daß sie nun wieder das einzige Kind im Haus sein würde. Aber etwas war doch bei dieser Mitteilung, das sie sehr glücklich machte: Fräulein Trölopp wollte ja die Kinder holen. Sie freute sich so sehr darüber, daß sich Frau Reinwald wunderte. „Du hast sie doch zu wenig kennen gelernt, um sie eigentlich lieb zu gewinnen,“ sagte Frau Reinwald.
„Ich weiß auch gar nicht, ob ich sie lieb habe; aber sie ist so ganz anders, als alle andern Menschen, daß ich zu gerne möchte, Ihr lerntet sie kennen.“
Als am nächsten Tag Gretchen an die Bahn ging, um Fräulein Trölopp abzuholen, brauchte sie sich nicht lange unter den Ankommenden umzusehen. Der bekannte, grellgelbe Samthut leuchtete ihr schon von weitem entgegen, auch der schillernde Reisemantel fehlte nicht, und die fremdartige Erscheinung zog sogar in der Residenz manchen Blick auf sich. Im ersten Augenblick war es Gretchen, als sei Fräulein Trölopp noch etwas unschöner als früher, und während die dicke, kleine Gestalt mit ihr durch die Straßen watschelte, mußte sie denken, was wohl die Eltern von der neuen Bekanntschaft halten würden. Vielleicht fänden sie dieselbe nur abstoßend und würden sie gerne möglichst bald wieder ziehen sehen?
Konnte Fräulein Trölopp Gedanken lesen? Fast mußte es Gretchen glauben; denn sie unterbrach Gretchens Gedankengang, indem sie sagte: „Ich werde Ihren Eltern nicht lange zur Last fallen. Es ist jetzt elf Uhr, um zwei Uhr werde ich mit den Kindern abreisen.“
„Aber Fräulein Trölopp,“ rief Gretchen erstaunt, „wir haben ja gerechnet, daß Sie bei uns übernachten!“
„Ich mache nicht gerne unnütze Mühe; sagen Sie selbst, hat es einen Nutzen, daß ich bleibe?“
„Sie müssen sich doch ein wenig von der Reise erholen.“
„Das ist unnütz.“