„Ich bin nicht krank,“ sagte Gretchen. „Wer kann das wissen? Vorsicht schadet nie.“ Gretchen kam es vor, als ob ihre Führerin nur widerwillig den Wunsch der Königin erfüllte. Sie fühlte sich dadurch bedrückt und hätte in diesem Augenblick leicht auf die ihr zugedachte Ehre verzichtet. Still ging sie neben der Hofdame im rauschenden Seidenkleid durch die langen Korridore der Residenz. Endlich war das Ziel erreicht. Auf leises Klopfen wurde ihnen die Türe von einer einfach gekleideten Frau geöffnet. Es war die Amme der Prinzessin, die leise die Türe wieder hinter den Besuchen schloß und sich in das Nebengemach zurückzog. An einem Fenster des hohen, freundlichen Zimmers, durch das die Frühjahrssonne warm herein schien, saß die Königin.
„Majestät,“ sprach die Hofdame, „hier ist Margarete Reinwald.“ Die Königin erhob sich grüßend und sprach dann zu der Hofdame: „Lassen Sie mir das Mädchen hier, ich werde sie zurückbegleiten lassen.“ Zu Gretchens großer Befriedigung verließ die feierliche Dame auf diese Worte hin das Zimmer. Allein mit der Königin, die sich so gütig gegen sie gezeigt hatte, fühlte sie sich nicht mehr befangen. Jetzt überkam sie die große Freude, daß sie die kleine Prinzessin sehen sollte, und mit großem Verlangen sagte sie: „Darf ich wirklich das Prinzeßchen sehen? O wo ist sie denn?“ Es war gut, daß die gestrenge Hofdame nicht mehr anwesend war! Was hätte sie dazu gesagt, daß Gretchen so gegen die Etikette verstieß, indem sie zuerst das Wort an die Königin richtete!
Aber die Königin war nicht nur Majestät, sie war auch Mutter, und das dringende Verlangen, ihr Kind zu sehen, freute sie. Gütig lächelnd sagte sie: „Ja, Sie sollen die Prinzessin sehen, kommen Sie!“ und sie führte Gretchen durch eine Portiere in das anstoßende Gemach. Auf weichen Teppichen schritten sie lautlos bis an die Wiege, neben der die Wärterin stand. „Schläft sie noch?“ fragte die königliche Mutter. „Sie hat noch keinen Laut gegeben,“ erwiderte die Frau. „Wir müssen sie doch sehen,“ sagte die Königin und zog sachte die zarten Tüllvorhänge der Wiege auseinander. Und als sie beide – die Königin von der einen, Gretchen von der andern Seite in die Wiege blickten, waren sie gleich sehr überrascht, denn mit offenen Äuglein sah das Kind ihnen entgegen.
„Sie wacht ja,“ rief Gretchen ganz entzückt. Bei diesem hellen Ruf und dem Anblick von Gretchens Erscheinung verklärte ein Lächeln das winzige Kindergesichtchen. „Ei,“ rief die Königin, „sie lächelt Sie an! Da werde ich fast eifersüchtig, denn sie ist noch sparsam mit ihrem Lächeln, nicht wahr, Frau Walter?“ „Ja,“ sagte diese, „Prinzessin ist erst neun Wochen alt, da kann man nicht viel verlangen.“ „Wie lieblich sie aussieht, was sie für ein klein winziges Mündchen hat!“ rief Gretchen ganz entzückt, und die Kleine schien Gefallen zu finden an dem blonden, rosigen Kopf, der sich über sie neigte, und an der hellen Stimme, sie lächelte wieder. „Sie hört Ihre Stimme gern,“ sagte die Königin.
Da fing Gretchen leise an, die Worte zu singen, die ihr noch in den Ohren klangen: „Prinzeßchen fein, Prinzeßchen klein.“ Die Kleine horchte und ihre Äuglein hafteten auf dem Röschen, das Gretchen angesteckt hatte und das sich bewegte. „Das Röschen gefällt ihr,“ sagte die Wärterin. Gretchen steckte es ab und bewegte es hin und her, und die Kleine folgte mit den Augen. „Darf ich ihr’s geben?“ fragte Gretchen, zu der Königin aufblickend. „Wenn Sie es gerne geben, dann können wir es an dem Vorhang befestigen, daß sie es vor sich sieht.“ „Es ist Zeit zum Trinken,“ mahnte die Wärterin. „Dann wollen wir nicht länger stören,“ sagte die Königin und drückte einen Kuß auf die kleine Stirne. „Lebwohl, mein Liebling, wachse mir auch so blühend heran wie diese Tochter, die dir so gut gefällt!“ Gretchen griff nach einem der kleinen Händchen, die aus dem Spitzenjäckchen hervorsahen und hätte es vielleicht geküßt, wenn es die Hofdame nicht untersagt hätte. So sagte sie nur: „Behüt dich Gott, Prinzeßchen!“ folgte der Königin in ihr Gemach und nicht nur auf Befehl der Hofdame, auch aus eigenem Herzensdrang dankte sie der königlichen Mutter für die Freude, die sie gehabt hatte. „Es tut mir leid,“ sagte die Königin, „daß ich den andern Mädchen nicht auch die Freude machen darf. Erzählen Sie heute noch nichts von Ihrem Besuch bei der Prinzessin, es täte vielleicht den andern weh.“ „Ich will nichts davon sagen,“ versprach Gretchen, „ich freue mich nur, bis ich es heute abend meinen Eltern erzählen darf.“
Mit strahlenden Augen kehrte Gretchen in den Saal zurück, wo sich manche über ihre Abwesenheit gewundert hatte. „Du hast dein schönes Röschen verloren,“ sagte Hermine, sobald sie Gretchen erblickte. „Macht nichts,“ entgegnete diese übermütig, „morgen erzähle ich dir, wo ich es gelassen habe!“
Zum Schluß des Festes wurden die Kinder in den Konzertsaal des Schlosses geführt. Dort war eine kleine Bühne errichtet, auf der eine lustige Puppenkomödie aufgeführt wurde. Von einer erhöhten Galerie aus sah die Königin mit den drei Prinzen der Aufführung zu und konnte sich an dem lauten Beifall der Schuljugend ergötzen. Im Hintergrund des Saales hatte sich die Dienerschaft des Schlosses eingefunden, die von dem Fest nicht nur die Mühe, sondern auch den Spaß haben wollte. Während einer Pause in der Aufführung hatte Gretchen zufällig zurückgesehen, und seitdem wandte sie sich öfter um und sah dorthin. „Warum siehst du dich immer um?“ fragte eine Schülerin des Adeligen Instituts, die in ihrer Nähe saß und sie ein wenig kannte. „Dort hinten ist nichts Interessantes zu sehen, dort steht nur die Dienerschaft.“ „Ich weiß,“ sagte Gretchen, „aber unter diesen Leuten kenne ich jemand und dem möchte ich für etwas danken.“ „Das geht doch nicht an, es ist ja auffallend, sogar die Königin könnte es von oben bemerken. Ich möchte nicht vor ihr und all diesen Mädchen mit jemand aus der Dienerschaft reden.“
„Warum denn nicht? Unter der Dienerschaft habe ich meine besten Freunde,“ sagte Gretchen und dachte dabei an Lene.
Als nach dem nächsten Auftritt der Vorhang wieder fiel, hatte Gretchen ihren Entschluß gefaßt. Sie stand augenblicklich auf, schlüpfte zwischen den Reihen hindurch bis in den Hintergrund des Saals, unbekümmert um die verwunderten Blicke, die ihr folgten. Mitten unter den Leuten stand der Hofkutscher Plitt. Auf ihn hatte Gretchen es abgesehen. Plötzlich stand sie vor dem Erstaunten, reichte ihm die Hand: „Ihnen muß ich danken, denn wenn Sie nicht so gut gewesen wären, hätte ich keine Karte zum Fest bekommen. Die Lene hat mir’s erzählt.“ „Nichts zu danken, es ist ja gern geschehen,“ versicherte der Mann wiederholt. Es war ihm aber wohl anzumerken, wie es ihn freute, daß eines von den größten und schönsten Festfräulein so vor aller Augen zu ihm herkam und sich bei ihm bedankte, und es folgten ihr viel freundliche Blicke der Dienerschaft, als sie zu ihrem Platz zurückeilte, um ihn zu erreichen, ehe der Vorhang in die Höhe ging.
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