„Gewiß, ich erinnere mich gut, solchen Heldenmut vergißt man nicht. Drei Menschen hatte er aus dem brennenden Haus herausgeholt und als er zum viertenmal eindrang, um das kleine Kind zu retten, das man noch vermißte, da kam er nicht wieder.“ Dem Mädchen waren die Tränen in die Augen getreten, als es so unvermutet, mitten in der Feststimmung, an dieses Erlebnis erinnert wurde. Als aber die Königin ihr huldvoll die Hand drückte und zu ihr sprach: „Dein Vater ist als Held gestorben, du kannst stolz auf ihn sein und mußt seinem Namen immer Ehre machen,“ da sah das Kind voll Begeisterung zu der Königin auf und fühlte sich über die Trauer hinweggehoben.

Die Königin wandte sich an ihre Begleiterin: „Ich wünschte noch die beiden Freundinnen zu sehen, von denen eine der andern die Einladung zu unserem Fest abtreten wollte. Kennen Sie dieselben wohl?“

„Soviel ich weiß, gehören sie zu dem Institut von Fräulein von Zimmern,“ erwiderte die Hofdame; „diese sitzen an der andern Tafel, ich werde sie Ihrer Majestät zuführen.“

Gretchen und Hermine wären schon von weitem zu erkennen gewesen an dem Erröten, als sie hörten, daß die Aufmerksamkeit der Königin sich ihnen zuwandte. Die Hofdame hatte sie auch bald herausgefunden und ihnen einen Wink gegeben, ihr zu folgen. Obwohl sie gewußt hatten, daß die Königin Gastgeberin bei diesem Fest sein würde, hatte doch keine von ihnen an die Möglichkeit gedacht, daß unter den Hunderten von Kindern gerade sie persönlich vorgestellt würden, und sie sahen sich im ersten Augenblick betroffen an. Hermine ließ Gretchen den Vortritt; sie fühlte sich gedeckt durch deren größere Gestalt und beruhigt durch die Erfahrung, daß Gretchen selbstverständlich die Sprecherin machte in allen schwierigen Fällen des Lebens. Den beiden Mädchen kam zu statten, was sie bei Fräulein von Zimmern gelernt hatten. Es war ihnen nichts Fremdes, sich anmutig zu verneigen, sie standen nicht steif und unbeholfen vor der Königin, die sie nun anredete: „Welche von Ihnen beiden ist nun die Erste?“

„Gegenwärtig bin ich’s,“ antwortete Gretchen, „aber in den letzten Jahren war es immer Hermine, und nur diesen Winter ist sie durch eine Krankheit zurückgekommen.“

„Dann wäre es allerdings bitter für Sie gewesen,“ sprach die Königin zu Hermine, „nicht bei dem Fest zu sein.“ Mit Tränen der Erregung kämpfend brachte Hermine nur ein leises „Ja!“ hervor. „Und Sie,“ fuhr die Königin zu Gretchen gewendet fort, „hätten sich nicht der Freude hingeben können, während die Freundin trauert. Ich begreife wohl, daß Sie ihr lieber die Einladung abtreten wollten. Aber es ist Ihnen doch wohl schwer geworden, auf das Fest zu verzichten?“ „Ja,“ sagte Gretchen, „ich hatte mich so gefreut, ganz besonders darauf, die kleine Prinzessin zu sehen.“

„Das tut mir leid,“ entgegnete die Königin, „ich fürchte, da wird Ihnen das Fest eine Enttäuschung bereiten. Die Prinzessin ist zu zart, um in so große Gesellschaft gebracht zu werden. Es war mein Wunsch, sie den Kindern allen zu zeigen, aber der Arzt hat es nicht erlaubt.“ „O wie schade,“ rief Gretchen sichtlich enttäuscht, „wir wären gewiß alle ganz leise gewesen, wenn man die Prinzessin hereingebracht hätte.“

„Das glaube ich,“ erwiderte die Königin; „aber es handelt sich dabei um die Luft, die dem Kindchen unzuträglich sein könnte. Haben wohl alle Kinder die Hoffnung gehegt, die Prinzessin zu sehen?“ „Ich weiß nicht,“ entgegnete Gretchen. Da wagte Hermine auch ein Wort. „Nein,“ sagte sie, „außer Gretchen hat es niemand geglaubt.“ Schon hatte diese auf den Lippen zu sagen: „Ich habe es durch den Hofkutscher Plitt erfahren,“ als ihr noch rechtzeitig ihr Taktgefühl eingab, daß es diesem Mann vielleicht unangenehm wäre, wenn hier erwähnt würde, was er geplaudert hatte. So unterdrückte sie die Bemerkung. „Ich hoffe, Sie werden dennoch vergnügt sein an meinem Fest,“ sagte die Königin huldvoll, „zwei so gute Freundinnen sind immer glücklich miteinander!“ Sie reichte den beiden Mädchen die Hand, sie waren entlassen. Während sie an ihren Platz zurückkehrten, flüsterte Gretchen Hermine zu: „Das war so etwas zum Erzählen für unsere Urenkel!“

Die Königin verließ grüßend den Saal und nun wurde es belebt an den Tafeln. Die Kinder untereinander plauderten, Diener erschienen und schenkten aus silbernen Kannen Schokolade in die reizenden Täßchen und boten Kuchen dazu an. Rudi und Betty wären vielleicht enttäuscht gewesen; denn solchen Kuchen hatten auch „gewöhnliche Menschen“ schon gegessen. Aber später hätten sie kennen gelernt, was ihnen vielleicht noch besser als Rahmtorte erschienen wäre; als die Kinder nach verschiedenen Spielen, die mit ihnen gemacht wurden, noch einmal an der Tafel Platz nehmen durften, standen auf den Tischen silberne Körbchen, die wie Blumen- und Obstkörbchen anzusehen waren. Aber die Rosen und Lilien, die Birnen und Kirschen, die darin lagen, waren alle aus Gefrorenem gebildet und hatten gar feinen Geschmack.

Die Kinder waren nicht mehr still wie anfangs, fröhliches Leben herrschte in dem Saal, einzelne Damen sprachen da und dort die Kinder an, Diener eilten hin und her. So wurde es kaum bemerkt, als eine der Hofdamen zur Gruppe von Fräulein von Zimmerns Schülerinnen trat und leise zu Gretchen sagte: „Kommen Sie mit mir.“ Gretchen folgte und verließ mit der Dame den Saal. Im Vorsaal sprach diese zu ihr: „Ihre Majestät die Königin will Ihnen die große Ehre erweisen, Ihnen die Prinzessin zu zeigen. Majestät hätte gern allen diese Gunst erwiesen, es kann aber nicht sein und wurde wohl auch von vernünftigen Menschen nicht erwartet. Sie scheinen diese Hoffnung gehegt zu haben, und in ihrer großen Güte kann die Königin den Gedanken nicht ertragen, daß einer ihrer Gäste enttäuscht von dem Fest heimkehre. Ich soll Sie deshalb in die Gemächer der Prinzessin führen. Sie werden nicht vergessen, sich für diese Auszeichnung zu bedanken, und werden der Prinzessin nicht zu nahe treten oder gar ihr die Hand küssen, wodurch Ansteckung möglich wäre.“