Auf die große Abendgesellschaft freute sich Gretchen gar nicht. Früher war so etwas nett gewesen, denn wenn auch Lene an solchen Tagen während der Zurüstungen nicht die rosigste Laune zeigte, so war sie nachher um so liebenswürdiger gewesen, wenn alles glücklich serviert war. Gretchen hatte solche Abende in der Küche zugebracht, wo ihr die besten Bissen aufgetischt wurden, und wenn sie diesen gut zusprach, so war Lene überzeugt, daß alles gut geraten sei, und die beiden waren sehr gemütlich beisammen. Mit Wehmut dachte Gretchen an diese vergangenen Zeiten und es trieb sie, wieder einmal Lene zu besuchen, die sie lange nicht mehr gesehen hatte.
Diesmal traf sie Lene ganz allein zu Hause, saß bald gemütlich bei ihr am Fensterplätzchen und erzählte. Hier fand sie immer die wärmste Teilnahme für alle ihre Erlebnisse. Lene hatte ihr Strickzeug herbeigeholt und arbeitete fleißig. „Für wen strickst du das nette Kinderjäckchen?“ fragte Gretchen. „Ich kenne das Muster, es war das letzte, was ich bei Fräulein Treppner gestrickt habe vor ihrem Tod.“
„Ja,“ sagte Lene, „es ist ein schönes Muster.“
„Für wen machst du’s?“ Da sah Lene von ihrer Arbeit auf und ihre Augen leuchteten, als sie antwortete: „Für mein eigenes, kleines Kind, wenn Gott mir eines beschert.“
„O Lene, was wäre das für eine Freude!“ rief Gretchen. „Gelt?“ sagte Lene, „und wenn es nun gar ein Mädchen wäre zu den drei Buben, ich glaube, es würde sie selber freuen!“ „Ja, aber mich noch viel, viel mehr!“ Lene stand von der Arbeit auf. „Komm mit mir, ich zeige dir etwas.“ Sie führte Gretchen über den Gang in ein Kämmerchen, das sie aufschloß. „Sieh,“ sagte sie, „da steht schon der Kinderwagen bereit, den hat mir mein Mann auf der letzten Messe gekauft und dazu gesagt: ‚Ein Kutscher muß doch zuerst fürs Fuhrwerk sorgen!‘ Und sieh, die kleinen Bettchen, die waren noch da von den Buben, die habe ich frisch hergerichtet, jetzt sind sie wieder wie neu. Und da sieh her, die winzigen Hemdchen, weißt du, von wem die sind? Die hat mir neulich deine Mutter mitgegeben, die sind von dir, Gretchen. Alle paar Jahre habe ich sie wieder gebleicht, daß sie schön weiß bleiben, und habe manchmal gedacht: es ist schade, daß wir kein Kindchen mehr für die netten Hemden haben.“
Gretchen sah die kleine Wäsche, die so blühweiß vor ihr lag, und es kam ihr in den Sinn, wie Lene schon für sie gesorgt hatte in einer Zeit, von der sie nichts mehr wußte. Sie gab Lene einen Kuß und sagte: „Ich möchte auch etwas für dein Kindchen tun, was kannst du wohl dafür brauchen?“
„Fürs erste ist gesorgt,“ sagte Lene, „aber später, wenn es Gottes Wille ist, daß das Kind groß wird und alles in der Schule so schwer ist, wie es bei dir immer war, wenn ich die Sachen nicht recht verstehe oder vielleicht gar nicht mehr am Leben bin, dann hilfst du meinem Kind, gelt, Gretchen?“ „Ja,“ sagte Gretchen, „ich weiß schon, was du meinst, sie muß immer die erste sein, sonst bist du ja nicht zufrieden!“
Lene machte die Bettchen wieder zurecht und schloß sorgfältig die Kammer. Gretchen schickte sich an heimzugehen. „Ich begleite dich durch den Hof,“ sagte Lene, „ich habe da ein Stück Fleisch übrig, das will ich der Base bringen. Ach Gretchen, mit der Base ist mir eine schwere Last aufgelegt. Sie wird immer elender und nun klagt sie immer, wie einsam sie sei, und sagt, wir sollten sie doch zu uns nehmen in die Kammer neben unserer Schlafstube. Sie meint, es wäre so bequem, wenn sie mich nachts rufen könnte und bei Tag in unserer Stube sitzen. Und dann sagt sie wieder, sie wisse wohl, daß sie mir zu gering sei. Ach Gretchen, zu gering ist sie mir ganz gewiß nicht, aber ich weiß keinen Menschen, der so verdrießlich ist wie sie! Wenn ich sie ins Haus nehme, ist mir’s, als wenn mir’s Regenwetter bis ins Zimmer hereinkäme.“
„Kann sie keine Pflegerin zu sich nehmen, ist sie zu arm dazu?“
„Sie wäre gar nicht so arm, sie bekommt viel aus der Kasse, aber bei ihr ist’s so: sobald sie Geld hat, schickt sie ihr Schnapsfläschchen zum Füllen. Die Buben müssen ihr’s besorgen, der Kleine hat mir’s verraten. Da heißt’s immer: ‚Hol mir den Schnaps, sag’s dem Vater nicht, dann kriegst auch einen Schluck.‘ Es ist nichts nutz für die Kinder! Ich hab’s lang nicht begriffen, warum sie so gern zu der Bas gehen, aber jetzt weiß ich’s; sie gibt ihnen auch oft ein paar Pfennige zum Naschen. Es wäre freilich besser, sie wäre bei mir, dann könnte ich nach allem sehen.“