Am Abend saß Gretchen sinnend vor ihrer Literaturgeschichte, um die fünf Dichter zu wählen, die sie vorschlagen wollte. Schiller und Goethe waren schnell aufgeschrieben, die durften ja nicht fehlen; dann kam Körner als ihr Lieblingsdichter, und etwas zögernd folgten Lessing und Uhland.
Die ganze Klasse war am folgenden Tag sehr begierig auf die Zählung und die Verlosung, die sie in der Freiviertelstunde vornehmen wollten. Fräulein Bertrand, die um neun Uhr zur französischen Stunde kam, wurde ins Vertrauen gezogen und gebeten, etwas vor zehn Uhr zu schließen, um die Pause zu verlängern. Sie zeigte großes Interesse für den Plan und erklärte sich bereit, in der Stunde die Zählung und Verlosung vornehmen zu lassen, unter der Bedingung, daß dabei französisch gesprochen würde. Das war unsern Großen keine zu schwierige Bedingung, und die Zählung begann.
Schiller, Goethe und Lessing hatten weitaus die meisten Stimmen, dann kamen Rückert und Uhland. Körner war zu Gretchens Bedauern durchgefallen.
Nun wurden mit Hilfe des Loses die Gruppen gebildet. Ottilie, als die Urheberin des Ganzen, durfte zu erst zwei Zettel mit Namen ziehen; der erste trug den Namen: Elise Schönlein. Ottilie gab sich keine Mühe, ihren Ärger zu verbergen, als ihr die Letzte zur Bundesgenossin zufiel, aber wie um sie schadlos zu halten, stand auf dem zweiten Los, das sie zog: Gretchen Reinwald. Die Erste und die Letzte, das konnte sich ja ausgleichen.
Hermine Braun kam mit Elsbeth May und mit der Cousine Ottiliens in eine Gruppe.
Bei der Verlosung der Dichter erhielt die erste Gruppe Schiller, und Ottilie forderte Gretchen und Elise Schönlein auf, in der nächsten Woche zu ihr zu kommen, um zu verabreden, was jede von ihnen lernen sollte.
Als alle Gruppen und Dichter verteilt waren, erkundigte sich Fräulein Bertrand, in welcher Weise beim Schulschluß das Gelernte vorgetragen werden sollte.
„Ganz einfach,“ sagte Gretchen, „wir bitten Fräulein von Zimmern um eine Stunde, und sie fragt uns ab.“ Aber dies gefiel der Französin nicht. „Ihr werdet euch nicht so nüchtern, wie alle Tage, um den grünen Tisch setzen,“ sagte sie, „es treten sonst die Gruppen gar nicht hervor. Ihr solltet euch getrennt in fünf Gruppen im Halbkreis aufstellen, Fräulein von Zimmern in der Mitte, so wird es hübsch. Seht, so!“ Fräulein Bertrand stellte die Mädchen je drei und drei im Halbkreis auf, wobei es sehr lebhaft und fröhlich zuging, bis zu dem Moment, wo plötzlich jeder Laut verstummte und alle wie versteinert stehen blieben – denn Fräulein von Zimmern trat ein.
Sie hatten ja nichts Böses getan und doch kam es allen vor, als wären sie auf einem Unrecht ertappt worden. Jedenfalls war nun ein peinliches Ausfragen zu erwarten, und man konnte doch nicht befriedigend antworten, wenn man die geplante Überraschung nicht verderben wollte.
Aber es kam anders. Fräulein von Zimmern kannte Fräulein Bertrand als eine altbewährte gewissenhafte Lehrerin, sie kannte auch ihre „Großen“ als eine fleißige Klasse, und so war sie weit entfernt, Böses zu vermuten. Freundlich wandte sie sich an Fräulein Bertrand: „Ich habe in dem untern Zimmer die ungewohnte Unruhe über mir bemerkt und dachte mir gleich, daß Sie Spiele machen ließen. Es ist sehr anerkennenswert, daß Sie sich diese Mühe geben. Ihre Schülerinnen können dabei manchen Ausdruck kennen lernen, der in der Grammatik nicht vorkommt.“ Etwas verlegen entgegnete Fräulein Bertrand: „Gewiß sind Spiele eine gute Übung und ich will gern welche mit den Mädchen einüben.“