„Ich bin eben heraufgekommen, um zu sehen, wie Sie das angreifen. Lassen Sie sich nicht stören, machen Sie weiter;“ und Fräulein von Zimmern setzte sich in eine Fensternische, entschlossen, zuzusehen.

Lehrerin und Schülerinnen wechselten bestürzte Blicke. Einige wußten sich vor unterdrücktem Lachen kaum zu halten; Fräulein Bertrand befand sich in schwieriger Lage, da kam ihr Ottilie mit großer Geistesgegenwart zu Hilfe. „Bitte, Fräulein Bertrand, ‚la ronde‘,“ rief sie und damit nannte sie ein Spiel, so einfach wie unser deutsches „Ringe-Ringe-Reihe“; sie selbst und ihre Cousine hatten das mit ihrer Bonne als Kinder gespielt und Ottilie nahm an, Fräulein Bertrand müßte es kennen. „Gut,“ sagte Fräulein Bertrand, „sage du den Text zuerst deutlich vor.“

Ottilie sprach das kindische Verslein. Alle ihre Mitschülerinnen hatten erfaßt, daß es nun galt, schnell die Worte zu behalten, und als sich nun die Mädchen an der Hand faßten, sich im Kreis drehten und den Vers dazu sagten, hätte man nicht gedacht, daß es zum erstenmal geschah. Fräulein von Zimmerns Erwartungen schienen aber auch nicht voll befriedigt, denn sie wandte sich an Fräulein Bertrand mit der Frage: „Ist dies Spiel nicht etwas zu kindlich für die Oberklasse?“ „Es ist ein erster Versuch,“ entgegnete die Lehrerin, „ich werde passendere Spiele wählen und dieses mit den Kleinen einüben.“ „Das wird mich sehr freuen,“ sagte Fräulein von Zimmern und verließ mit freundlichem Gruß die Klasse.

Sie hatte sich kaum entfernt, als die unterdrückte Heiterkeit bei allen Mädchen durchbrach. Fräulein Bertrands Ermahnungen zu Ruhe und Ernst wollten lange nicht fruchten, denn sie wurden mit gar zu heiterer Miene gegeben.

Diesem Zufall verdankt es das Institut von Fräulein von Zimmern, daß heute in den meisten Klassen französische Spiele eingeführt sind.

Fünfzehntes Kapitel.
Eine Gesellschaft.

Auf Mittwoch nachmittag hatte Ottilie ihre „Gruppe“ zu sich gebeten zu gemeinsamem Lesen einer kleinen Biographie von Schiller. Frau Reinwald hatte Gretchen die Erlaubnis gegeben, hinzugehen, obwohl an diesem Abend die lang vorbereitete große Gesellschaft im Hause Reinwald stattfinden sollte. Gretchens Hilfe war noch nicht hoch anzuschlagen, man konnte sie am Nachmittag schon entbehren.

Als Gretchen die Treppe hinuntersprang, traf sie auf derselben mit Frau Batz zusammen; diese war schon am Morgen ein paar Stunden dagewesen, um Pastetchen zu backen und andere Vorbereitungen zu treffen, und nun rückte sie an, um ihr Meisterstück in der Küche zu leisten. Neben Frau Batz auf der Treppe vorbeizukommen, war nicht so leicht, denn sie brauchte schon an gewöhnlichen Tagen fast die ganze Treppenbreite für sich, und an solch großen Tagen, wie der heutige, war sie noch umfangreicher. Im Gefühl ihrer Unentbehrlichkeit machte sie auch nicht Platz für so unbedeutende Menschenkinder wie unser Gretchen. Diese drückte sich ganz bescheiden an die Wand und grüßte sogar recht freundlich, denn sie wußte, daß die Mutter und Franziska schon sehnlich auf die Kochfrau warteten. Sie selbst teilte diese Sehnsucht nicht, war froh, daß sie treppab gehen durfte, und ganz zufrieden, daß ihr die vorüberschreitende Größe nur den Hut krumm geschoben hatte, den konnte man ja wieder zurechtrücken.

Bei Ottilie fand sie schon Elise Schönlein und auch Frau von Lilienkron war eben eingetreten, um die Mädchen zu begrüßen. Gretchen kam sonst nie in dies Haus und hatte Frau von Lilienkron nur gelegentlich bei Ausstellungen in der Schule gesehen.

„Sie sind immer noch so frisch und rotbackig, wie ich Sie als kleines Mädchen gesehen habe,“ sagte Frau von Lilienkron freundlich zu Gretchen, „und dabei sehen Sie immer so vergnügt aus, wie wenn Sie gerade ein ganz besonderes Glück erlebt hätten.“