Zwei Tage später waren dieselben Menschen, die heute um die Wiege gestanden hatten, um den Sarg der alten Frau versammelt.

Siebzehntes Kapitel.
Eine traurige Familie.

In den Pausen zwischen den Schulstunden ging es in diesen Wochen bei unsern Großen ganz anders zu als früher. Da gab es nur noch ein Gesprächsthema, das waren die fünf auserwählten Dichter und ihre Werke. Gegenseitig wurde ausgefragt und überhört; es wurde kleinmütig gejammert von den Verzagten und fröhlich triumphiert von den Siegesgewissen. Es galten auch keine Freundschaften mehr, sondern nur Gruppen.

Heute, als die Mädchen sich um zehn Uhr auf dem großen Vorplatz ergingen, faßte Gretchen Hermine am Arm, als diese sich eben wieder zu ihrer Gruppe gesellen wollte. „Halt einmal, Hermine,“ sagte sie, „so geht das nicht weiter. Meinst du, ich überließe dich wochenlang ganz deinem Uhland?“

„Du hast ja dafür deinen Schiller!“

„Jawohl, und ich habe gerade auswendig gelernt, wohin seine Totengebeine gebracht worden sind. Mit ihm kann ich nicht immerfort umgehen, ich brauche dich, Hermine, und jetzt komme einmal mit, ich möchte auch wieder einmal allein mit dir sein,“ und Gretchen zog ungestüm die Freundin mit sich fort bis an das Ende des Ganges. Dort standen sie nun miteinander unter dem Fenster.

Hermine legte ihren Arm um Gretchen und sagte: „Ich brauche dich ja noch viel mehr, als du mich. Meine Gruppe ist ja ganz nett und Elsbeth May habe ich wirklich lieb, aber so wie du ist keine.“

„Meinst du vielleicht, Ottilie und Elise seien so wie du?“ fragte Gretchen.

Nach einer kleinen Weile sagte Hermine: „Ich kann mir’s gar nicht denken, wie das wird, wenn wir nicht mehr miteinander in die Schule gehen; es ist doch schön gewesen all die Jahre her, daß wir jeden Tag beisammen waren. Ich weiß noch so gut, wie du zum erstenmal zu uns in die Schule gekommen bist; weißt du’s auch noch?“

„Jawohl; zuerst hat mir’s gar nicht gefallen, aber du warst gleich gut gegen mich.“