Hermine wandte sich um, sie hörte hinter sich Schritte. Fräulein von Zimmern kam auf sie zu. Gütig sah sie auf die Freundinnen, die in traulicher Umarmung beisammen standen und sie jetzt begrüßten.

„Das ist ein nettes Plätzchen zum Plaudern,“ sagte sie. „Ja,“ erwiderte Gretchen, „wir haben gerade davon geredet, daß es uns fehlen wird, wenn wir uns nicht mehr alle Tage in der Schule treffen.“

„Das glaube ich wohl, die Schule ist eine rechte Pflanzstätte für Freundschaften. Aber wenn die Pflanze durch so viele Jahre hindurch gepflegt worden ist, dann ist sie festgewurzelt und dauerhaft. Ihr werdet euch durchs ganze Leben lieb haben, auch wenn ihr nicht mehr so oft zusammenkommen solltet.“

Gretchen ging’s im letzten Jahr ganz eigentümlich. So oft sie außer den Stunden mit Fräulein von Zimmern zusammen war, fühlte sie das Bedürfnis, sich ihr liebevoll zu nähern, und als sie nun die herzlichen Worte hörte: „Ihr werdet euch immer lieb haben,“ hatte sie das größte Verlangen, die Hand der Vorsteherin zu fassen und zu sagen: „Sie werden wir auch immer lieb behalten!“ aber es kam ihr doch vor, als ob sich das Fräulein von Zimmern gegenüber nicht schickte, und so unterdrückte sie die Bemerkung.

Etwas davon hatten vielleicht ihre Augen verraten, denn Fräulein von Zimmern ergriff selbst in ungewohnter Traulichkeit Gretchens Hand, während sie zu ihr sagte: „Ich wollte dir mitteilen, daß ich es für besser halte, die Lesestunden mit Ruth jetzt aufzugeben. Das Kind leidet sehr unter der Hitze. Gestern schlief sie während des Unterrichts ein und heute wurde sie wegen Unwohlseins entschuldigt.“

„Sie sieht auch recht elend aus,“ sagte Gretchen und nahm sich vor, der Kleinen einen Krankenbesuch zu machen.

Bei ihrer Heimkehr traf sie unter der Haustüre mit dem Briefträger zusammen; sie erkannte gleich auf dem Brief, den er ihr entgegenhielt, die Handschrift ihrer Tante, Frau van der Bolten. Vergnügt eilte sie damit die Treppe hinauf. „Mutter, wo bist du? Ein dicker Brief von der Tante ist gekommen!“ rief sie. „Endlich hört man wieder etwas von ihr,“ entgegnete Frau Reinwald und las, während Gretchen neben ihr stand und begierig wartete, bis ihr die Mutter etwas daraus mitteilen würde. Sie hatte für die ganze Familie das wärmste Interesse, auch enthielten die Briefe meist irgend eine Notiz über Fräulein Trölopp, obwohl diese nicht mehr in der Familie weilte.

„Allerlei Neues und schöne Pläne,“ sagte Frau Reinwald, nachdem sie gelesen hatte. „Denke dir, van der Boltens haben für den ganzen Sommer ein Häuschen im Gebirg gemietet. Mit Beginn der Ferien sollen einstweilen die Kinder alle hinaus und von Fräulein Trölopp bemuttert werden, bis nach ein paar Wochen Onkel und Tante nachkommen.“

„Wie nett,“ sagte Gretchen, „daß wieder Fräulein Trölopp dabei sein wird, und diesmal bekommt sie es angenehmer als im Winter während des Scharlachs!“

„Ja, gewiß; doch ist es auch nichts Leichtes, die Verantwortung für fremde Kinder allein zu übernehmen!“