„Besonders, wenn Oskar dabei ist; aber sie wird schon fertig mit ihm, überhaupt mit allem, was sie unternimmt!“ sagte Gretchen in voller Bewunderung.
Am Nachmittag trat sie die Wanderung an zu Ruth Holland. Nie mehr war sie dort gewesen seit jenem Tag, da sie sich entschuldigen mußte wegen der Ohrfeige, und die Erinnerung kam ihr lebhaft, als sie in das Haus trat und an der Kanzlei vorbei hinauf zu der Wohnung ging. Auch diesmal wurde sie wieder in das kleine Empfangszimmer geführt, auch heute kam ihr die Frau Forstrat entgegen. Sie sah etwas befremdet auf Gretchen, sie erkannte sie wohl nicht mehr. Gretchen stellte sich vor. „O, ich kenne Sie schon,“ rief die Frau Forstrat, „aber es wäre nicht nötig gewesen, daß Fräulein von Zimmern Sie geschickt hätte! Wenn das Kind nicht wirklich krank wäre, hätte es die Schule nicht versäumt. Sagen Sie nur Fräulein von Zimmern, ein solches Mißtrauen wäre bei uns nicht am Platz.“ Gretchen war sehr erstaunt über diese Auffassung. „Fräulein von Zimmern schickt mich gar nicht,“ sagte sie; „ich wollte mich selbst gern nach Ruth erkundigen und sie ein wenig besuchen.“
„Ich weiß schon, so sagt man ja wohl, aber es ist doch anders gemeint. Ruth ist recht krank, keine Schulkrankheit, nein gewiß nicht, richten Sie das nur Fräulein von Zimmern aus.“
„Darf ich ein wenig zu ihr hinein?“
„Nein, Fräulein, Sie müssen es mir schon so glauben. Der Arzt hat nicht erlaubt, daß jemand zu ihr kommt, kein Mensch darf zu ihr hinein.“ „Das tut mir recht leid,“ sagte Gretchen wirklich enttäuscht und wollte sich eben noch näher nach des Kindes Krankheit erkundigen, da ertönte aus dem Nebenzimmer der Klang einer Glocke, und ohne ein Wort zu sagen, folgte Frau Holland dem Glockenzeichen und ließ Gretchen allein. Diese wußte nicht recht, sollte sie gehen oder bleiben? Vielleicht lag Ruth im Nebenzimmer, hatte ihre Stimme erkannt und wollte ihr etwas sagen lassen. Sie wartete. Nach kurzer Zeit kam Frau Holland zurück. „Ruth möchte Sie sehen,“ sagte sie, „kommen Sie nur herein.“
„Aber Sie sagten doch, es dürfe niemand zu ihr?“
„Wohl, aber die Kleine will Sie gerne sehen.“
„Ich möchte doch lieber nicht zu ihr, wenn es der Arzt ausdrücklich verboten hat!“
„Wenn das Kind will, kann man doch nichts machen, kommen Sie doch!“ Gretchen weigerte sich nicht länger und folgte in ein Schlafgemach mit drei Betten, das schlecht gelüftet und nicht aufgeräumt, einen unangenehmen Eindruck machte. Die Kleine lag blaß und matt in ihrem Bett, aber bei Gretchens Eintritt setzte sie sich auf und die Erregung machte ihr rote Bäckchen.
„Wie geht’s dir denn, kleine Maus?“ fragte Gretchen zärtlich. Aber Ruth konnte nicht zu Wort kommen, die Mutter fing die Frage auf: „Sie liegt so elend da und mag nichts essen, bloß Kaffee will sie trinken, und der Arzt sagt doch, es sei Gift für sie. Ich muß ihn ihr immer ganz heimlich geben, daß es mein Mann nicht sieht.“ Gretchen wußte gar nicht, was sie darauf sagen sollte. Von zu Hause war sie gewöhnt, daß Vater und Mutter nichts vor einander verbargen und daß beide taten, was vernünftig und recht war, nicht was dem Kind beliebte. Sie konnte diese Frau nicht verstehen, wandte sich an Ruth und erzählte ihr leise von Rudi und Betty. Die Kleine lauschte auf Gretchens Worte, aber es war nicht leicht, eine Unterhaltung zu führen, denn Frau Holland begann nun hastig im Zimmer aufzuräumen, was allerdings nottat.