„Es ist noch nicht gebettet hier innen,“ sagte sie, „ich kam heute vormittag nicht dazu; mein Dienstmädchen ist nämlich nur so aus dem Dienst gelaufen, schon die vierte, die es so macht, die Verdingerin schickt mir absichtlich die schlechtesten.“ Frau Holland begann ihr Bett zu machen, dicht neben Gretchen. Diese sah erstaunt auf. Die kleine Patientin fing den Blick auf und verstand. „Mama,“ bat sie, „mach’ doch das Bett nicht, solange mein Fräulein da ist.“
„Ich will jetzt nicht länger stören,“ sagte Gretchen, denn der Aufenthalt in diesem Zimmer war ihr peinlich. „Bleiben Sie nur, Ruth muß doch Unterhaltung haben.“ Sie ließ nun das Betten einstweilen sein, ging aber ruhelos bald da bald dorthin.
Im Nebenzimmer hörte man Schritte. „Papa kommt,“ rief die Kleine wie erschreckt. Der Forstrat trat ein, Gretchen ging ihm entgegen und gab ihm unbefangen die Hand, er war ja ihr guter Freund, hatte ihr selbst vor dem Fest die Blumen gebracht. Er begrüßte sie auch heute mit herzlicher Freundlichkeit, aber bald verfinsterte sich sein Ausdruck, und mit einem Ton, aus dem die tiefste Mißstimmung klang, sagte er zu seiner Frau: „Diese Unordnung und diese Luft!“ und rasch riß er die beiden Fenster weit auf. „Das Kind erkältet sich,“ rief die Frau.
„Das Kind geht noch zugrund durch deine Schuld!“ rief der Mann, verließ das Zimmer und warf die Türe schmetternd hinter sich zu. Die Kleine erzitterte und drückte ihr Köpfchen wie beschämt in die Kissen. Die Frau schloß die beiden Fenster und ging, fast ebenso hastig wie der Mann, nach der andern Seite ab.
Gretchen war ganz erschüttert über dies traurige Familienbild. Sie beugte sich über das Kind, drückte einen Kuß auf ihr schmales Gesichtchen und sagte liebevoll: „Komm du nur recht bald wieder zu mir, du bist mein kleiner Liebling.“
Leise verließ sie das Zimmer, war froh, daß sie niemanden begegnete und atmete erleichtert auf, als sie sich wieder auf der Straße befand. „Über diese Schwelle gehe ich so bald nicht wieder,“ sagte sie leise vor sich hin.
Was sie gesehen und gehört hatte, ging ihr den ganzen Tag nach, und ein namenloses Mitleid mit der kleinen Ruth preßte ihr fast Tränen aus. Wie konnte das zarte Pflänzchen in dieser Luft und Pflege gedeihen?
Auch Herr und Frau Reinwald hörten mit Teilnahme diesen Bericht. „Es ist eine schreckliche Frau,“ sagte Gretchen, „aber daß auch der Mann so heftig ist vor dem kranken Kind, das er doch so lieb hat, das kann ich gar nicht begreifen.“
„Der Mann wäre vielleicht gar nicht so geworden ohne diese Frau,“ sagte Herr Reinwald ernst, „eine Frau, die weder nach Verstand noch nach Gewissen handelt, die ihr Hauswesen vernachlässigt und ihre Kinder falsch behandelt, eine solche Frau kann ihren Mann zur Verzweiflung bringen.“
Während Gretchen an diesem Abend länger als sonst wach im Bett lag und an die Familie Holland dachte, wurde in aller Stille ein schöner Plan geschmiedet.