„Mein Onkel hat sie alle in seinem Laden und verleiht sie. Wer eine zerbricht, muß sie eben bezahlen, aber mit Rabatt sind sie nicht teuer.“ „Vielleicht könntet ihr die fünf Büsten zu billigem Preis bekommen und Fräulein von Zimmern zur Erinnerung verehren. Wie hübsch würden sie sich auf dem Bücherschrank ausnehmen!“ Dieser Vorschlag von Fräulein Bertrand wurde von allen begeistert aufgenommen. Sie wollten heute noch ihre Eltern um Erlaubnis bitten. Elise wurde nun mit Fragen über Preis und Größe bestürmt und zum erstenmal in all ihren Schuljahren war sie der Mittelpunkt, die Hauptperson.

Auch Pfarrer Kern wurde noch einmal zu Rat gezogen. Wie und wann sollte man Fräulein von Zimmern um die Extrastunde bitten und wie sollte man das Gelernte hersagen? Er riet, nicht bis zu den letzten Schultagen zu warten, wo Fräulein von Zimmern durch die Ausstellung der Handarbeiten mehr als sonst zu tun habe. Es wurde beschlossen, ihr am Samstag den Plan mitzuteilen und ihr zugleich ein Verzeichnis zu überreichen von allem, was ihr zu Ehren gelernt worden war. So fertigte denn jede Gruppe eine Liste aus, und Gretchen und Elise erfuhren zu ihrer Überraschung, daß Ottilie als besonderes Glanzstück noch ein paar Seiten aus dem „Abfall der Niederlande“ aufzuweisen hatte. – Nicht ohne Aufregung erwarteten die Mädchen am Samstag um elf Uhr Fräulein von Zimmern zu der gewohnten Literaturstunde. Ottilie war zur Sprecherin gewählt, denn alle wußten, daß sie dies Vorrecht erwartete. Als sich die Vorsteherin an ihren gewohnten Platz gesetzt hatte, sahen die Schülerinnen nicht wie sonst auf sie, sondern alle Blicke richteten sich erwartungsvoll auf Ottilie. Diese stand auf und errötend vor Fräulein von Zimmerns erstauntem Blick begann sie ihre kleine Ansprache: „Wir Schülerinnen der Oberklasse möchten Ihnen am Schluß unserer Schulzeit eine Freude machen, und da wir nichts Besseres wußten, haben wir uns in den letzten Wochen bemüht, unsere Literatur-Kenntnisse zu erweitern. Wir haben uns in fünf Gruppen geteilt und jede Gruppe hat einen Dichter übernommen, seine Biographie und seine Werke gelernt. Wir möchten Sie nun bitten, uns einen Nachmittag zu bestimmen, an dem wir Ihnen das Gelernte hersagen dürfen.“

Fünfzehn Augenpaare waren während dieser kleinen Rede auf Fräulein von Zimmern gerichtet. Die sichtliche Überraschung und der freudige Ausdruck auf den Zügen der Vorsteherin ließen deutlich erkennen, daß ihr der Plan nicht vorher verraten war und daß die Mädchen getroffen hatten, was so recht nach ihrem Sinn war. „Es freut mich herzlich,“ sagte sie bewegt, „daß ihr mir zum Abschied noch solch eine Überraschung bereiten wollt, und ihr hättet euch gar nichts Schöneres ausdenken können. Ich bin sehr begierig, was ich zu hören bekommen werde.“ Die Mädchen überreichten ihre Verzeichnisse.

Fräulein von Zimmern durchlas sie aufmerksam. „Lauter Stücke, die wir noch nie in der Schule gelernt haben? Sogar Prosa? Das ist ja eine ganz außergewöhnliche Leistung!“ Gretchens Gewissenhaftigkeit rührte sich. „Nicht jede aus der Gruppe kann alles, was von ihrem Dichter verzeichnet ist,“ sagte sie.

„Ich verstehe wohl, das wäre auch neben eurer andern Arbeit gar nicht möglich gewesen zu lernen. Die Gruppe ist als eine Person zu betrachten, nicht wahr?“

„Ja, ja,“ sagte Gretchen, „und nicht wahr, wenn Sie uns ausfragen, dann fragen Sie nicht die einzelne, sondern bloß die Gruppe?“

„Du brauchst unsere Sache nicht so herunterzudrücken,“ sagte Ottilie halb im Scherz, aber doch ein wenig ärgerlich, „es haben doch alle die ganze Biographie gelernt.“

„Ja, aber nur für ein Drittel kann jede einstehen.“

„Das darfst du nicht so betonen,“ sagte Fräulein von Zimmern lächelnd, „sonst bekommst du böse Blicke von da und dort! Nun wollen wir uns gleich wegen des Tags besprechen.“

Der nächste Mittwoch Nachmittag wurde bestimmt, um drei Uhr sollte die freiwillige Literaturstunde beginnen.