Ihre kleine Schülerin machte ihr wohl Freude, aber still und verschlossen war sie noch immer, und Gretchen fragte sich, wie lange es wohl noch dauern würde, bis das verschüchterte Kind endlich Zutrauen fassen würde? Sie konnte ein solch ängstliches Wesen nicht recht verstehen. Fräulein von Zimmern, die in jeder Stunde, wenn auch nur auf einige Minuten, erschien, bemerkte wohl, was Gretchen vermißte, und ermahnte sie zur Geduld. Auch heute war Ruth wieder ganz einsilbig, und Gretchen war froh, daß sie nur eine halbe Stunde bei ihr ausharren mußte. Eilig ging sie nach der Stunde heim. Sie freute sich auf die geplante Überraschung für die Mutter, fürchtete sich aber auch auf das schwierige Geschäft.

Franziska hatte wirklich schon alles so weit gerichtet, daß das Werk gleich beginnen konnte. Zuerst „strecken“, dann „ausschlagen“ und dann „legen“ und nur nicht auf den Boden streifen, das waren Franziskas Vorschriften. Diesmal war Gretchens Bestreben nicht: „so langsam wie möglich“, sie tat alles mit Eifer und fand es gar nicht so schwierig. Ja, beim vierten Stück brauchte sie schon nicht mehr ihre ganze Aufmerksamkeit darauf zu wenden und konnte ein Gespräch anknüpfen. Sie hatte sich wohl der Mutter Vorschläge gemerkt. Erstes Thema: Heimat; zweites Thema: Schule; drittes Thema: Geschwister. So fragte sie zuerst, wieviel Franziskas Heimatsort Einwohner habe? Darüber wußte aber Franziska keinen Bescheid zu geben. Nun kam die Schule an die Reihe; dies Thema gab schon besser aus. Zuletzt die Geschwister: Zehn! Bei dieser Frage ging Franziska das Herz auf, und sie war noch im besten Zug mit Erzählen, als der Korb leer war, offenbar zum Bedauern des Mädchens. Aber es war doch nicht zu frühe, denn schon kam Frau Reinwald nach Hause. Sie freute sich über die schön gefalteten Leintücher, freute sich mehr, als Franziska recht begreifen konnte, die freilich nicht wußte, daß dieser Stoß Wäsche der Mutter zeigte: Dein Kind geht den Schwierigkeiten des Lebens nicht aus dem Weg, es überwindet sie!

Viertes Kapitel.
Die Ringelnatter.

Die Schule ging ihren regelmäßigen Gang. Gearbeitet mußte tüchtig werden in dem Institut von Fräulein von Zimmern, denn es wurden hohe Ansprüche an die Oberklasse gemacht; aber das hübsche Schulzimmer übte eine große Anziehungskraft, und es war ein eifriges Treiben an dem langen, grünen Tisch. Um zehn Uhr, wenn eine Glocke das Zeichen gab, daß die Jugend ein freies Viertelstündchen im Hof zubringen durfte, hatten die „Großen“ allein das Recht, im Haus zu bleiben, und ungestört von der großen Masse der jüngeren Schülerinnen machten sie Spiele auf dem langen Gang des oberen Stockwerks oder setzten sich gruppenweise zusammen auf der obersten Treppe und plauderten. Meistens ging es lustig zu, manchmal gab es auch Ärgernis: wenn Elise Schönlein, die nicht sehr stark war im Lernen, die Pause benützen wollte, um sich gute Ideen für den Aufsatz oder sonstige Arbeiten geben zu lassen, und wenn Ottilie, die ihr solche Hilfe nicht gönnte, sie irre führte oder verhöhnte.

Heute waren die Mädchen mit ihren Gedanken noch bei der Literaturstunde und Hermine schlug vor, sie wollten sich einander Zitate aus Dichterwerken aufgeben und erraten, aus welchem Stück sie seien. Das Spiel war bald im Gang.

Aber auch eine andere Klasse war heute, unbefugter Weise, nicht ins Freie hinausgegangen, es war die dritte, in der die kleine Ruth war, und zu der auch Mathilde Braun gehörte. Die Kinder hatten eben Naturgeschichte gehabt, und ihr Lehrer hatte etwas sehr Interessantes mitgebracht. Es war eine lebende Ringelnatter; sie lag in einem großen Glasbehälter, dessen Boden mit Sand bestreut war. Das Glas war oben mit einem tüllartigen Stoff zugebunden. Der Lehrer hatte den Kindern die Natter gezeigt und ihnen vieles über ihre Eigenart mitgeteilt. Nach der Stunde hatte er den Behälter auf einen Seitentisch gestellt, bis er ihn abholen lassen würde. Als der Lehrer fort war, wollten die Kinder die Schlange noch besehen und drängten sich alle um den Tisch. Da nun eins dem andern den Anblick versperrte, erklärte eine wilde kleine Hummel: „Ich weiß den besten Platz;“ sie erkletterte den Tisch und setzte sich neben den Glaskasten. Sie betrachtete ihn noch eine Weile, das Tier lag aber wie leblos in seinem Kasten, und so wurde es den Kindern endlich langweilig, auch erinnerten sie sich, daß sie eigentlich ins Freie gehen sollten. So entfernte sich eine nach der andern.

„Hilf mir auch herunter, daß der Tisch nicht knappt,“ rief die Kleine, die droben saß, Mathilde Braun zu. Der Tisch knappte aber doch, trotz der Hilfe, er neigte sich, Kind und Glasbehälter kamen gleichzeitig auf dem Boden an. Das Glas zerbrach, und die Schlange, die so leblos geschienen hatte, ringelte sich mit äußerster Geschwindigkeit durchs ganze Zimmer hindurch bis in die hinterste Ecke, wo ein Schirmständer stand. Hinter diesem verschwand sie. Die Kinder erhoben in ihrem Schrecken ein furchtbares Geschrei, so daß im Nu nicht nur ihre Kamerädinnen, sondern auch Schülerinnen anderer Klassen herbeiliefen, und das Zimmer wäre gleich überfüllt gewesen, wenn sich nicht viele gescheut hätten, einzutreten, als sie hörten, daß die Schlange frei sei. Es war ein unerhörtes Durcheinander, ein Schreien, Weinen, Erzählen, das aber plötzlich verstummte, als Fräulein von Zimmern erschien.

Sie fragte nicht, „was ist geschehen,“ denn sie kannte die junge Welt und wußte, daß dann zwanzig Stimmen zugleich antworten würden und sie nachher nicht klüger als vorher wäre. Sie rief den Kindern zu: „Wer mir genau erzählen kann, was geschehen ist, soll den Finger aufheben.“

Mathilde Braun hob den Finger, und von ihr ließ sich nun Fräulein von Zimmern berichten, was geschehen war. Sie ging nach der Stelle, die ihr die Kinder bezeichneten, und sah hinter dem Schirmständer im dunkeln Eck eine zusammengerollte, dunkelblaue Masse.

„Wißt ihr gewiß, daß euer Lehrer die Schlange eine Ringelnatter genannt hat?“ fragte Fräulein von Zimmern. Einstimmig wurde diese Frage bejaht.