„Mir ist’s ein Ding, wenn Ihr wieder kommen wollt,“ antwortete die Base, und diesen Satz betrachtete sie als das „gute Wort“, das sie geben mußte; mehr konnte man von ihr, bei so viel Schmerzen, nach ihrer Meinung, nicht verlangen.

Lene ging leichtern Herzens, als sie heraufgekommen war. „Wie bin ich doch so viel besser daran, als der arme, verlassene Tropf da droben!“ dachte sie bei sich.

Unten an der Treppe warteten die drei Verjagten auf sie. Das hatte Lene nicht erwartet, es freute sie. Die Jungen hatten die Base noch nie so schlimm gesehen, und die Mutter war ihnen daneben so gut vorgekommen! Zum erstenmal schlugen sie sich auf die Seite der Mutter. Lene fühlte es, ihr Herz wurde so fröhlich, wie schon lange nicht mehr, und munter sagte sie zu ihren dreien: „Kommt, wir machen recht schnell und tun hurtig alle Arbeit, dann reicht’s heute abend noch zu einer schönen Geschichte!“ und ganz jugendlich sprang die Mutter mit ihren drei Wilden durch den Hof.

Als Gretchen nach einigen Tagen die Base aufsuchte, saß die alte Frau behaglich im Lehnstuhl, ließ sich von Gretchen die warme Decke überbreiten und erzählte Gretchen eine Viertelstunde lang von der Gicht. Gretchen hätte viel lieber von Lene gehört, um zu erfahren, ob ihr die Base jetzt nicht mehr zürne. Als die alte Frau aber gar nicht auf dies Gespräch zu bringen war, fragte Gretchen gerade aus: „Nicht wahr, der Lehnstuhl tut Ihnen wohl? und Lene ist doch gut, daß sie ihn gebracht hat?“

Aber die unverbesserliche Alte entgegnete: „Der alte Stuhl war ihr wohl nicht mehr schön genug, den hat sie gern los gehabt.“

Im nächsten Augenblick war Gretchen schon die Treppe hinunter – der Abschied mußte kurz gewesen sein.

Sechstes Kapitel.
Lehrerin und Schülerin.

Die kleine Ruth war und blieb ein verschlossenes Kind. Einmal hatte sie ihre Zuneigung zu Gretchen verraten, in der Aufregung mit der Ringelnatter, aber nachher war sie wieder so zurückhaltend wie vorher.

Das war für Gretchen eine Enttäuschung. Ihr war es Bedürfnis, die Menschen, mit denen sie zu tun hatte, zu lieben und von ihnen geliebt zu werden, sich ihnen mitzuteilen und auch ihr Vertrauen zu gewinnen; aber mit Ruth stand sie fast noch so wie am ersten Tag.

Heute war die Kleine noch matter als sonst; Gretchen wußte nicht, ob sie sich unwohl fühlte oder nur schlechter Laune war. Jedenfalls kamen die Antworten so langsam, so leise und spärlich, daß Gretchens Geduld auf eine harte Probe gestellt wurde. Zu der Lektion, die ihre kleine Schülerin zu lernen hatte, gehörten zehn neue Wörter. Diese wollte Gretchen nun abfragen, und während das Kind sonst seine Aufgabe immer gewissenhaft lernte, wußte sie die beiden ersten nicht, nach denen Gretchen fragte.