„Hast du denn deine Wörter heute nicht gelernt?“ fragte Gretchen. Die Kleine schwieg und ließ das Köpfchen hängen. Gretchen fragte das dritte Wort ab. Sie wußte es so wenig wie die ersten.

„Hast du sie diesmal vergessen zu lernen? Oder ist dir’s nicht recht wohl?“ – Keine Antwort.

„Hast du sie gestern gekonnt?“ Auch nicht die geringste Antwort war herauszubringen. Das Kind blieb stumm. Da wird Gretchen von der Ungeduld übermannt: „So sei doch nicht so stockig und mockig,“ ruft sie zornig, und ehe sich’s die Kleine versieht, hat sie eine Ohrfeige an der rechten Backe und zwar eine tüchtige, denn was Gretchen tut, tut sie immer kräftig!

Der Erfolg ist auch augenfällig: das stille Kind bricht in Tränen aus und – es blutet aus der Nase! Im Augenblick sieht das ganze Gesichtchen entstellt aus, die Tränen, die glühende Backe und das fließende Blut – Gretchen ist entsetzt über das, was sie angerichtet hat; sie will die Kleine trösten und ihr helfen – da tritt Fräulein von Zimmern ein.

„Was ist geschehen?“ fragte sie erschreckt – und Gretchen antwortete tief beschämt: „Ich habe ihr eine Ohrfeige gegeben und jetzt blutet sie.“

Fräulein von Zimmern sagte ruhig, aber mit einem Ton, der Unheil verhieß: „Schicke mir das Mädchen herauf mit kaltem Wasser, und du warte drunten vor meinem Zimmer auf mich.“

Als Gretchen unten stand und wartete, war ihr unsäglich beklommen zu Mute. Wie hatte sie so etwas tun können? Wer ihr je gesagt hätte, daß sie das arme Tröpfchen schlagen würde! Sie hätte es nie für möglich gehalten. Es reute sie so bitterlich; aller Zorn gegen das Kind, das sie so gereizt hatte, war verflogen, aber mit sich selbst zürnte sie, wie noch nie. Lange, lange stand sie vor der Zimmertüre und wartete in wachsender Angst, denn sie dachte sich, daß Fräulein von Zimmern das Kind doch entlassen hätte, wenn das Nasenbluten gestillt wäre. Wenn Ruth krank würde, krank durch ihre Schuld?

Da hörte sie droben eine Türe gehen und vernahm Fräulein von Zimmerns Stimme. In liebevollem Ton sprach sie: „Und nun geh recht langsam heim, mein Kind, und erhitze dich nicht.“ Die Kleine kam allein, langsam und leise die Treppe herunter. Sie blutete nicht mehr und sah wieder sauber aus, nur einige verräterische Spuren waren an dem Kleid zurückgeblieben. Ganz stille wäre sie an Gretchen vorbeigegangen, aber diese konnte sie so nicht ziehen lassen. Sie umschlang sie mit beiden Armen, küßte sie auf die geschlagene Backe und flüsterte ihr zu: „Weißt du, ich habe dich doch lieb, wenn ich dir auch weh getan habe!“ Ein freundlicher Blick kam aus den Kinderaugen und es hatte fast den Anschein, als wollte auch ein Wort kommen, aber in diesem Augenblick hörte Gretchen die Tritte von Fräulein von Zimmern; rasch ließ sie die Kleine los, und bald stand sie in dem Zimmerchen, der Vorsteherin gegenüber, die noch nie so ungnädig auf sie geblickt hatte, wie jetzt.

„Ich will nun ganz genau hören, was vorgefallen ist,“ sprach Fräulein von Zimmern, und Gretchen erzählte den Hergang getreu und aufrichtig, wie es ihre Art war. Zuletzt bat sie um Verzeihung.

„Wenn nur mit dem Verzeihen alles wieder gut gemacht wäre,“ entgegnete Fräulein von Zimmern, „dies ist aber hier nicht der Fall. Man kann nicht wissen, welchen Schaden das schwache Kind durch den Blutverlust erlitten hat; es sind mir Fälle bekannt, in denen Kinder durch einen unglücklichen Schlag das Gehör verloren oder eine Gehirnerschütterung erlitten haben. Es ist deshalb eine solche Strafe in allen Schulen verboten, und daß in meiner Schule überhaupt jede körperliche Züchtigung ausgeschlossen ist, das weißt du aus langjähriger Erfahrung. Nie hat ein bei mir angestellter Lehrer gegen diesen Grundsatz gehandelt; du bist es, die zum erstenmal meine Schule durch so etwas in schlechten Ruf bringt. Und wem gegenüber? Eltern gegenüber, die mir dies Kind als ein besonders zartes Pflänzchen ans Herz gelegt haben, und denen ich mein Wort gab, daß alles geschehen würde, um das verschüchterte Kind durch Liebe zu gewinnen.“