Gretchen fühlte sich tief unglücklich; nicht nur dem Kind hatte sie unrecht getan, auch der Vorsteherin, die sie so hoch verehrte, hatte sie Leid zugefügt. Aber war denn das nicht zu ändern, mußte denn Fräulein von Zimmern darunter leiden?
„Wenn Ruths Eltern erfahren, daß ich ganz allein schuld bin, und wenn man ihnen verspricht, daß künftig statt meiner eine andere die Nachhilfstunden geben wird, dann können sie doch nicht mit der Schule zürnen?“
„Natürlich werde ich ihnen mitteilen, wie sich die Sache zugetragen hat, und daß du ferner ihr Kind nicht mehr lehren wirst – denn dieses Recht hast du verwirkt. Aber so, wie ich die Leute kenne, werden sie in ihrer Entrüstung sofort das Kind aus der Schule nehmen.“
„O, ich will zu Ruths Mutter hingehen und mich entschuldigen,“ rief Gretchen.
„Kennst du sie?“
„Nein, aber ich weiß, wo sie wohnt, ich gehe gleich heute abend noch hin, sogleich; ich sage, daß noch gar nie irgend ein Kind geschlagen worden ist in unserer Schule, und daß ich ganz allein die Schuld habe.“
„Die Schuld trifft mich doch mit, denn die Vorsteherin ist verantwortlich für die Lehrkräfte, die sie verwendet; ich hätte auch nie gedacht, daß du mit deinem liebevollen Herzen einem Kind wehe tun könntest, aber ich hätte es wissen sollen, denn du bist ungeduldig; ich hatte schon früher Gelegenheit, das zu bemerken.“
„Fräulein von Zimmern, bitte, lassen Sie mich zu Ruth gehen; ich kann es nicht ertragen, daß durch mich etwas auf die Schule kommt! Ich muß es wieder gut machen.“
„So versuche es; aber gehe zuerst zu deinen Eltern und sage es ihnen. Ich möchte dich ohne ihr Wissen nicht in ein fremdes Haus schicken.“
„O, die Eltern würden sofort sagen, ich soll mich entschuldigen; ich kann gut ohne ihr Wissen gehen. Aber freilich –“