„Ich kann von dieser Sache nicht mehr reden,“ antwortete die Frau Forstrat, „und Ihnen möchte ich raten, daß Sie fortgehen, ehe mein Mann aus der Kanzlei heraufkommt.“

Da sagte Gretchen kein Wort mehr, verbeugte sich und ging.

Als sich die Treppentüre hinter ihr geschlossen hatte, fühlte sie sich viel unglücklicher, als eine Viertelstunde vorher. Sie hatte gar nichts ausgerichtet bei dieser Frau, und so, wie diese ihrem Mann die Sache dargestellt hatte, mußte er natürlich aufgebracht sein gegen das Institut. Er würde sein Kind herausnehmen, und so würde Fräulein von Zimmern Ärger und Schande haben durch ihre Schuld!

Bekümmert ging Gretchen die Treppe hinunter. Als sie an der Kanzlei im ersten Stock vorbeikam, ging eben die Türe auf und zwei junge Leute, die wohl als Schreiber beschäftigt waren, kamen heraus und gingen die Treppe hinunter. Durch den Türspalt hatte sie einen großen, stattlichen Herrn gesehen – das mußte der Forstrat sein, der nun noch allein in seiner Kanzlei war.

Gretchen ging die Treppe hinunter, aber nur zwei Stufen, dann blieb sie stehen, denn auf einmal wurde es ihr klar: „Ich muß zu dem Mann hinein, ich kann’s nicht ertragen, daß er so falsch denkt über Fräulein von Zimmern. Wenn er auch zornig ist über mich, was macht’s? Höchstens bekomme ich auch eine Ohrfeige, wie seine Ruth von mir, dann sind wir quitt!“ Ohne weiter zu überlegen, kehrte Gretchen um, klopfte an der Kanzleitüre und trat ein. Das erste, was sie bemerkte, war, daß der Forstrat doch nicht allein war; ein junger Bursch stand schreibend an einem Pult. Das war Gretchen eine unangenehme Entdeckung, aber jetzt konnte sie nicht mehr zurück. Sie ging auf den Herrn zu, der sich nach ihr umwandte, und sagte deutlich, aber mit einer Stimme, die doch leise bebte: „Ich möchte Sie um Verzeihung bitten, weil ich heute in der Schule gegen die kleine Ruth so unfreundlich war.“

Der Mann hatte kaum diese Worte gehört, als sich seine Stirn in finstere Falten zog. Er wandte sich zu dem jungen Schreiber. „Machen Sie Schluß!“ rief er. Der legte sofort seine Feder weg, ging aber nicht auf die Türe zu, sondern nach einem andern Pult, auf dem einige geschlossene Briefe lagen. Ungeduldig fuhr ihn der alte Herr an: „Wird’s bald?“

„Soll ich nicht die Briefe –“

Da unterbrach ihn der Forstrat und donnerte ihn an: „Nichts sollen Sie, fort sollen Sie, Schluß!“ Der junge Mann riß seinen Mantel vom Nagel, gönnte sich aber nicht mehr die Zeit, ihn anzuziehen, sondern drückte sich eilends zur Türe hinaus.

Inzwischen hatte Gretchen sich überlegt, was sie sagen wollte: nur vor allem das, was zu Fräulein von Zimmerns Rechtfertigung nötig war; wenn sie nur das sagen konnte, ehe vielleicht ihr, wie dem unschuldigen Schreiber, die Türe gewiesen wurde! Herzhaft redete sie den Forstrat an: „Ich gehe gleich wieder, aber ich muß Ihnen sagen, daß Fräulein von Zimmern ganz und gar nichts für das kann, was heute vorgefallen ist. Sie hat mir gleich gesagt, wie arg es ihr sei, und daß ich künftig die Stunden nicht mehr geben darf.“

„So?“ rief der Forstrat, „wenn Fräulein von Zimmern so etwas ‚arg‘ ist, warum stellt sie dann solche Mädchen als Lehrerinnen an wie Sie, die selbst noch halbe Kinder sind? Ist das auch in der Ordnung und erlaubt?“ Er trat dicht vor Gretchen und rief immer lauter: „Wie alt sind Sie eigentlich? Haben Sie überhaupt schon Ihr Examen bestanden? Können Sie sich vor einer Klasse Respekt verschaffen? Haben Sie das Recht, zu lehren? Das ist die heillose Sucht der jungen Mädchen heutzutage, daß sie Geld verdienen wollen, wenn sie kaum aus der Schule entlassen sind! Wenn dann so einer jungen Lehrerin die Sache zu schwierig wird, dann reißt ihr die Geduld und die Kinder werden blutig geschlagen, wie die meinige heute. Das könnte Fräulein von Zimmern wissen, sagen Sie ihr das!“ Ungestüm lief der erregte Mann im Zimmer auf und ab, während er so seinem Zorn Luft machte.