Gretchen war ganz bestürzt über all die Vorwürfe, aber sie faßte sich schnell und sagte: „Ich habe das Kind nicht blutig geschlagen, ich habe ihm in der Ungeduld, weil es durchaus nicht Ja und nicht Nein geantwortet hat, einen einzigen Schlag auf die Backe gegeben und dann hat die Kleine Nasenbluten bekommen. Fragen Sie nur Ruth, sie wird Ihnen sagen, daß es so war.“ Der Forstrat hatte bei den letzten Worten seinen Marsch eingestellt und machte Halt vor Gretchen. „Nasenbluten, sagen Sie? War’s so? Ja? Dann hat man mir ganz falsch erzählt!“
„Ja, und es ist auch falsch, wenn Sie meinen, ich sei eine Lehrerin und werde bezahlt. Ich gehe doch selbst noch in die Schule, in die Oberklasse; ich gab nur Ruth die Nachhilfstunden und von jetzt an darf ich auch das nicht mehr.“
„Sind Sie denn nicht die französische Lehrerin, Fräulein Bertrand?“
„Nein, o nein,“ rief Gretchen, „Fräulein Bertrand ist eine rechte Lehrerin, ganz, ganz anders, als ich! Ich bin bloß Gretchen Reinwald.“
„Sie sind Gretchen Reinwald?“ rief der Forstrat mit ganz verändertem, heiterem Ton. „Dann sind Sie das Mädchen, das umsonst meiner Kleinen seit einem Vierteljahr nachhilft? Dann sind Sie die Heldin, die die Schlangen fängt, von der meine Kleine alle Tage schwärmt? Die sind Sie?“
Gretchen lachte.
„Alle Wetter, das ist ganz was anderes! Dann tut mir’s leid, daß ich Sie so hart angelassen habe,“ sagte der Forstrat und schüttelte Gretchen herzlich die Hand. „Ihnen verzeihe ich gerne, wenn Sie einmal ungeduldig geworden sind! Wegen einer Unfreundlichkeit werde ich doch nicht die viele Freundlichkeit vergessen, die Sie meinem Kind schon erwiesen haben! Sie hängt mit ihrem ganzen Herzchen an Ihnen, sie hat es Ihnen gewiß schon oft gesagt.“
„O nein, Herr Forstrat, sie sagt eben gar so wenig, und das hat mich heute auch so in Verzweiflung gebracht; sie war so stumm, kein Wort konnte ich aus ihr herausbringen.“
„Ja, ja,“ sagte der Forstrat in ganz bestimmtem Ton, „so ist das Kind, herzensgut, aber ängstlich. Das können Sie natürlich nicht begreifen, aber Sie sind auch bei andern Eltern aufgewachsen.“
„Kennen Sie meine Eltern?“