„Du wirst bald deine Schülerin so weit kennen, daß du weißt: So darf ich nicht fragen, denn darauf bekomme ich keine Antwort. Kann sie wieder einmal ihre Aufgabe nicht, so frage nicht: warum; gib ihr ruhig das Buch in die Hand und sage: Lerne jetzt deine Wörter. Sie ist ein gewissenhaftes Kind, es wird nicht oft vorkommen.“

Der gestrige Tag hatte noch eine Nachwirkung. Als eine Stunde später Gretchen mit ihren Schulkamerädinnen in der Klasse saß und Fräulein Weber, die Handarbeitslehrerin, ihnen Unterricht erteilte, trat unerwartet Fräulein von Zimmern ein. Sie erkundigte sich nach dem Stand der Handarbeiten. „Wir kommen schön vorwärts,“ sagte Fräulein Weber, „fast alle sind nun mit dem Hemdenstock fertig und haben die Ärmel angefangen.“

„Wer ist noch nicht an den Ärmeln?“

„Gretchen Reinwald. Sie hatte etwas falsch gemacht und das Auftrennen hat sie aufgehalten, doch wird sie nun auch bald so weit sein.“

„Ich muß heute eine kleine Unterbrechung im Weißnähen veranlassen. Ich habe bemerkt, daß unter Ihren Schülerinnen welche sind, die zerrissene Handschuhe tragen. So etwas sollte in diesem Alter nicht mehr vorkommen, und ich möchte Sie bitten, die Handschuhe unter Ihrer Aufsicht ausbessern zu lassen. Legt die Näharbeit weg, holt eure Handschuhe herbei und zieht sie an.“

Diese unerwartete Aufforderung erregte teils Heiterkeit, teils Entsetzen.

„Nehmt nun eure Plätze wieder ein,“ sprach Fräulein von Zimmern, nachdem die Mädchen ihre Handschuhe angezogen hatten, „und legt alle eure Hände auf den Tisch. – Nicht so, keine eingeklemmten Finger und verborgenen Daumen! Alle Zehn Finger möchte ich sehen.“

Da kamen die behandschuhten Hände alle auf dem grünen Tisch zum Vorschein und manches weiße Fingerspitzchen blitzte durch die aufgetrennte Naht hindurch. Fräulein von Zimmern ging von einer Schülerin zur andern. „Eine Naht auszubessern. Zwei Knöpfchen fehlen. Zwei Fingerspitzen zustopfen. Ganz tadellos neue Glacéhandschuhe? Das ist schade für den Schulgebrauch, da liegen gewiß daheim noch welche, die geflickt und getragen werden sollten. Fünf ausgebesserte Stellen und kein Loch, das lobe ich. Zwei ungleiche Handschuhe, ei, ei!“ Nun kam sie an Gretchen. „Die deinigen sehen aus, als wenn sie eben geflickt worden wären,“ sagte sie.

„Ja, gestern abend,“ antwortete Gretchen, und ein Blick stillen Einverständnisses wurde zwischen Lehrerin und Schülerin ausgetauscht. „Ich bitte Sie, Fräulein Weber, diese Visitation in ungleichen Zwischenräumen jeden Monat zu wiederholen. Hier ist ein Pack Wirrfaden und Seide und alte Knöpfchen, sie stehen zur Verfügung. Macht euch gleich an die Arbeit.“

Fräulein von Zimmern ging, Gretchen war sehr vergnügt, daß sie an ihrer Weißnäherei weiterarbeiten konnte und nicht noch mehr in Rückstand kam; die andern aber flüsterten sich zu: „Wie ist wohl Fräulein von Zimmern auf diesen Einfall gekommen?“ Und Ottilie erklärte: „Sicherlich müssen wir das nächstemal die Stiefel ausziehen und uns die Strümpfe visitieren lassen!“