Der Vater ging, das Telegramm zu besorgen, und im Hause gabs nun einen bewegten Nachmittag. In aller Eile wurde das Nötige an Kleidern herbeigesucht, der Handkoffer gepackt und dabei viel mütterliche Ratschläge gegeben. Gretchen wurde es unbehaglich, als sie sah, daß es die Mutter so ernst nahm.
„Mutter,“ sagte sie, „traust du mir’s nicht recht zu, und wirst du dir all die Tage Sorge machen, bis ich wieder heimkomme?“
„Ich traue dir’s allerdings nicht recht zu, weil du noch so unerfahren bist, und ich denke, du wirst einiges Lehrgeld zahlen müssen als stellvertretende Hausfrau. Aber ich will mir keine Sorge machen, denn bis ins Kleinste hinein haben wir Christen eine Richtschnur für unser Tun und Lassen, und wir können nicht wesentlich fehlen, wenn wir in stetem Verkehr mit Gott stehen.“
„Ich kann mir nicht denken, daß für die kleinen Dinge im Haus und mit den Kindern, wie ich sie zu tun bekomme, das Christentum meine Richtschnur sein kann.“
„Das wäre schlimm, denn die kleinen Dinge machen schließlich den größten Inhalt des Lebens aus. Du bist dir bisher nur noch nie so bewußt worden, was für einen klar vorgezeichneten Weg diejenigen gehen, die mit Gott gehen, denn wir Eltern waren dir Gottes Stellvertreter, wir sagten dir, was du tun und lassen solltest. Sowie du von uns fort bist, ist das anders. Du mußt selbst auf Gottes Stimme achten.“
„Ich wollte, es wären viel, viel mehr einzelne Vorschriften über das, was recht und unrecht ist, in der Bibel.“
„Wenn auch viele Tausende von Vorschriften darin ständen, so wäre es doch nicht genug für all die Zeiten und Länder, für all die Völker und Altersstufen, die sich danach richten wollten, denn was für die einen recht ist, wäre für die andern unrecht. Es weht darin der Geist der Liebe und der Wahrheit und diesen Geist müssen wir in unser Herz aufnehmen, wer den erfaßt, der weiß auch das Rechte zu tun ohne einzelne Vorschriften. Von diesem Geist der Liebe und der Wahrheit laß du dich leiten, mein Kind, dann kann auch ich ganz ruhig sein!“ –
Es war noch stockfinster, als Gretchen am nächsten Morgen in Begleitung ihres Vaters auf den Bahnhof ging. Noch nie war sie im Winter so frühzeitig unterwegs gewesen, ganz fremd erschienen ihr die sonst so belebten und glänzend erleuchteten Straßen. Keine Droschke, kaum ein Fußgänger war unterwegs; und der Himmel war schwarz, die Häuser alle unbeleuchtet, nur in weiten Zwischenräumen brannten vereinzelte Laternen. Schweigsam ging Gretchen neben dem Vater her und hüllte sich fest in den Mantel, der kaum die feuchtkalte Morgenluft abhalten konnte. In der Nähe des Bahnhofes wurde es belebter, die Omnibusse aus den Gasthäusern kamen angefahren, und schlaftrunkene Hausknechte geleiteten einzelne Reisende in die Einsteighalle. Gretchen war es wie ein Traum, als sie eine Viertelstunde später im Coupé saß, gegenüber einer älteren Dame in buntseidenem Mantel, die, sobald sich der Zug in Bewegung setzte, sich in ihrer Ecke zum Schlafen einrichtete und ihre junge Mitreisende nicht beachtete.
Heute, in der nüchternen Morgenstunde, kam Gretchen das ganze Unternehmen nicht mehr so reizvoll vor wie am Abend vorher; hätten die Eltern in diesem Augenblick die Frage an sie gerichtet, ob sie dem Ruf der Tante folgen wolle, so wäre sie nicht so schnell mit der Antwort bei der Hand gewesen.
Aber auch die längste Winternacht hat schließlich ein Ende, auch am 16. Dezember wird es endlich Tag, und mit dem Tageslicht kam Gretchen wieder die Reiselust. Sie sah hinaus in die Landschaft, die ihr fast ganz fremd war, denn nur einmal, vor Jahren, hatte sie mit der Mutter diese Fahrt gemacht. Damals hatte sie Onkel, Tante und deren Kinder kennen gelernt, aber sie waren nur kurz beisammen gewesen. An Onkel und Tante, sowie ihren ältesten Vetter Hugo, der jetzt krank war, konnte sie sich noch sehr gut erinnern, aber Oskar und die zwei Kleinen, Rudi und Betty, kannte sie noch nicht. So erwartete sie mit steigender Ungeduld das Ende der Fahrt, die ihr sehr langweilig erschien. Bald sah sie durchs Fenster, ob von dem Fluß noch nichts zu sehen sei, über den sie ein paar Stationen vorher kommen mußte, dann zog sie den Fahrplan heraus und verglich die Zeitangaben mit ihrer Uhr, dann studierte sie die Eisenbahnkarte, die an der Wand hing.