Als Gretchen eben mit diesem schwierigen Werk fertig war, ertönte draußen dreimal nacheinander ein Glockenzeichen. „Das ist Papa,“ riefen die Kinder. Gretchen hörte, daß die Treppentüre geöffnet wurde, aber gleichzeitig vernahm sie lautes Schelten der Köchin.

„Es ist nicht Papa gewesen, es ist Oskar, der aus der Schule kommt,“ sagte Rudi, „und Rieke zankt mit ihm, weil er so klingelt, wie nur Papa klingeln darf.“ Aus dem lauten Wortwechsel zwischen Rieke und Oskar entnahm Gretchen, daß der kleine Bursche seines Vaters Klingeln nachahmte, damit ihm rascher geöffnet würde. Rieke aber wollte dem Jungen nicht dasselbe Vorrecht einräumen wie ihrem Herrn.

„Mit Oskar haben wir solch eine Not, seit Mama nicht mehr bei uns ist,“ erklärte Rudi in seiner altklugen Weise; und in der Tat hörte Gretchen, daß ihr Vetter Oskar dem Mädchen sehr unbotmäßige Antworten gab. Im nächsten Augenblick aber trat er ganz vergnügt ins Zimmer. Er war schon einen Kopf größer als Rudi, ein strammer Schulbub und ein hübscher Bursche. Gretchen begrüßte er sehr fröhlich; dann wandte er sich an die Kleine: „Was gibt’s zu Mittag? Heute bin ich hungrig.“

Da dachte sich Gretchen, es werde wohl Zeit sein, den Tisch zu decken. Auf ihre Aufforderung waren die Kinder gern bereit, ihr zu helfen; und als Rieke mit den Tellern ins Zimmer kam und dies Geschäft schön besorgt sah, machte sie doch ein gnädiges Gesicht. Wie aber eine Viertelstunde um die andere verging, ohne daß der Herr zum Essen heimkam, war sie sehr ungehalten. Auch die Kinder wurden verdrießlich und verlangten einstweilen zu essen, und als Rieke nicht für sie allein anrichten wollte, wurde Oskar unartig gegen sie. Es war eine ungemütliche Stunde, und Gretchen dachte daran, wie bei ihr zu Hause die Essenszeiten so pünktlich eingehalten wurden, und sehnte sich nach Hause.

Endlich erschien Herr van der Bolten. Er gab für sein spätes Kommen keinen andern Grund an, als daß er vergessen habe, rechtzeitig auf die Uhr zu sehen. Er war aber bei Tisch so liebenswürdig gegen Gretchen, so heiter mit den Kindern, daß sie bald alle in fröhlicher Stimmung waren. Nur Rieke machte noch ein böses Gesicht, als sie den Tisch wieder abräumte.

Herr van der Bolten bemerkte es. „Immer Regenlandschaft, Rieke,“ sagte er, „oder gar Gewitterschwüle?“

Rieke war nicht zum Spaßen aufgelegt.

„Es ist aber auch keine Ordnung mehr im Haus, seit die gnädige Frau nicht mehr da ist.“

„Da haben Sie einmal ein ganz wahres Wort gesprochen,“ sagte Herr van der Bolten mit voller Überzeugung.

„Und dann soll man noch immer lachen und ein freundliches Gesicht machen, wenn man so viel zu tun hat wie ich und immer putzen muß.“