„Wenn ich bleiben will, muß ich gleich telegraphieren und daheim anfragen, ob es den Eltern recht ist, denn sie erwarten mich ja heute abend.“

„Soll ich aufs Postamt und das Telegramm besorgen?“ fragte Rieke, die doch sonst um keinen Preis vom Kochen wegging, nun auf einmal sehr dienstfertig.

„Bleiben Sie nur in der Küche und sehen Sie manchmal nach den Kleinen, ich finde schon den Weg zur Post,“ antwortete Gretchen. Mit schwerem Herzen setzte sie auf einem Papier das Telegramm an ihre Eltern auf: „Soll ich hier bleiben? Oskar krank, Kinderfrau kann nicht kommen.“

Auf dem Weg zum Postamt dachte sich Gretchen aus, wie herrlich es wäre, wenn nun die Eltern zurücktelegraphieren würden: „Nein, komme sofort!“ und es schien ihr gar nicht so unwahrscheinlich, daß solch ein Bescheid kommen würde, denn ihre Eltern mußten ja wissen, wie sehnlich sie wünschte, Weihnachten daheim zu feiern. Mit Gretchens Nächstenliebe war es noch nicht ganz so bestellt, wie es sein sollte, sonst hätte sie eine andere Antwort von den Eltern gewünscht. Sie fühlte das selbst, und als sie auf die Post kam, änderte sie mit großer Selbstüberwindung den Wortlaut des Telegramms. Es hieß nun nicht mehr: „Soll ich,“ sondern: „Darf ich hier bleiben?“ und sie wußte, daß nun das „Ja“ viel wahrscheinlicher war.

Das Telegramm war abgefertigt, Gretchen machte sich auf den Rückweg. Sie war kaum einige Schritte weit gegangen, als sie zwischen den Menschen, die vor ihr hergingen, einen gelben Samthut auftauchen sah. Sofort erkannte sie unter demselben ihre Reisegefährtin wieder, die kleine, dicke Dame, die ihr Spanisch gelehrt hatte. Gretchen hatte manchmal an diese eigentümliche Reisebekanntschaft gedacht, und nun beschleunigte sie ihre Schritte, um die Fremde einzuholen. Als sie dicht hinter derselben war, sagte sie halblaut vor sich hin: „Nicht Cordōva, sondern Córdova.“ Wie wenn sie bei Namen gerufen wäre, so rasch wandte sich die Dame um und ging sofort mit freundlichem Gruß auf Gretchens Scherz ein.

Fräulein Trölopp sah heute auch nicht viel anmutiger aus als auf der Reise, und ihre Kleidung war fast noch auffallender als damals. Sie erkundigte sich aber sehr teilnehmend nach dem Ergehen ihrer jungen Reisegefährtin, und da sie ein weites Stück den gleichen Weg hatten und es Gretchen wohl tat, von dem zu sprechen, was ihr Herz bewegte, so erzählte sie ganz ausführlich, weshalb sie hier sei, was sie bei ihren Verwandten erlebt habe und zuletzt die Ereignisse des heutigen Tages. Fräulein Trölopp warf manche Frage dazwischen, sie wollte alles ganz genau wissen.

„Aber liebes Kind,“ sagte sie nun, „das ist alles ganz verkehrt gemacht worden, und ich begreife Ihren Onkel nicht. Wie kann denn Ihre Tante oben in dem Fremdenzimmer, getrennt von der Küche und allen Bequemlichkeiten, zwei Kranke pflegen? Wie soll denn das arme Frauchen das aushalten? Und wozu nützt diese Art Absperrung? Der Verkehr zwischen oben und unten ist doch nicht vollständig abgeschnitten, das Dienstmädchen trägt alles herauf und hinunter, die Kleinen können jeden Tag angesteckt werden; es ist alles ganz verkehrt!“

Gretchen war sehr erstaunt über diese Rede. Sie konnte nicht fassen, wie Fräulein Trölopp sich diese Verhältnisse so klar und richtig vorstellen konnte, wie wenn sie die ganze Hauseinrichtung und die Bewohner längst gekannt hätte. „Uns tut die Tante auch schrecklich leid,“ sagte Gretchen, „aber wie hätten wir das anders einrichten können?“

„Wie? Vor allen Dingen sagen Sie mir, warum sind Sie denn nicht zu mir gekommen? Haben Sie vergessen, daß ich im ‚Europäischen Hof‘ wohne?“

„Nein, aber ich wollte doch jetzt keine Singstunden oder spanische Stunden.“