„Fräulein von Zimmern würde es Ihnen gewiß gern vorausbezahlen,“ wandte Hermine schüchtern ein.

„Ich mag sie nicht darum bitten.“

„Ich will für Sie bitten,“ rief Gretchen eifrig.

„Nein, nein, Fräulein von Zimmern würde Sie ausfragen und sie darf nichts, gar nichts von meiner Lage erfahren, sie würde mir sonst den Abschied geben. Vergessen Sie nicht, daß Sie mir versprochen haben, keinem Menschen ein Wort von all dem mitzuteilen.“

„Aber,“ wandte Gretchen ein, „wir könnten Ihnen viel besser helfen, wenn wir es wenigstens meiner Mutter sagen dürften.“

„Sie können mir gewiß auch ohne Wissen Ihrer Eltern helfen, Sie tun ja nur ein gutes Werk. Ich traue auf Ihre Hilfe und auf Ihre Verschwiegenheit, meine lieben, jungen Freundinnen!“

Das Zeichen für den Wiederbeginn der Stunden war schon gegeben worden. Ganz erregt kamen Gretchen und Hermine in ihre Klasse, sie hatten Mühe, ihre Aufmerksamkeit dem Unterricht zuzuwenden. Beide hatten nach Schluß der Stunde das Bedürfnis, allein miteinander zu sprechen. Die Mitschülerinnen fingen an, ungehalten über sie zu werden. Ottilie spottete: „Ihr beide seid ganz ungenießbar, seit ihr so für Fräulein Geldern schwärmt. Ich möchte nur wissen, was ihr eigentlich mit ihr habt?“ Aber nicht nur die Kamerädinnen waren unzufrieden. Als Gretchen und Hermine die Treppe herunterkamen, wurden sie in das Zimmer der Vorsteherin gerufen. „Ich habe bemerkt,“ sprach diese, „daß ihr euch von den andern absondert. Wo wart ihr in der Freizeit?“

„Wir waren in der großen Kammer,“ sagte Gretchen.

„Ganz allein? Nein? Mit wem? Warum laßt ihr mich so lange fragen?“

Gretchen und Hermine mußten nun Fräulein Geldern nennen, und sie wurden von Fräulein von Zimmern recht ungnädig und mit der bestimmten Weisung entlassen, künftig ihre Freizeit mit den Kamerädinnen zuzubringen und sich nicht abzusondern.