Seit vielen Jahren schon war Pfarrer Kern Fräulein von Zimmerns treuer Berater in allen Schulangelegenheiten. Auch heute folgte er gerne der Bitte der Vorsteherin, zu kurzer Besprechung in ihr Zimmer zu kommen.

„Haben Sie wohl Fräulein Geldern kennen gelernt?“ fragte Fräulein von Zimmern.

„Nein, ich habe sie nur in ihrer Klasse begrüßt und habe sie aufgefordert, meine Frau und mich zu besuchen, aber bis jetzt ist sie noch nicht gekommen.“

„Sie wird auch nicht kommen, sie vermeidet den Verkehr, der für sie passen würde, und schließt sich an unsere Großen an, hauptsächlich an Gretchen und Hermine.“

„So sucht sie sich wenigstens die besten unter den Großen aus.“

„Aber ich glaube, daß ihr Einfluß kein guter ist. Hermine ist ja gegenwärtig krank, von ihr kann ich nichts sagen, aber Gretchen ist anders, als sie war; es ist etwas Unaufrichtiges, Verstecktes in dem sonst so offenherzigen Kind, sie muß irgendwie in Heimlichkeiten mit Fräulein Geldern verstrickt sein.“ Der Pfarrer wurde aufmerksam. „In Heimlichkeiten, meinen Sie? Das könnte wohl sein. Wissen Sie wohl etwas über Fräulein Gelderns Verhältnisse? Ist sie unbemittelt?“

„Darüber kann ich nichts sagen. Sie spricht sich nicht aus und ich konnte mich nicht mit der nötigen Sorgfalt nach ihr erkundigen, da ich froh sein mußte, rasch jemand zur Aushilfe zu bekommen, auch hoffte ich, es würde nur für kurze Zeit sein. Aber ich habe heute den Entschluß gefaßt, sie zu entlassen.“

„Sie können sie doch kaum entbehren?“

„Kaum, aber es muß doch gehen. Ich will lieber selbst eine Anzahl Stunden übernehmen, als einen schlechten Einfluß auf meine Schülerinnen dulden.“

Der Pfarrer ging sinnend auf und ab. „Warten Sie noch acht Tage, vielleicht klärt sich die Sache von selbst,“ sagte er.