„Vielleicht, aber sicherer ist’s, ich mache ein Ende. Wie viel Schlimmes kann in einer Woche angerichtet werden!“

„Ist Gretchen in der Arbeit lässig?“

„Das nicht; sie hat sehr gute Arbeiten geliefert in der letzten Zeit.“

„Das ist doch immer ein gutes Zeichen. Ich würde warten, wenigstens noch drei Tage, und zusehen, ob Gretchens gerader Sinn sie nicht selbst wieder auf den rechten Weg führt. Man muß doch den Menschen Zeit lassen, sich selbst zurechtzufinden, ehe man einschreitet.“

„So will ich noch drei Tage zusehen.“

„Gut; ich komme ja Donnerstag in die fünfte Klasse, dann wollen wir wieder darüber sprechen.“

Während der Pfarrer mit Fräulein von Zimmern dies Zwiegespräch führte, ging Gretchen in Gedanken versunken ihren Weg von der Schule heim. Es klangen ihr noch die letzten Worte des Pfarrers in den Ohren: Macht euch frei von Heimlichkeiten, um jeden Preis! Sie wußte jetzt, was recht war, und wollte es tun, aber wie? Sie erschrak ordentlich, als ihr unvermutet aus einem Torweg diejenige entgegentrat, mit der sich all ihre Gedanken beschäftigten. „Ich habe hier auf Sie gewartet, liebes Gretchen,“ sagte Fräulein Geldern; „wie froh bin ich, daß ich Sie allein treffe! Ich möchte Ihnen noch danken für das, was Sie mir vor der Schule gebracht haben, Sie treue Seele. Was finge ich an, wenn ich Sie nicht hätte? Und nun habe ich schon wieder eine Bitte, aber ich weiß ja, Sie tun gern Gutes an mir, nicht wahr?“ Gretchen fühlte, daß der Augenblick gekommen war, wo sie sprechen mußte. „Ja,“ sagte sie, „ich tue gern alles, aber nicht mehr heimlich. Ich habe mir schon immer gedacht, daß es nicht recht ist, und jetzt weiß ich’s ganz gewiß. Bitte, Fräulein Geldern, erlauben Sie mir jetzt, daß ich der Mutter alles sage. Denn, sehen Sie, die Heimlichkeiten sind wie ein schmutziger Deckmantel, mit dem edle Menschen sich nicht bedecken mögen, und helfen kann ich Ihnen doch nicht recht, so wie’s sein sollte; dazu gehört so viel Verständnis und Menschenkenntnis, wie nur ältere Leute haben können.“

Mit Erstaunen hatte Fräulein Geldern diesem kleinen Vortrag zugehört; jetzt sagte sie mit großer Bestimmtheit:

„Was Sie da sagen, kommt nicht von Ihnen; wer hat Ihnen das alles eingegeben? Sie wollen mich nicht verraten, Gretchen, Sie haben mich schon verraten!“

„Nein, gewiß nicht, ich habe Sie nicht verraten, aber ich muß mich frei machen von diesen Heimlichkeiten, um jeden Preis!“