„Auch um den Preis meiner Freundschaft, Gretchen? Ist das Ihre ganze Treue? O, wäre nur Hermine bei uns, sie würde mich nicht so schnöd verlassen, sie hat ein weiches Herz. Aber Sie haben kein wahres Mitgefühl, ich bin Ihnen unbequem, darum gebrauchen Sie schöne Worte, um mich abzuschütteln. Gehen Sie, ich habe mich in Ihnen getäuscht; gehen Sie und verraten Sie mich bei Fräulein von Zimmern, bringen Sie mich ins Unglück und sich zu Ehren, ich kann Sie nicht hindern.“
Nach diesen Worten ging Fräulein Geldern rasch von Gretchen weg auf die andere Seite der Straße und verschwand in einer Seitenstraße.
Nun war Gretchen frei, aber diese Freiheit, nach der sie sich so gesehnt hatte, war bitter!
Wie im Traum wanderte sie ihren Weg weiter; sie wußte gar nicht, wie sie heimgekommen war, und konnte nicht begreifen, daß die Kleinen sie zu Hause so vergnügt wie immer empfingen. Sie ging in ihr Schlafzimmer, die Kinder folgten ihr, aber Gretchen beachtete sie nicht und ging nicht wie sonst freundlich auf ihr Geplauder ein. Sie war noch nicht im reinen mit sich selbst, sie wußte nicht, was sie nun tun sollte. Der Mutter alles erzählen und vor Fräulein Geldern als treulose Verräterin dastehen? Oder ein Briefchen schreiben mit dem kurzen Inhalt: „Teure Freundin, ich verrate Sie nicht!“ Wie würde Fräulein Geldern sie am nächsten Tag ans Herz drücken!
„Gretchen, jetzt habe ich dir zweimal gesagt, daß es heute Dampfnudeln gibt und du freust dich immer noch nicht!“ sagte Rudi. „Bist du denn traurig?“ frug die kleine Betty und drängte sich teilnehmend an Gretchen. „O laßt mich nur ein klein wenig allein,“ bat Gretchen, „später will ich dann mit euch spielen.“ Da ging das Pärchen hinaus und, beriet, was das zu bedeuten habe, wenn man sich nicht über Dampfnudeln freuen könne.
Endlich beschlossen sie, zu Gretchens Mutter zu gehen. „Tante,“ sagte Betty, „hast du noch ein Täfele Schokolade, wie du mir zum Trost gegeben hast, wie ich gefallen bin?“ „Ja,“ sagte die Tante, „ist denn wieder jemand gefallen?“ „Nein, aber dein Gretchen ist so traurig im Schlafzimmer.“ „Ja so traurig,“ bestätigte Rudi, „daß sie sich nicht auf die Dampfnudeln freuen will.“ „Und da gibst du ihr ein Täfelchen Schokolade, gelt Tantele,“ bat Betty. „Ja,“ sagte Frau Reinwald und holte das Trostmittel, „bringt ihr das und sagt ihr, die Tante habe vielleicht noch einen besseren Trost, ob sie sich den nicht holen wolle?“ Die Kleinen gingen eilfertig hinaus, überbrachten ihren Trost und verhießen noch besseren. Da war Gretchen entschlossen.
„Ja, ich will mir den bessern Trost holen,“ sagte sie, „und euch lasse ich die Schokolade. Dafür bleibt ihr ein Weilchen hier und laßt mich allein mit der Tante.“
Frau Reinwald erfuhr nun alles, was Gretchen in diesen Tagen erlebt hatte. Es war ihr schmerzlich, daß ihr Kind zum erstenmal etwas vor ihr verheimlicht hatte, aber sie sah, daß Gretchen selbst am meisten unter diesen Heimlichkeiten gelitten und sich ernstlich bemüht hatte, davon frei zu werden; auch verstand sie, wie bitter es ihr sein mußte, von Fräulein von Zimmern und nun auch von Fräulein Geldern schlecht beurteilt zu werden. „Ich mag mich vor beiden nicht mehr blicken lassen,“ sagte Gretchen und weinte schmerzlich. Frau Reinwald tröstete sie freundlich: „Ich glaube nicht, daß dir an Fräulein Gelderns Achtung und Freundschaft viel liegen muß, und Fräulein von Zimmern werde ich selbst wohl alles erklären, ich will zuerst mit dem Vater darüber sprechen.“ Aber diese Worte konnten Gretchen nicht trösten, im Gegenteil rief sie ganz entsetzt: „O Mutter, du wirst doch nicht dem Vater und Fräulein von Zimmern das alles mitteilen; wenn das Fräulein Geldern erfährt, ist sie ganz unglücklich und mich verachtet sie dann noch mehr. Wenn du sie kenntest, hättest du auch Mitleid mit ihr.“ „Daß ich mit dem Vater rede, versteht sich von selbst, und daß wir alles zum Wohl von Fräulein Geldern tun wollen, darfst du mir glauben. Wie sollte ich nicht Mitleid empfinden für ein alleinstehendes junges Mädchen, das durch die Not auf falsche Wege geraten ist?“
In diesem Augenblick trat Herr Reinwald ins Zimmer. Gretchen eilte zur Türe hinaus; sie mochte sich vor dem Vater nicht in Tränen sehen lassen – er konnte das nicht leiden – auch wollte sie es nicht mit anhören, wie Fräulein Gelderns sorgfältig gehütetes Geheimnis weiter gesprochen wurde. Sie ging zu den Kleinen; diese merkten zwar, daß der bessere Trost noch nicht gewirkt hatte, aber da Gretchen liebevoll auf ihr Spiel einging, waren sie auch mit einem traurigen Gretchen zufrieden.
Lange sprachen die Eltern miteinander, bei Tisch aber wurde nichts erwähnt und Gretchen wußte nicht, wie der Vater über die Sache dachte. Am Nachmittag schrieb die Mutter einen Brief, und Gretchen sagte sich schmerzlich: es wird an Fräulein von Zimmern sein. Da rief Frau Reinwald sie freundlich herbei. „Willst du dies Briefchen lesen? Ich will es durch Franziska an Fräulein Geldern schicken.“