„Aber Hermine selbst hat es doch so leicht verschmerzt,“ sagte Gretchen.

„Meinst du, Kind?“ fragte Frau Braun in schmerzlichem Ton. „Da irrst du dich. Hermine hat dich so lieb, daß sie sich vor dir beherrscht, weil sie dir die Freude nicht verderben will. So etwas verschmerzt sich überhaupt nie. Noch als altes Mütterlein wirst du dich deines Glückes rühmen und von dem Fest erzählen, das du mitmachen durftest, und sie wird in ihren alten Tagen noch von diesem Mißgeschick reden. Es ist ja auch bitter für sie, und daß es ihr Vater so schwer nimmt, macht es allerdings noch besonders schwer für uns alle.“

„Ja, und daß Richard immer behauptet, es sei ungerecht, weil Hermine bloß durch ihr Kranksein zurückgekommen sei, und weil Fräulein von Zimmern heuer die Probearbeiten früher machen ließ als sonst, gerade wie wenn sie gewollt hätte, daß es so kommt.“

„Das ist aber nicht wahr,“ rief die kleine Mathilde, „wir haben die Arbeiten früher machen müssen, weil zwei Lehrer fortkommen.“

Gretchen hatte genug gehört. „Hermine bleibt mir doch zu lange aus, ich will jetzt gehen,“ sagte sie.

„Es ist mir nicht recht,“ sagte Frau Braun, „daß das alles vor dir gesprochen wurde, es wird auch Hermine sehr leid sein. Nimm dir’s nicht zu Herzen, du kannst ja gar nichts dafür. Wenn ich dich vorher nicht mehr sehe, so wünsche ich dir recht viel Vergnügen zu dem Fest, komm nur bald danach und erzähle uns.“

Die kleine Mathilde geleitete Gretchen hinaus, sie war sehr anhänglich an sie. „Mathilde,“ sagte Gretchen zu ihr, „sage mir die Wahrheit, ist Hermine sehr traurig?“ Die Kleine nickte nur mit ernsthaftem Gesichtchen.

Gretchen ging. Wo war auf einmal all ihre Freude hin? Ganz in Gedanken verloren wanderte sie durch die Straßen und machte ihre Besorgungen. Die Seide, die Atlasbändchen, die sie auswählen sollte, waren ihr so gleichgültig. Vor einer Stunde noch hatte sie sich gefreut, daß endlich ihr Festkleid gemacht werden sollte, jetzt mochte sie gar nicht daran denken. Eine ganze Familie war traurig geworden durch sie und nicht nur traurig für kurze Zeit, nein, Frau Braun sagte ja, Hermine würde noch als altes Mütterchen darum trauern. Das kam ihr gar schrecklich vor! Wie hatten ein paar Worte doch ihre ganze, große Freude zerstört! Am liebsten hätte sie jetzt noch zugunsten von Hermine auf ihre Einladung verzichtet, aber es ging ja nicht mehr. Der Vater würde sagen, das seien törichte und übertriebene Freundschaftsideen, die Mutter würde ihr vorstellen, daß alles schon eingekauft und für morgen die Näherin bestellt sei.

Wie zur Bestätigung dieser Gedanken trat ihr daheim Franziska mit den Worten entgegen: „Der Schuhmacher hat die Stiefelchen geschickt, sie sind hochfein, im Zimmer stehen sie.“ Nein, es war zu spät, um zu verzichten. Sie wollte die Eltern gar nicht um die Erlaubnis bitten, ihre Mutter würde es nur betrüben, wenn sie hörte, was Brauns gesagt hatten. Sie wollte nicht auch der Mutter noch die Freude verderben, diesen Kummer wollte sie vor ihr verbergen.

Der Kinder Geplauder brachte sie über die nächste Stunde weg, aber nun mußten die Kleinen zu Bett, und dann kam der Vater zum Abendessen, sonst eine gemütliche Stunde, auf die sie sich aber heute fürchtete, denn es mußte die Rede auf das Fest kommen, und sie sollte davon sprechen wie früher und dachte doch ganz anders darüber.